Friedrichshain-Kreuzberg hat Stettin, Dresden Florenz, Gammelshausen hat Brigels – und das nordkoreanische Dorf Kijŏng-dong? Das unterhält gemeindepartnerschaftliche Beziehungen sicher allenfalls mit dem Dorf Potemkin. Vielleicht auch mit Bielefeld, wer weiß das schon. Im Gegensatz zu Bielefeld jedoch, bestehen an der Existenz Kijŏng-dongs selbst keine Zweifel. Dafür daran, ob dieses in der demilitarisierten Zone (DMZ) der koreanischen Halbinsel liegende Dorf bewohnt wird. Von richtigen Bewohnern, die richtige Bewohnersachen machen. Mal rausgehen. Mal draußen sein. Mal sehen. Vor allem aber: mal gesehen werden.

Denn obwohl offiziellen Angaben zufolge dort eine landwirtschaftliche Kooperative mit über 200 Familien beherbergt ist, wurde noch keine davon erblickt. Kann ja auch nicht- schließlich ist Kijŏng-dong ein Propagandadorf und lediglich zum Ärgern da. Zumindest für Südkorea. Dafür jedenfalls wurde es in den 1950ern gegründet. Richtig Mühe wurde sich gegeben, ein repräsentatives Hochglanzdorf als Zeichen nordkoreanischer Überlegenheit zu errichten, das Südkoreaner anlocken sollte. Dahin, wo das Gras grüner, der Himmel blauer und das Leben überhaupt viel lebenswerter ist. Nur deswegen wurde Kijŏng-dong und die Geschichte der dort (natürlich in Friede und Freude) lebenden Familien erfunden. Für reichlich (und reichlich modern erscheinenden) Wohnraum jedenfalls war gesorgt. Ebenso wie für einen Kindergarten, ein Krankenhaus und eine Schule. Und natürlich auch für Strom. Glaubt einem ja sonst keiner, so ein Dorf. Angeblich wurden Zeitschaltuhren eingesetzt, um mittels Licht Anwesenheit vorzutäuschen. Leichtsinnigerweise wohl in den immer gleichen Häusern zur immer gleichen Zeit. Ein Fahnenmast wurde ebenfalls errichtet. Klar. Kein Dorf ohne Fahnenmast.

Nachdem nun aber das auf der südkoreanischen Seite der DMZ liegende (und tatsächlich bewohnte) Dorf Daesong-Dong in den 1980ern einen höheren Fahnenmast bekam, rüstete Kijŏng-dong nochmal nach. Damit auch weiterhin für wirklich jeden zu sehen ist, wo genau es nichts zu sehen gibt, wurde Kijŏng-dongs Fahnenmast auf 160 Meter erhöht, womit er der dritthöchste Fahnenmast der Welt ist. Gäbe es Kijŏng-Donger Bewohner, wären die sicher stolz. Wer weiß, wer weiß – in letzter Zeit wurden dort angeblich wirklich Leute gesichtet. Würde nicht überraschen, wären es Maschinenmenschen oder Schnipsband-Pappmaché-Konstrukte. Südkorea wird ein Auge drauf haben. Ganz sicher.

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Originally posted 2014-01-16 18:04:16.