Zwischen all den Knipsern, Sensationsgeiern und Witwenschüttlern, bei denen sowohl deren eigene Existenz als auch die ihrer Kameras zu bedauern und die Veröffentlichung des Materials redundant / geschmacklos / fragwürdig ist, gibt es glücklicherweise auch jene, die an herausragenden und aufrüttelnden Fotojournalismus glauben machen. Wenngleich die Motive der Aufnahmen ähnliche sein können. So auch bei der Serie „Shane and Maggie“ – einer Reportage über häusliche Gewalt, für welche die 31-jährige Fotografin Sara Naomi Lewkowicz nun mit dem renommierten und mit 25.000 US-Dollar dotierten Sony World Photo Award ausgezeichnet wurde. Damit setzte sich die gebürtige New Yorkerin gegen rund 140.000 Beiträge aus 166 Ländern durch, der höchsten Zahl an Einsendungen in der siebenjährigen Geschichte des Awards.

„Vibrierende Farben, spannungsgeladen, dramatisch und ungeheuer eindrucksvoll, intim und verstörend provokativ“, lobt der Juryvorsitzende W.M. Hunt die Aufnahmen, deren Motiv ein ganz anderes sein sollte. Denn eigentlich wollte Lewkowicz, deren Arbeiten unter anderem bereits im Time Magazin und im Stern veröffentlicht wurden, eine Geschichte über rückfällige Straftäter erzählen. Über einen wie Shane. Über Shane. Über Shane und dessen zwölf Jahre jüngere Freundin Maggie, Mutter einer zweijährigen Tochter und eines vierjährigen Sohnes. Über Monate hinweg hatte die Fotografin Lewkowicz die vier besucht und deren Familienleben mit der Kamera begleitet. So lang, dass zumindest Shane dies vergessen zu haben schien oder es ihn einfach nicht interessierte, als er seine Freundin Maggie schlägt. Eines Abends nach der Karaoke-Bar, als es Streit gab. Gründe aufzuführen, hieße das Vorhandensein von Gründen anzuerkennen.

© Sara-Lewkowicz

Fakt ist: Shane schlug Maggie – vor den Augen ihrer zweijährigen Tochter und vor Lewkowicz` Objektiv. In ihrer grausamen Authentizität sprechen die Aufnahmen sowohl für sich wie auch für viele Betroffene – ebenfalls Opfer und Zeugen häuslicher Gewalt (ein „oder“ kann es an dieser Stelle wohl kaum geben). Sara Naomi Leikowicz hat häusliche Gewalt sichtbar gemacht. Nachhaltig sichtbar. Auch für Maggie, die nach eigener Aussage nicht versteht, wie sie das nicht sehen konnte. Mit Shane, der inzwischen wieder aus dem Gefängnis entlassen wurde (zumindest wegen dieses Übergriffs), will sie nichts mehr zu tun haben.

Zu hoffen bleibt, dass Lewkowicz` Reportage auch anderen Betroffenen die Augen öffnet – bevor einer von Shanes Schlag sie schließt. Und zu hoffen bleibt, dass sich Qualitätsjournalismus weiterhin bezahlt macht: Mit Auszeichnungen wie dem „L’Iris d’Or“ – vor allem aber mit (genauem) Hinsehen, mit Erkennen, mit Verstehen und Handeln.

Originally posted 2014-05-07 11:47:26.