Die Poesie hat einen – ebenso das Puzzle, die Unsichtbarkeit und Nacktradler. Selbst die Waffel (in Zahlen: W+A+F+F+E+L) hat einen. Einen eigenen Tag. Vierundzwanzig Stunden des Innehaltens, des Huldigens, des Gedenkens, des Aufmerksam-Machens, des Nicht-Vergessens… Gründe, dererlei Tage zu initiieren, sind verschiedene – und manchmal unterhalb der zwei-Promille-Grenze schwerlich nachzuvollziehen.

Nicht so heute, am 17. Mai: Dem International Day Against Homophobia and Transphobia (IDAHOT). Seit 2005 wird dieser Tag (ursprünglich noch als IDAHO – das Transphobia-T kam 2009 hinzu) auf Initiative des französischen Aktivisten Louis George-Tin begangen, um Respekt für Schwule und Lesben einzufordern.

Leider ein nach wie vor aktueller Grund also. Denn noch immer ist sie keine Selbstverständlichkeit, die Sache mit dem Respekt und der Gleichbehandlung: Werte, die es – einen durchschnittlichen Adressatenhorizont vorausgesetzt – sein sollten. Nun ja. Sind sie nicht. Nicht flächendeckend. Da können die Werte nichts dafür. Schuld sind Ent-Werter, die der Meinung sind, Homosexualität/ Transsexualität/ alles von Heterosexualität Abweichende sei pervers und sie seien diejenigen, denen es zustünde dies zu beurteilen.

Immerhin. Homosexualität ist keine Krankheit. Zumindest seit dem 17.05.1990 nicht mehr offiziell. Denn an jenem Tag, den zu erinnern das IDAHO-Datum gewählt wurde, beschloss die WHO, Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel zu streichen. Yay No 1! Nicht mehr krankhaft – nur noch „pervers“…

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… und in vielen Ländern weiterhin strafbar. Auch hierzulande: Stellte doch der in der Schreibweise zum 17. Mai zufällig ähnliche Paragraf 175 des Strafgesetzbuches sexuelle Handlungen zwischen Personen des männlichen Geschlechts unter Strafe. Erst vor zwanzig Jahren, 1994 also, wurde der seit 1871 geltende „Schwulenparagraf“ aufgehoben. Yay No 2!

Andere Länder hingegen sind noch immer Ga(y)laxien von Yay No 2 entfernt. Im Iran, Sudan, Jemen, Mauretanien, Saudi-Arabien sowie in den Scharia-dominierten Gebieten in Somalia und Nigeria sind homosexuelle Handlungen nach wie vor mit der Todesstrafe belegt. Und auch in anderen Länder werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung noch immer zum Teil mit harten Strafen verfolgt, wie jüngst die International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) in ihrem Jahresbericht 2013 kritisierte.

Dass Homosexualität hierzulande keinen Straftatbestand mehr darstellt, heißt aber nicht, dass sie nicht abgestraft wird. Nur eben nicht mehr vor Gericht, sondern von selbsternannte Klägern und Richtern (oft in Personalunion), die ein Auge haben auf die Einhaltung des Normalen (Heterosexualität), Tolerierbaren (Enthaltsamkeit) und Verzeihbaren (Pubertät und anderen Extremsituationen geschuldete temporäre Desorientierung). Damit da bloß nichts que(e)r läuft!

Noch immer wird alltagssprachlich degradiert, psychisch malträtiert, physisch eskaliert, wird (mal mehr, Wahl weniger) legislativ differenziert und intensiv diskutiert: Jüngst über Conchita Wurst – GewinnerIn des in der Vorwoche ausgetragenen Eurovision Song Contests (ESC).

Kaum zu glauben, was da an geballter, länderübergreifender Idiotie, an homo- und transphoben Wurstgegnern zusammenkommt, die haufenweise (stinkenden) Käse verbreiten und damit (stellvertretend) einmal mehr beweisen, dass Respekt noch immer keine Selbstverständlichkeit, Gleichbehandlung noch immer theoretisches Konstrukt und Homophobie/ Transphobie (stinkt und) noch immer existent ist.

Wegen Diskussionen wie dieser gibt es den IDAHOT – und heute weltweit mehr als 1.000 Veranstaltungen, die daran erinnern, was selbstverständlich sein sollte. Nämlich, wie Oma sagt: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu!“

Wird Zeit für Yay No 3: Gleichstellung. Gleichbehandlung. Ganz selbstverständlich: Also nicht durch Überredung, sondern aus Überzeugung. Leben und leben lassen und so.