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Ratlosigkeit, stille Ecke, grübeln, Aufzeichnungen durchblättern, nervöses Fingertrommeln & Augenzucken und Trash-TV-Verbot, bevor der Bericht über das spielzeitauftaktbegründende Stück „Am schönsten wär‘ die Einzeltat“ nicht steht, zu welchem wir uns am Vorabend endlich mal wieder ins Berliner Ringtheater ausführten. Dass wir jetzt scheinbar planlos abwechselnd in die Luft und in unsere Notizen stieren, liegt weniger (aber schon auch) an des protokollierenden Redaktionsmitglieds Sauklaue, sondern vor allem daran, dass wir dem Stück, inszeniert und initiiert vom Kollektiv SUKA, gern gerecht würden, welches uns die sprachlosmachende Begeisterung und die aktuellen Wortfindungsstörungen erst eingebrockt hat. An dieser Stelle ein nicht zu knappes und aufrichtiges: DANKE DAFÜR!

Wortfindungsstörungen dank SOKO SUKA

Am schönsten wär die Einzeltat Set
Fotocredit: Toni Petraschk

Gestern also endlich der Termin, den wir uns vor einiger Zeit schon in unserem verpflichtenden DIN 1A – (Red)aktionskalender markiert hatten. In rot. Fett. Doppelt unterstrichen. Wie die wirklich wichtigen Überschriften damals im Bio-Unterricht gymnasiale Oberstufe. Wir meinten also zu wissen, worauf wir uns bei „Am schönsten wär‘ die Einzeltat“ einlassen. Zumindest inhaltlich waren wir, redaktionstypisch, top vorbereitet.
Wir wussten also, dass wir ein Stück zu sehen bekommen werden, das von den verschwörten Welten des rechtsradikalen „Hannibal“-Netzwerkes um den Bundeswehrsoldaten Franco A. handelt, das im Jahre 2017 Schlagzeilen machte. Franco A. hatte sich aus unklarem Motiv als syrischer Flüchtling ausgegeben und eine Waffe auf der Toilette des Wiener Flughafens versteckt. Eine aufmerksame Reinigungskraft machte ihm einen Strich durch die Rechnung und verständigte die Behörden. Die Ermittlungen um Franco A. führten zu einem rechten Netzwerk aus Polizisten, Soldaten und Beamten, dass sich in Telegramgruppen austauschte und Morde an politischen Gegner*innen plante. Uns war bewusst, dass die Geschichte des Stücks am Wendepunkt dieser Ereignisse einsetzt. Da nämlich, als Protagonistin Pollyanna die Waffe am Flughafen findet und sich entscheiden muss, ob sie selbst die Waffe aus dem Verkehr ziehen sollte, oder ob es der gravierendere Fehler wäre, der Polizei zu vertrauen. Während ihr Alltag in der strukturell rassistischen Mehrheitsgesellschaft ohnehin schon anspruchsvoll genug ist, wird sie nun auch noch in ihren Träumen von der Liaison zwischen Polizei und Rechtsextremismus heimgesucht. Bald wird aus den Träumen Realität und die Verstrickungen der rechten Gewalt treiben Pollyanna in die wortwörtliche Selbstbewaffnung.
All das wussten wir. All das war der Stückbeschreibung zu entnehmen und uns demzufolge vorher klar.

Theorie vs. Praxis

Nicht klar war uns, wie eindringlich es dem Kollektiv SUKA (Julia Wycisk & Susanne Wilk) zusammen mit den Autor*innen Sarah Kilter und Giorgi Jamburia sowie den beiden herausragenden Darstellerinnen Gizem Akman und Seda Güngör gelingt, das umzusetzen.
Es ist etwas anderes, ob man den Titel „Am schönsten wärdie Einzeltat“ auf Papier oder Monitor geschrieben sieht, oder ob man im Stück sitzt und zunehmend verkrampft, während mehr und mehr und immer noch mehr Namen von Städten (Städte wie Heilbronn, wie Hanau, wie Chemnitz, wie Rostock, wie Kassel, wie … ) mit Edding an das geflieste Bühnenbild gelettert werden, die dem als Wunsch fragwürdig formuliertem Superlativ eine neue, keinesfalls weniger beklemmende Dimension, verleihen.
Es macht einen Unterschied, ob man in der Stückankündigung liest, dass die Perspektiven weiterer Projektbeteiligter einfließen, oder ob man Gizem Akman als Pollyanna und Seda Güngör als (männlich gelesenen) Kneipenwirt sprechen, wüten, sich erinnern, in Verbindung bringen, zweifeln, hoffen, hinterfragen, resignieren, monologisieren, weitermachen hört, sieht, fühlt, erlebt. Keinen Unterschied macht, ob sich das gewählte Narrativ aus realen Erfahrungen der Darstellenden speist oder aus den Realitäten Anderer, denen Gewalt und Hass aus dem rechten Spektrum entgegenschlägt. Die Taten verlieren dadurch nicht an Schrecken, nicht an Ungerechtigkeit, nicht an Grausamkeit und das Stück „Am schönsten wär`die Einzeltat“ nicht an Intensität.

„Am schönsten wär‘ die Einzeltat“: auf einer Skala von / bis definitiv „bis“

„Am schönsten wär` die Einzeltat“ beklemmt. Verstört. Wirkt nach. Beeindruckt. Umso mehr, als dass es das erste Stück ist, das SUKA für die Theaterbühne inszeniert und initiiert haben, sind sie doch sonst beim Film beziehungsweise in anderem theatralen Bereich tätig. Nach der Aufführung hatten wir Gelegenheit, mit SUKA zu sprechen. Aus Gründen (unlesbare Notizen, Einer geht noch …) soll dies hier auf das Wesentliche zusammengefasst werden: Wir hoffen, dass „Am schönsten wär‘ die Einzeltat“ nicht die letzte theatrale Arbeit des Kollektivs bleibt, das mit seinem Auftaktstück einen eigenen, sehr wachsamen Blick aufs große Ganze werfen, in dem Augenfälligkeiten und vermeintliche Unscheinbarkeiten gleichwertig betrachtet und in den notwendigen, oft vernachlässigten, Zusammenhang gebracht werden. So wie wir SUKA erlebten, scheint dies, also das Kontextualisieren, das Sichtbarmachen von Interdependenzen, ein genereller, nicht genug wertzuschätzender Anspruch an ihr Arbeiten zu sein.

Final Call für großes Theaterkino

Jetzt wo der Bericht fertig ist, ist natürlich auch das Trash-TV-Verbot aufgehoben. Aber irgendwie wär` uns heute eher nach noch so einem Abend wie dem gestrigen. Ganz großes Theaterkino, das SUKA und alle am Stück Beteiligten auf die Bühne des Berliner Ringtheaters gebracht haben, wo es sich ja generell ganz wunderbar auf die Bühne bringen und zur Bühne-Gebrachtes genießen lässt! Wer mag und schnell ist, kann (lies: sollte) sich heute und / oder morgen selbst einen „großes Kino“-Theaterabend verschaffen.
Der Hot-Button blinkt schon für die letzten beiden Aufführungen von „Am schönsten wär` die Einzeltat.“

letzte Aufführungen: 15.09.2020 / 16.09. // Beginn: 19.30 Uhr

Ort: Berliner Ringtheater / Laskerstraße 5/ 10245 Berlin

Kosten: ab 6,50 € / Supersoliticket (mit Künstler*innensupport und Extrakarma frei Haus) 18,-€ (Ticketerwerb nur online unter billetto.eu)

KEINE ABENDKASSE! TICKETS NUR ONLINE! MASKE NICHT VERGESSEN!

Originally posted 2019-10-25 18:54:32.