Die Welt des Internets bringt täglich neue Kuriositäten hervor. Onlinesucht und Offenlegung sensiblerer Daten sind schon längst ein alter Hut. MoMO ist die neue Bedrohung, vor der niemand von uns gefeit ist.

Für alle Unwissenden und teilweise Desinteressierten da draußen (mich eingeschlossen) kommt hier die Erklärung: Mit MoMO ist nicht der gleichnamige Roman von Michael Ende gemeint und es ist auch keine falsche Schreibweise des MoMA’s. Es ist die Abkürzung für The Mystery of Missing Out und ist die Angst, die man verspürt, wenn man das Gefühl hat, nicht genügend an dem Leben seiner Freunde teilzunehmen, da diese ihre Erlebnisse nicht auf Facebook oder Instagram posten. Unter Insidern, Facebook-Süchtigen und Alles-auf-Instagram-Teilern gilt MoMO als eine Art paranoider Cousin von FoMO. Für alle, die vor 1990 geboren und nicht zu den Digital Natives zählen (vermutlich auch Anglizismen verabscheuen): FoMO steht für Fear of Missing Out. Die Angst entsteht, wenn Freunde lustige Sachen via Sozialer Medien veröffentlichen, von denen man kein Teil ist – eine Art Ausschlussangst also. Der uns wohl mittlerweile allseits bekannte Ausspruch YOLO, auftretend bei Dingen, die man normalerweise nicht tun würde, verbunden mit Unmengen Alkohol, scheint somit wohl zum alten Eisen zu gehören.

„MoMO’s in a new context, but it’s not new.“

Das Phänomen MoMO ist jedoch nichts vollkommen Neues. Es entstammt dem evolutionären Bedürfnis, sich einer Gruppe angehörig zu fühlen. Schon im Kindesalter lässt sich dieses Tatsache beobachten: Cliquen auf dem Spielplatz und Aussprüche wie „Darf ich mit auf die Wippe, Kai-Uwe?“ sind dort an der Tagesordnung. Der Wunsch nach Zugehörigkeit wächst mit dem Heranwachsen kontinuierlich und unterliegt mit zunehmendem Alter, verbunden mit einer Steigerung der sozialen Kontakte, einer Intensivierung. Der Spielplatz wird sozusagen nur in das virtuelle Reich verlegt. Dr. Terri Apter, Psychologin an der Cambridge Universität, beschreibt es ganz treffend: “MoMO’s in a new context, but it’s not new.” Eines unser größten Bedürfnisse ist es, nicht nur das zu haben, was wir zum Überleben brauchen, wir gieren vielmehr nach Dingen, mit deren Hilfe wir uns einer Gruppe, oder größer gedacht, einer Kultur zugehörig fühlen. Kurzum: Wir brauchen Informationen, um nicht einzugehen. Das Problem dabei ist, dass wir es schlichtweg gewöhnt sind, mit Informationen zugeschüttet zu werden. Über das Leben unserer Freunde sind wir ständig auf dem Laufenden. Facebook und Instagram sei Dank wissen wir, wann sie aufstehen müssen, was sie essen, ob sie einen neuen Job beginnen oder sogar eine Beziehung beenden. Fehlen diese Neuigkeiten, kommt es zu MoMO. Die meisten Dinge lernt man schließlich erst zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat.

„The worst thing isn’t not knowing what happened to that person; it’s knowing that social media is changing. Suddenly, you feel like something major has gone on without your knowing it. „

Um mit einem kritischen Auge auf dieses Verlangen zu blicken, lässt sich sagen, dass Personen, egal ob berühmt oder nicht, ständig aktuelle Status-Updates erzeugen müssen, um im Gespräch zu bleiben oder um zumindest nicht die Angst bei Anderen zu schüren, dass man Leute ausschlösse. Oder überspitzt formuliert: Keine Posts bedeuten vermutlich Tod.
Ein gutes Beispiel für diese Annahme ist die talentierte Miley Cyrus. So verbreitete sich vor einiger Zeit das Gerücht, dass die Gute nicht mehr unter den Lebenden weile. Der einzige Grund dafür war, dass sie seit endlosen langen drei Tagen keine Neuigkeiten über ihren Instagram-Account verbreitete. Vermutlich lag Miley lediglich voll wie ein Eimer und total nutzlos in ihrer Villa herum, um sich von den Strapazen einer langen Partynacht zu erholen.

Ist die Menschheit wirklich zu einem Individuum verkommen, das nur mit Hilfe sozialer Medien Kontakte zu Freunden aufrechterhalten kann? Vielleicht sind wir ja gar nicht mehr in der Lage, Informationen zu verarbeiten, die uns nicht online und via Bildschirm zugeführt werden. Vielleicht ist dies aber auch nur ein Problem, das in westlichen Ländern besteht. Sicher ist, dass sich auch trotz Fortbestehen des Mystery of Missing Out die Welt weiterdreht.

Originally posted 2014-08-07 14:13:57.