Nachdem wir bei der ersten Ausgabe im letzten Jahr so viel Spaß hatten, wollten wir das Pure & Crafted Festival 2016 auf keinen Fall verpassen.

Wir waren ganz gespannt, ob es dieses Jahr ganz anders wird, sie irgendetwas verbessern konnten, oder sich einfach alles zum Schlechteren gewandelt hat. Letzteres war zum Glück nicht der Fall, soviel sei schon mal verraten. Wir haben uns das alles aus der Nähe angeschaut und erzählen euch davon. Genau jetzt:

Das Pure & Crafted Festival 2016 bot die drei großen Bs: Bikes, Bands und Bier

Das sind nicht die klassischen Zutaten eines jeden Festivals, denn dort steht die Mobilität auf zwei Rädern nicht unbedingt im Vordergrund, doch beim Pure & Crafted ist das etwas anders. Die Veranstalter wollen nicht nur Musik, ein paar Essensstände und das obligatorische Bier bieten, sondern Treffpunkt für die Custom Bike Szene sein.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass da auch dieses Jahr wieder ein heißer Ofen neben dem anderen stand. Wir SLEAZELS sind zugegebenermaßen nicht ganz die Zielgruppe, da wir uns zu großen Teilen zwar auch auf zwei Rädern, jedoch völlig ohne Motorisierung fortbewegen. Zu gucken gibt es hier für fachfremde Menschen trotzdem ziemlich viel. Man kann ein schönes Bike nämlich auch wertschätzen, ohne es fahren zu können.
In der sogenannten Wheels Area gab es jedoch noch mehr zu entdecken. Am einfachsten zog das Motodrom die Aufmerksamkeit auf sich. Die älteste reisende Steilwand der Welt ist nämlich nicht nur steil, sondern auch laut, wenn darin tollkühne Männer auf ihren Höllenmaschinen die Wände hochfahren.

motodrome berlin pure and crafted

Bild: ©Stephan Flad

Doch wurden nicht nur Motoren zum Aufheulen gebracht und nur Krach gemacht. In besinnlicheren Momenten konnte man sich die Fotos der Rollin’ Eyes – Motorcycle Culture Photography Show ansehen, die aus den Bildern verschiedenster Fotografen ein Mosaik der Bikerkultur zusammensetzte.
Bewegtbilder bekam man auch zu sehen. Dazu wurden die besten Filme des diesjährigen NY Motorcycle Film Festival ausgewählt und vorgestellt.

Im Gegensatz zum letzten Jahr schien die Wheels Area deutlich größer und mit mehr Ausstellern und entsprechend mehr Bikes verschiedener Custom Werkstätten ausgestattet gewesen zu sein. Das kam womöglich durch eine generelle Neuanordnung des Festivalgeländes, da beispielsweise auch die Hauptbühne an ganz anderer Stelle zu finden war.

Apropos Hauptbühne. Über das zweite B – die Bands – wollten wir auch noch sprechen.

Mit dabei waren wieder ein paar große Namen, aufstrebende junge Künstler, Geheimtipps und einige mehr.

Bevor wir uns auf die großen Bühnen konzentrieren, richten wir das Augenmerk auf eine ganz kleine. Die Berlinmusiker Akustik Stage bot aufstrebenden Singer/Songwritern nicht nur eine gute Plattform sondern auch eine großartige Kulisse, direkt vor dem Motodrom.
Wer bei den Showcases im Grünen Salon der Volksbühne überzeugen konnte, durfte hier spielen. Das merkte man auch, denn sie überzeugten allesamt.

Mit der Band of Skulls und The King Blues ging der Freitagabend sehr energetisch los und fiel dann fast ins Wasser, weil sich das Wetter dann wieder von seiner ganz unsommerlichen Seite zeigte und reichlich Wasser auf uns niederwarf. Doch das bisschen Regen ist kein Gegner für die bereits mit allen Wassern gewaschenen Schweden von Mando Diao, die die Menge zum Tanzen brachte und so zumindest für ein innerliches wohliges Gefühl sorgte.

mando diao live 2016 berlin

Feuer haben sie sogar auch gemacht – Mando Diao auf dem Pure and Crafted 2016 – Bild: ©Stephan Flad

Bevor wir uns vom ersten Festivaltag verabschiedeten, wohnten wir noch einem lustigen Partyspaß bei. Wer hätte gedacht, dass Karaoke so viel Freude bereiten kann? Und zwar nicht nur bei denjenigen, die das Mikro in Händen hielten und ihren Freunden, sondern dem gesamten und gut gefüllten Innenraum des Postbahnhofs.
Beim Punkrockkaraoke kam eine richtige Liveband zum Einsatz, die für gute Stimmung sorgte und auch bei Textunsicherheiten unterstützend zu Hilfe eilte. Karaoke mit echter Band bringt sogar Karaokemuffel und Singverweigerer auf die Bühne. Wer auch immer sich das überlegt hat, dem sei unsere Hochachtung ausgesprochen.

Am Nachmittag von Tag zwei schlugen wir nach ausreichendem Katerschlaf, einem deftigen Burger bei den Jungs von Golden Burgers und einer Tüte Pommes  – für die Elektrolyte, denkt immer an eure Elektrolyte – unsere Zelte vor der Hauptbühne auf. Dort nämlich erwarteten den geneigten Musikfreund die verzaubernden Klängen der Berliner Indie-Rocker Abby. Trotz Fame und Glastonbury-Slot ließen die sich von eher wenig Bühnenbesuchern so früh am Abend nicht runterziehen und legten eine knackige Show bei Sonnenschein ab.

Eher weniger knackig lief es dagegen bei Trip-Hop-Legende Tricky. Irgendwie unkoordiniert sprang der einst so niederknienswerte Brite über die Bühne, merkte gar nicht, dass er minutenlang einen zuvor umgerissenen Mikroständer am Kabel hinter sich her schleifte und wirkte – bis auf das Sixpack, das er immer wieder demonstrierte, indem er sich wahrscheinlich vom Drogenrausch dazu genötigt am Shirt riss – gar nicht mal so fit. Als wir uns immer sicherer wurden, dass dieser Held unserer Jugendtage da gerade Playback spielte (der Gesang war da, aber das Mikro dank Trickys Hampeleien gar nicht an dessen Mund), mussten wir gehen, um nicht zu weinen. Weg. Fliehen vor dieser furchtbaren Desillusionierung.

Glücklicherweise bot das Pure & Crafted aber ausreichend Ablenkung, um sich von einer solchen Bühnentragödie zu erholen. So schlenderten wir ein bisschen durch den in den Hallen des Postbahnhofs aufgebauten General Store. Dort ließen wir uns bei den zahlreichen Ausstellern vom gestalten Verlag mit ihren traumschönen Bildbänden rund um Auto und Motorrad über Lederwarenhersteller bis hin zu Helmen, Jacken und Co für unseren nächsten Bikereinkauf inspirieren, bevor wir immer noch sichtlich von unserem Tricky-Trauma zurück vor die große Bühne taumelten.

Frank Carter live berlin pure and crafted

Alle lauschen andächtig Frank Carter dem Märchenonkel

Doch Oas … ähm, Verzeichung … Noel Gallagher’s High Flying Birds, dachten wir uns, würden die Stimmung schon wieder retten. Mit der Annahme waren wir wohl nicht allein, sahen den Raum vor der Hauptbühne das erste Mal überprall gefüllt und frenetisch mitgröhlende, bierbecherwerfende Fans, wie es sich für ein Festival mit Bikes, Bands und Bier eben gehört. Die Meister des Britpops (oder zumindest einer davon) jedenfalls schafften es mit alten Oasishits – ja, sie haben auch Wonderwall gespielt – und neuen Stücken nicht nur uns, sondern auch das gefühlt halbe Pure & Crafted selig grinsend in die Samstagnacht zu entlassen.

Und so ging für uns ein Festivalwochenende mit mehr Ups als Downs zu Ende. Bis nächstes Jahr, liebes Pure & Crafted! Es war schön mit euch und seltsam, aber vor allem schön, oder wie es Noel Gallagher so treffend sagte: „Whats up with the motorbikes? Is this some kind of motorbike festival? It’s the weirdest place I’ve ever been to.“