Heute mit: Julien Blanc

Julien Blanc ist sogenannter (und wahrscheinlich auch selbsternannter) Pick Up Artist. Das macht ihn zu keinem bösen Menschen und auch wenn irgendjemand da bereits wieder Sexismus wittert, ist das auch nichts Verwerfliches. Wenn manche Männer sich etwas Unterstützung holen und coachen lassen, wie man in Gesellschaft des anderen Geschlechts souveräner rüberkommt und sich nicht in einen brabbelnden Bewegungslegastheniker verwandelt, sobald man ihm ein Lächeln schenkt, hat sich da niemand einzumischen. Einer geht in den Puff, mancher gibt Geld für alles Mögliche aus und ein Anderer besucht eben einen Pick Up Artist. Der Begriff ist ein wenig unglücklich gewählt, aber ganz ehrlich Mädels … Männer aufreißen, macht ihr doch auch.

Früher war ich ein totaler Versager, doch heute liegen mir die Frauen in den Armen“ – so oder so ähnlich, werben die Aufreißer im Internet und lehren ihren Schülern eine Mischung aus Stammtischpsychologie, Selbstvertrauen und Smalltalk-Tricks. Das kostet meistens einen ganzen Haufen Geld. Ob das jetzt nötig oder hilfreich ist, soll heute mal nicht Thema sein.

Julien Blanc sieht das aber nicht so eng und erweitert sein Repertoire um ein paar ganz ausgefeilte Verführungstechniken.
Zum Einstieg legt er uns beispielsweise den „Choke Opener“ nahe, dessen tieferer Sinn sich mir leider nicht wirklich erschließt. Wildfremde Frauen würgen macht scheinbar sexy. #ChokingGirlsAroundTheWorld ist seine Catchphrase zu den zahllosen Twitter-Bildern.

Julien Blanc Pick Up

In Japan war er auch schon mal und dort kann man wohl als „weißer Mann tun und lassen, was man will“. Endlich wird mir klar, warum ich in der Vergangenheit meine Angebetete nicht für mich begeistern konnte. Ihren Kopf in Richtung Penis drücken lautet das Geheimrezept! So simpel und doch genial.

Das Zitat „Head – on dick! Head – on dick! Yelling Pikachu with a Pikachu-Shirt on“ zeugt von seinem Einfühlungsvermögen Frauen und wohl auch fremden Kulturen gegenüber.

Jetzt aber mal Spaß beiseite. Man kann über diese dämlichen Ratschläge lachen und sie als Unsinn abtun, allerdings zahlen sehr viele Männer relativ viel Geld (circa 240 Euro) dafür, ihm zuzuhören und von ihm zu lernen. Julien Blanc propagiert nämlich nicht nur ein eindimensionales Frauenbild, was trotz Feminismus und Emanzipation sein gutes Recht wäre, er bekräftigt aktiv sexuelle Belästigung.
Wer schon einen Puls von 200 hat, wenn einer Frau hinterhergepfiffen wird, die durch die Straßen New Yorks spaziert, sollte lieber schnellstens seinen Hausarzt aufsuchen. Hierbei geht es nicht um eine – oftmals unbeabsichtigte bzw. unbemerkte – Form des Sexismus`, wie er aus anachronistischen Rollenverteilungen und bestimmten Lebensumständen der Vergangenheit entstand und auch heute noch in der Gesellschaft verankert ist.
Vielmehr werden Männer aktiv dazu angehalten, sich eine frauenverachtende Attitüde anzueignen, die Frauen im Umkehrschluss in eine emotionale Misslage drängt. Psychische und sogar physische Erniedrigung als Erfolgsrezept.

Wenn man ihm auf Facebook oder Twitter folgt, bekommt man öfter Dinge zu lesen wie: „That awkward moment when she refuses to let you come in her mouth.
Awkward ist das wirklich und man sollte meinen, spätestens wenn die Frau, die er letzte Nacht vollgequatscht, gewürgt oder anderweitig belästigt ha,t seinen Social Media Auftritt recherchiert, ist er raus.
Weit gefehlt, es hilft ihm sogar noch. Wenn eine Frau die ihm verfallen ist, dadurch abgeschreckt ist und sagt, so habe sie ihn nicht eingeschätzt, er sei wohl doch nicht der, der er zu sein scheint, dann kann er erwidern, dass er das alles nur zu Promozwecken schreiben würde und er in Wirklichkeit voll der sanftmütige und zärtliche Boy sei. Das ist die Masche. Sei ein Arschloch und wenn sich jemand daran stört, tue einfach so, als wärst du keins.
Lügen und betrügen, um Frauen ins Bett zu bekommen ist nichts Neues, aber er hebt das nochmal auf ein neues Level. Barney Stinson pflegt ähnliche Praktiken und lügt sich was zusammen, dass sich die Balken biegen. Doch wo Barney Stinson noch Sympathien erregt, weil er (eine eine fiktive Figur aus einer Sitcom ist und) etwas Stil an den Tag legt, ist Julien Blanc weit davon entfernt, da er sich in seiner Selbstverliebtheit mit vollem Ernst ergeht.
Dem selbstreferentiellen Egogewichse fehlt es an dem kleinsten Fünkchen Ironie. Er sieht Frauen als Vehikel das eigene Ego aufzupolieren, indem er sie objektiviert, sich aber nicht differenzierter mit ihnen auseinandersetzt.

Es sagt viel über jemanden aus, der andere unterwerfen muss, um eine menschliche Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruhen sollte, herzustellen. Fühlt sich da etwa jemand schwach und unterlegen, was so ein Verhalten erfordert?

In letzter Zeit werden immer mehr auf ihn aufmerksam, die nicht allzu angetan von diesen Praktiken sind. Es regt sich Widerstand gegen Julien Blanc und sein Unternehmen Real Social Dynamics. Australien verweigerte ihm bereits die Einreise, kanadische Politiker denken laut darüber nach und auch in Deutschland haben sich beispielsweise die Grünen gegen Auftritte von ihm und seinen Aufreißerkollegen ausgesprochen. Des Wutbürgers liebstes Werkzeug zur politischen Partizipation – eine Petition – gibt es auch bereits. Hier könnt ihr euch eintragen.

Jetzt ist es an den Männern, sich zu entscheiden: Arschlochverhalten antrainieren lassen oder Frauen auf Augenhöhe begegnen.
Aber auch die Frauen (gerade die, die sich von ihm angeekelt fühlen) müssen sich manchmal fragen, warum ihnen Männer vom Typ Arschloch oft doch zusagen. Man kann sich einerseits nicht darüber aufregen und gleichzeitig das Verhalten indirekt bestärken.
Mal ehrlich, Ladies. Warum kann jemand wie er mit frauenfeindlichen Maschen landen? Wertschätzung ist out … Manipulation, sexuelle Belästigung und antike Rollenbilder wieder in?

It doesn’t matter why you are famous – as long as you are famous
Das Ziel hat er erreicht…

Originally posted 2014-11-13 18:17:01.