Im Jahre 2010 untersuchte die Fotografin Rose-Lynn Fisher das Leben der Honigbiene. Dabei zeigte sie mit Hilfe von extremen Vergrößerungen durch ein Elektronenmikroskop Details, die für das menschliche Auge sonst nicht sichtbar sind.

Für ihr neues Projekt kommt das Elektronenmikroskop erneut zum Einsatz. Gegenstand von „Topography of Tears“ sind menschliche Tränen. Der Anlass des Projektes war eine tränenreiche Zeit, inmitten einer Menge Veränderungen und Verlusten.
Laut Rose-Lynn ist alles, was wir sehen, was wir wahrnehmen, nur die Spitze des Eisberges. Es gibt viel mehr Dinge, die im Verborgenen liegen. “So I had this moment where I suddenly thought, ‘I wonder what a tear looks like up close?’”
Also fing sie an, ihre eigenen Tränen einzufangen, diese trocknen zu lassen und anschließend stark vergrößert zu begutachten. Dabei entdeckte Rose-Lynn interessante, einer Landschaft ähnelnde Gebilde, die in ihr die Frage aufwarfen, ob Tränen aus Trauer und Freude völlig identisch oder doch unterschiedlich sind. Daraufhin sammelte Rose-Lynn Fisher mehr als 100 Tränen von Freiwilligen, sich selbst und einem neugeborenen Baby – als Resultat entstand „Topography of Tears“.

Wissenschaftlich gesehen werden Tränen, basierend auf ihren Ursprung, in drei verschieden Kategorien eingeteilt. Tränen der Trauer und der Freude gehören zu der Kategorie der emotionalen Tränen, ausgelöst durch negative und positive Gefühle. Dann gibt es noch die basalen Tränen. Diese liegen ständig wie ein Film über dem Auge, schützen es vor dem Austrocknen und versorgen es mit Nährstoffen. Die dritte Kategorie sind die Reflextränen. Das Auge produziert sie, wenn es etwa durch Kälte, ein Sandkorn oder extreme Gerüche gereizt wird.
Alle Tränen enthalten eine Vielzahl an biologischen Substanzen, wie beispielsweise Öle, Antikörper und Enzyme. Rose-Lynn Fisher entdeckte jedoch, dass sich die Tränen der jeweiligen Kategorien durch bestimmte Moleküle unterscheiden. Emotionale Tränen bestehen so zum Beispiel auch aus proteinbasierenden Hormonen, die unter Stress freigesetzt werden. Die abweichende Zusammensetzung ergibt dann für jede Kategorie ein anders Bild und macht die Differenzierung mit der Hilfe des Mikroskops möglich.

Zusätzlich haben die äußeren Bedingungen, unter denen eine Träne trocknet, ebenso Auswirkungen auf die Form. So können zwei emotionale Tränen, die chemisch gesehen völlig gleich aufgebaut sind, sich trotzdem unterscheiden. “There are so many variables—there’s the chemistry, the viscosity, the setting, the evaporation rate and the settings of the microscope.”
Für Fisher sind Tränen nach einer langen Zeit der genauen Begutachtung mehr als eine salzige Flüssigkeit. “Tears are the medium of our most primal language in moments as unrelenting as death, as basic as hunger and as complex as a rite of passage. It’s as though each one of our tears carries a microcosm of the collective human experience, like one drop of an ocean.”

Tränen sind also nicht gleich Tränen. Aus dieser Tatsache lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass man testen könnte, ob Personen wirklich weinen oder ein falsches Spiel spielen. Oder um es mit Michael Holm’s Worten zu sagen: Tränen lügen nicht.

Originally posted 2014-05-22 11:14:03.