Man kann sich ganz gut vorstellen wie die, damals noch 21-Jährige, Alanis Morissette an einem einsamen Strand, oder auf einem Hausdach in urbaner Lage sitzt, ihre Beine baumeln lässt und mit großen rehbraunen Kulleraugen verträumt in die Ferne blickt. Dabei singt sie einen ihrer zuckersüßen Popsongs vor sich hin, von der Ironie des Schicksals geplagt und von den Wendungen des Lebens überrascht.

Dass sich der Inhalt des vorgetragenen Liedguts aber weder auf die rhetorische Figur der Ironie per se, noch dessen existenzielles Pendant beziehen lässt, scheint der jungen Dame herzlich egal gewesen zu sein.
Regen am Tage der eigenen Hochzeit beispielsweise, ist nicht allzu ironisch.
Ärgerlich, ungelegen, nass, oder vielleicht sogar ein bisschen romantisch, wenn nach einem kurzen Schauer die Wolken wieder aufbrechen, sich ein Regebogen bildet und die weißen Tauben gen Himmel davon fliegen und man noch viele Jahre danach Sachen sagen wird, wie: „Weißt du noch, als wir damals aus der Kirche kamen und es erst regnete, dann aber bald wieder schön wurde und dieser tolle Regenbogen zu sehen war?‟.

Aber kein Mensch, nicht einmal die, vor Liebe und Endorphinen, noch so aufgekratze Ehefrau, wird sagen, dass das ein ironischer Augenblick gewesen sei.

Ironisch war das Schauspiel, dessen ich auf der heutigen S-Bahn fahrt ungewollt Zeuge wurde.
Es scheint ein physikalisches oder auch einfach nur ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass sich die Stimmlautstärke antiproportional zur allgemein herrschenden Lautstärke, der Enge des Raumes und der Anzahl der sich darin befindenden Personen verhält.
So kommt es, dass Menschen, die auf der Straße telefonieren, nicht etwa gegen die Umgebungsgeräusche, wie vorbeifahrende Autos, Busse und Lastwagen, lärmende Junggesellenabschiede oder Touristengruppen anschreien, sondern ganz moderat mit ihrem Gesprächspartner kommunizieren.
Telefonierer im öffentlichen Personennahverkehr hingegen brüllen, in einem verhältnismäßg kleinen Blechbehälter voller lesender, dösender und (über Kopfhörer) Musik hörender Menschen, in ihre mobilen Kommunikationsgeräte, dass man meinen könnte, ihr Gesprächspartner befände sich auf einem Death Metal Konzert oder hätte sich auf einer Baustelle in unmittelbarer Nähe eines Presslufthammers niedergelassen.

Ich hatte nun das Pech auf dem Nachbarsitz eines Mannes Platz genommen zu haben, der telefonierte. Das tat er zu allem Überfluss auch noch über ein Headset, weshalb ich zuerst annahm, er führe ein Gespräch mit seinem Gegenüber, dass er beim Reden unentwegt mit seinem Blick fixierte, oder dass er gar meine wohlverdiente Feierabend-Gedankenversunkenheit stören wolle, indem er ein Gespräch mit mir anzettelt.
Doch weit gefehlt, der Mann redete mit niemandem in dieser S-Bahn und womöglich noch nicht einmal mit jemandem in dieser Stadt.

Da saß er nun also, der arme Tropf, schrie in sein Headset und durchlebte eine ironische Begebenheit, ohne sich dessen überhaupt bewusst geworden zu sein.
Er erklärte gerade nämlich seinem Freund, Kollegen, Verwandten, oder Steuerberater und gleichzeitig allen Anwesenden im Waggon, dass sich unsere Gesellschaft derzeit in einer Abwärtspirale in eine digitale Abhängigkeit bewege. Es geschehe nicht ohne Grund, dass man immer mehr auf seine technischen Helferlein angewiesen sei und dass es, „wenn das so weiter geht‟, bald Formen und Ausmaße annehmen könne, ja sogar unausweichlich werde, die man sich jetzt noch gar nicht auszumalen traue.

Während er auf dem Tablet in seinem Schoß die Eckdaten der neusten technischen Errungenschaft – einer digitalen Brille, die das reale Leben mit dem Virtuellen kombiniert – durchliest und seinem Gesprächspartner diese allerneuste Absurdität zu erklären versucht, verteilt er immer wieder subtile Seitenhiebe auf die Kommunikationsgesellschaft im Allgemeinen und die Mitreisenden im Speziellen.
Er hebt an diesen Stellen seines Vortrags sogar ein klein wenig die Stimme, damit die Umsitzenden auch wirklich mitbekommen, dass er kritisch-reflexive Sätze sagt und die Missstände in unserer modernen Gesellschaft empört ausruft und anprangert.

‟Man muss sich doch hier nur mal umschauen. Jeder Zweite guckt auf sein Handy‟, schreit er in sein Headset, dass an einem Smartphone angeschlossen ist, während er simultan auf einem Tablet nach gesprächsunterfütternden Imformationen googelt.

Vielleicht hängt sein Gesprächspartner nach Ende des Gesprächs, irgendwo auf der Welt den Hörer einer Telefonzelle ein, geht nach Hause, legt eine Schallplatte auf und hört „Ironic‟.