Selbst die, die Augsburg nicht kennen, kennen Augsburg. Zumindest die Augsburger Puppenkiste, das traditionsreiche Marionettentheater der kreisfreien bayrischen Großstadt. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Urmel aus dem Eis, Schlupp vom grünen Stern, Monty Spinnerratz oder der Prinz von Pumpelonien: in der Puppenkiste kommen sie alle zusammen und begeistern so seit über sechzig Jahren.

Ein Erfolg, der auch dem Grandhotel Cosmopolis zu wünschen ist, einem gesellschaftlichen Gesamtkunstwerk, das Augsburger Künstler 2011 zum Leben erweckten, auf dass es sich bald mit Leben in all seiner Vielfalt füllen würde. Die Grundidee des Cosmopolis` basiert auf der Theorie der Sozialen Skulptur (auch genannt Soziale Plastik) nach Joseph Beuys und dessen Überzeugung, dass der Mensch nicht von Geburt an neutral sondern „potentiell seinem Wesen nach ein schöpferisches Wesen ist und aus seiner Freiheit heraus Gestaltungen im gesamtgesellschaftlichen Bereich jeweils in seinem Arbeitsfelde vollziehen kann“.

Das ist soweit nichts neues. Subbotniks, Arbeitseinsätze, unentgeltliche Nutzbarmachung und kreative Aufwertung leerstehender, oft vom Verfall bedrohter Gebäude, worin die Entlohnung genau darin besteht: Selbstgestaltung und Selbstverwaltung. Rechte, die man in Kindertagen wohl gern schon für sich und seine Räumlichkeiten eingefordert hätte, die aber meist an der Pflicht (Nutzbarmachung selbiger) scheiterten.

Ebenso, wie die Idee der Partizipation klingt auch die Idee der Mischnutzung, auf deren Überlegung das Cosmopolis-Konzept ebenfalls fußt, nicht neu. Und trotzdem ist sie es. Denn klar formuliertes Ziel der Initiatoren war und ist es, nicht nur Kulturschaffenden Augsburgs einen Ort des Austausches zu schaffen und interessierten Touristen eine Herberge zu sein, sondern eben und vor allem auch „einer beschränkten Anzahl von Asylbewerbern eine Unterkunft für einen Zeitraum zu geben, mit der Möglichkeit, sich an dem Projekt zu beteiligen.“ Eine applauswürdige Idee, die Aufgabe der Unterbringung von Asylbewerbern mit kultureller Vielfalt und mit einem Angebot zur Teilhabe für alle zu verknüpfen.

Umgesetzt wurde diese in einem ehemaligen Pflegeheim der Diakonie Augsburg, die den Umbau vorfinanzierte. Spendenfreudige Sympathisanten und Unterstützer der Idee und vor allem viele unermüdliche Augbsurger halfen durch noch viel mehr unentgeltliche Arbeitsstunden die soziale Plastik entstehen zulassen.

Die ersten Flüchtlinge, oder wie die Hoteliers sie schöner bezeichnen, Gäste mit Asyl, bezogen im Juli 2013 die ersten der 60 Betten großen Gemeinschaftsunterkunft des Grandhotels. 27 Zimmer, die sich auf drei der insgesamt sechs Stockwerke zwischen Ateliers, Foto- und Tonstudios verteilen und deren direkte Mieterin die Regierung Schwabens ist. Auf die anderen drei Stockwerke verteilen sich zwölf Doppel- und vier Hostelzimmer für Reisende, Gäste ohne Asyl. Gestaltet wurden „Utopia“, „Leuchtturm“, „4Null5“, „Persisches Zimmer“ und all die anderen, die ihre ersten Besucher im Juli 2014 begrüßten, von Kunstschaffenden mit und ohne Asyl. Getroffen wird sich in der Lobby, an der Café-Bar, in den Ateliers, Studios, Werkstätten, auf den Gängen, bald schon in der Bürgergaststätte oder bei einer der zahlreichen Veranstaltungen oder oder oder … im (Miteinander-)Leben eben.

Im Cosmopolis werden Exilanten, anders als in „normalen Flüchtlingsheimen“ also nicht abgeschottet und separiert. Vielmehr ist das Grandhotel ein Ort, an dem sie mit Künstlern, Kreativen, Hotelgästen und den Hoteliers Etage an Etage leben  und an dem sie alle Hand in Hand miteinander arbeiten und durch kulturellen Austausch Stück für Stück voneinander und übereinander lernen. Und die sich füreinander einsetzen und stark machen. Kämpfen die Hoteliers gegen die Abschiebung ihrer Gäste mit Asyl, sprechen mit Behörden und Politikern, sammeln Spenden, starten Petitionen. Manchmal mit Erfolg, manchmal ohne. Immer aber aus voller Überzeugung eines welt-offenen gelebten Miteinanders. Ein Projekt, dem Unterstützer, Nachahmer und Trittbrettfahrer ausdrücklich zu wünschen sind. Und noch mehr Preise für ein Konzept, das – und hier kommt Kunst eben doch von Können – gekonnt Akzente für ein friedliches, herkunftsunabhängiges Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft setzt.