Es liegt in der Natur der Sache, dass wir, als Leitmedium für Panzerwagen und Frauengesundheit, uns das gestern im Berliner Ringtheater zur Uraufführung gekommene Stück „Merchandise Medea“ von Menade nicht entgehen ließen. Denn? Weil? Wegen? Na, verehrte Kunstinteressierte, griechische Mythologie- und/oder Weltliteraturbewanderte, well-Performende, Ratefüchse und / oder Suchmaschinen-Cracks? Any Handzeichen? Genau! Weil Medea als eine der ersten feministischen Ikonen gilt. Gut, ungefähr ebenso (und wohl ungefähr ebenso berechtigt) gilt sie als kindsmordende, von Rachsucht befallene Liebeswahnsinnige.
Deutlich weniger umstritten als Medeas Primärattribuierung hingegen ist, dass das Ringtheater als Haus der guten Stücke gilt, wovon wir uns neulich schon beim grandiosen „Cybersturm der Liebe“ überzeugen durften. Also rein in den schönsten Mittwochsstaat und elegant zum Ostkreuz marschiert. Auch ohne, dass man uns viel versprochen hätte, versprachen wir uns viel von der Inszenierung unter der Regie von Zsófia Geréb.

Stifte weg, Recherchekontrolle

Das lag unter anderem an unserer exquisiten Vorabrecherche, deren beeindruckende Ergebnisse wir hier, einem radikalen Servicegedanken folgend (also unentgeltlich), zur Verfügung stellen:
Die Künstler*innengruppe Menade präsentiert klassische Stoffe in neuem Kontext. Ihr Fokus richtet sich dabei auf die Rolle der Frau und Fragen der Identität. So auch im Musiktheaterstück „Merchandise Medea“, in dem die Hauptfigur in einer greifbaren Zukunft gegen eine antifeministische Reproduktionsmaschinerie kämpft und dabei zu einer Guerrilla-Kämpferin für das Recht auf Selbstbehauptung wird. „Merchandise Medea“ verbindet Neue Dramatik mit modernem Musiktheater und bildender Kunst. Den Stücktext verfasst hat Kleistförderpreisträgerin Franziska vom Heede. Sichere, zumindest aber keine wackelige Bank, würde man wohl sagen, war doch bereits vom Heedes und Menades erste Zusammenarbeit mit dem Berliner Opernpreis 2018 ausgezeichnet worden. Mal schauen, wie weit es „Merchandise Medea“ schafft.

Merchandise Medea von Menade

Kunstvoll Rumsen und Scheppern

Beginn jedenfalls ist das Wartezimmer im örtlichen Gebärmutterzentrum, wo Medea Wartenummer 63 gezogen hat. In diesen staatlichen Zentren soll abtreibungsgefährdeten Schwangeren Empathie und Mütterlichkeit eingepflanzt werden. Doch bevor sie das Therapieprogramm des Gebärmutterzentrums beginnt, gelingt Medea die Flucht. Auf dem Parkplatz schließt sie einen Glückskekstransporter kurz und macht sich mit 200 Sachen auf den Weg zur Verkaufspräsentation des brandneuen Merchandise-Artikels „Die Frau – das Original“.

Wie der Ankündigung zu entnehmen war, würde den Zuschauer*innen „vom ersten Betreten des Raumes bis zum Ende des Stückes ein vielschichtiges Gesamterlebnis“ geboten. Das sagt sich so einfach. Das muss man erstmal beweisen. Und nach gestern lässt sich sagen: Das war nicht einfach-so-Gesagtes! „Merchandise Medea“ ist tatsächlich ein Musiktheatererlebnis der besonders vielschichtigen Art. Aufgeführt  wurde live. Soweit nichts besonderes. Aber! Obacht: Live! IN! EINER! (Gestern ausverkauften) GEBÄRMUTTER!  Klingt komisch, ist aber dank des spektakulären Bühnenbilds so. Da hockt man also. Intrauterin. In (auf?) einer komplett mit Luftpolsterfolie verkleideten, in uterusfreundliches Licht getauchten und mit Styroporkissen ausgelegten Gebärmutterbühne: Mit Schuhüberziehern, die man vor Betreten der Vagina (ja, das Bühnenbild erstreckt sich bis zum Eingang) ausgehändigt bekommt.

Merchandise Medea by Max Brohm
Foto von Max Brohm

Liebes Tagesbuch: Gestern Abend saßen wir im Uterus

Egal, wo im Uterus man sich einnistet: Man sitzt überall ebenso richtig, wie man falsch sitzt. Was daran liegt, dass die Künstler*innengruppe quasi inmitten des Publikums um selbiges herum musiktheatert. Immer gibt es etwas zu sehen und etwas zu verpassen; gilt es, sich zu drehen oder es zu lassen.  Etwas zu bestaunen gibt es überall. Seien es die Performances Andrea Wesenbergs, Julia Shelkovskajas, Sunniva Unsgårds und Constanze Jaders. Sei es das spektakuläre Bühnen- und Kostümbild von Vanessa Vadineau und Florence Klotz oder sei es die beeindruckende Soundkulisse, die sich aus dem Operngesang der Darstellenden, aus Live-Electronics Gwen Torinos sowie dem Luftpolsterfolienknistern aller Anwesenden speist und damit noch beeindruckender und um ein Vielfaches eufonischer tönt, als der auf Wohlklang getrimmte Anlasser des SLEAZEMAG-Redaktionspanzers.

Menades Musiktheaterstück Merchandise Medea: Nicht nur als Alliteration top

Ein Preis der Pro-Life-Bewegung für „Merchandise Medea“ ist sicher nicht zu erwarten. Das mag Auszeichnung genug sein, sollte aber nicht. Wir jedenfalls waren derart begeistert vom Abend und vom Stück, dass es fast zu stehenden Ov(ul)ationen gekommen wäre. Der Konjunktiv weist den inhaltlichen Weg, der nachfolgende Servicehinweis den ins Berliner Ringtheater, wo jede*r hin- und die Möglichkeit nutzen sollte, dort eine der Folgeaufführungen von Merchandise Medea zu erleben. Und damit sechzig Minuten beeindruckendes, vielschichtiges Musiktheater. IN! EINER! GEBÄRMUTTER! Wahnsinn.

Weitere Aufführungen: 06.02./ 12.02./ 13.02./ 19.02./ 20.02.

Beginn: 20 Uhr

Ort: Berliner Ringtheater / Laskerstraße 5/ 10245 Berlin

Kosten: 12 € / soz. 6,50 € / erm. 7,50 € (reservieren unter ringtheater@gmail.com oder ab 19 Uhr an der Abendkasse)