Brütende Hitze, polnischer Vodka und ein Festival mitten im Nirgendwo – wir SLEAZELS beweisen Internationalität und schauen über den deutschen Festivaltellerrand nach Katowice, wo zum achten Mal das kleine aber feine OFF Festival statt gefunden hat.

 OFF normal

Kato … wie? Kato … was? KATOWICE! Noch nie davon gehört? Tja, ich auch nicht. Umso mehr reizte es mich in diese polnische Metropole zu fahren. Vor allem, als ich das Line-Up des mir bisher ebenfalls unbekannten polnischen Festivals gesehen hatte: My Bloody Valentine, The Smashing Pumpkins, Deerhunter, Godspeed You! Black Empiror, The Walkman und noch viele mehr. Ich sagte also zu, überredete einen Freund mich als Fotograf zu begleiten und entschloss mich nach endlosen Diskussionen mit meiner Mutter über widrige Straßenzustände und polnische Autodiebe gegen meinen eigenen fahrbaren Untersatz.

Anfang August schwangen wir uns dann vollbepackt mit Klopapier und Dosenfutter in den Zug. Zugegeben ein wenig mulmig war mir schon. Immerhin hallten mir noch die wenig erbaulichen Worte einer Freundin aus Polen im Ohr, die mich allen Ernstes fragte, was ich „verdammt nochmal“ in Katowice wollte.

Nach knappen vier Stunden Fahrt, sehr höflichem Zugpersonal und ein paar gratis (!) Snacks später (deutsche Bahn nimm dir ein Beispiel!), kamen wir schließlich von der Klimaanlage tiefgefroren an, um gleich nach verlassen des Zuges den beinahen Hitzetod zu sterben. Aber gut, es ist Sommer, dafür können die Polen nichts.

Auto          Wat se fak          Schlafend          Mann

Noch schnell ein paar Zloty (polnische Währung) abgehoben und schon ging es mit dem Bus durch die nicht gerade einladende Innenstadt zum nahegelegenen Festivalgelände. Das Vorhaben unser Zelt schnell aufzubauen, um auch ja keine Band zu verpassen und rechtzeitig zu unserem ersten Interview zu kommen, wurde durch penible deu … äh polnische Genauigkeit beim Betreten des Campingplatzes zu Nichte gemacht: KEIN BIER, KEIN FEUER, KEINE EIGENES KOCHEN, geschweige denn sonstige Aktivitäten die sinnlos sind, Spaß machen und zu einem Festival eigentlich wie das Amen im Gebet dazu gehören, schallte es uns am Eingang entgegen. „AM BESTEN IHR FAHRT ALLE WIEDER HEIM!“ hätte der Nachsatz lauten müssen.

Naja. Schon schräge Vögel diese Polen! Aber vermutlich wissen die Damen und Herren Veranstalter schon warum sie solche Spaßbremsen sind. Die Vodka-saufenden Herren hinter uns in der Schlange (es war ca. 15h) waren wohl der beste Beweis dafür. Und die unfassbar sauberen Dixi-Klos, die diese Sanktionen als positive Konsequenz nach sich zogen, waren – obwohl nicht sehr authentisch – auch nicht zu verachten.

Wie auch immer. Trotz aller Hürden, die durch die nicht vorhandenen Sprachkenntnisse auf beiden Seiten nicht gerade kleiner wurden, schafften wir es schlussendlich doch noch zu unserem Interview mit Jarvis Tavernier, seines Zeichens Gitarrist der New Yorker Band Woods.

60_woods„Cool, ihr seid aus Berlin“, grinst mir ein eher schüchterner Typ mit einem verstohlenen Lächeln entgegen. „Reden wir also über Techno!“ Techno? Nun gut, ähm … “War nur ein Scherz. Ich habe keine Ahnung von Techno, wollte aber immer mal in diesen einen Club in Berlin gehen (er meinte das Berghain)“.

Beschämt müssen wir gleich zu Beginn des Gesprächs zugeben, dass wir es – Zelt sei Dank – nicht zur „total verrückten“ Show der Band aus Brooklyn geschafft haben. „Die Bühne steht wahrscheinlich immer noch in Flammen. Ihr habt echt was verpasst!“ reibt er uns gekonnt unter die Nase. Na toll, das fängt ja gut an. Erst im Nachhinein erfahre ich auch noch, dass die 2005 von Jeremy Earl gegründete folk-rock Band gerade für ihre energiegeladenen Live-Auftritte bekannt sind. Ob Drogen dafür der Grund sind? „Nein, so was machen wir nicht“, werde ich nüchtern belehrt. „Obwohl ich mich an eine einzige Show erinnern kann, bei der ich total bekifft war. Es war die beste Show meines Lebens. Nur dumm, dass ich der Einzige war, der das so empfand.“

Nach fünf Studioalben und mittlerweile auch einem eigenen Label namens Woodsist können die Jungs recht gut von ihrer Musik leben. Eine Tatsache, die vor einigen Jahren noch nicht so war. „Ich habe lange Zeit in einem Restaurant gearbeitet und tat alles, was man mir auftrug. Ich liebte es. Eine Woche auf Tour, in der nächsten arbeitete ich als Kellner. Gratis Essen und guter Kaffee. Was will man mehr? Trotzdem stand die Band immer im Vordergrund und war immer das einzige, was ich machen wollte – und auch das einzige, was ich gut kann“.

Crowd

Den Erfolg ihrer Band haben die Musiker sicherlich ihrer Leidenschaft, ihrem Ehrgeiz und dem Umstand zu verdanken, dass Frontmann Jeremy sich in Großstädten nicht sonderlich wohl fühlt. „Als wir die Band gründeten, lebten wir zusammen in einer kleinen Wohnung in New York. Jeremy, der vom Land kam, war die Großstadt nicht gewöhnt und fühlte sich auch nie wohl da.“, beschreibt Jarvis seinen Freund und Bandkollegen. „Das führte dazu, dass er hauptsächlich zu Hause war und irgendwie versuchte zu „überleben“ bzw. seine Situation zu verarbeiten. Das tat er, indem er Songs schrieb.“ So schlimm dieser Zustand der Großstadt für Jeremy Earl auch gewesen sein mag, für die Band war er der nötige Antrieb und Pol der Kreativität, der sich schlussendlich bezahlt machte. Immerhin wurde das zweite Album der Truppe „Songs of Shame“ (2009) vom amerikanischen Musikblog Pitchfork als „beste neue Musik“ bezeichnet.

Metz        austra        The Oh Sees        The Smashing Pumpkins        Veronica Falls        Deerhunter

Es folgten drei Tage voller Musik, polnischer Teigtaschen, dem einen oder anderen Hitzekoller und billigem Fusel. Abgesehen vom grandiosen „Ich versteh nur Bahnhof“- Polenrap und den ohnehin als Headliner geführten Bands wie My Bloody Valentine (großartiges Konzert mit Tinnitus-Alarm), Deerhunter, Godspeed You! Black Empiror, Austra und den Smashing Pumpkins (Was hat Billy Corgan seinem Körper angetan!?), die ihrem Namen alle Ehre machten, überzeugten vor allem die kleinen No-Name Bands, wie die Gute-Laune Kombo The Paradise Bangkok Molam International Band aus Thailand oder die total abgedrehten The Oh Sees aus San Francisco. Alles in allem ein gut – für meinen Geschmack schon fast ein wenig zu gut – organisiertes, überaus familiäres und absolut leistbares Festival mit unglaublich diszipliniertem, begeisterungsfähigem und familienfreundlichen Publikum. Hier rocken Jung und Alt und das nicht neben-, sondern miteinander! Zwei Daumen hoch!

Mariella & Hannes