Heute mit: Dr. Klaus Miehling

Man könnte Dr. Klaus Miehling recht schnell für einen Dummschwätzer halten, wenn man beispielsweise seinen wöchentlichen Newsletter, den „Gewaltmusik-Nachrichtenbrief‟, liest. Da steht unter anderem Folgendes drin:

Was in der westlichen Welt schiefläuft und uns unmittelbar betrifft, das ist zum großen Teil dem durch Gewaltmusik verursachten Werteverfall zuzuschreiben.
aus dem Gewaltmusik-Nachrichtenbrief Nr. 341 vom 30.08.2014

und auch

„Rock and Roll ist ein Musikstil, der von unmoralischen Leuten zu unmoralischen Zwecken entwickelt wurde und von der Welt stets dazu verwendet wurde, ihre unmoralischen Einstellungen musikalisch auszudrücken. […] Rockmusik ist die überwältigende Vorliebe der sexuell Morallosen […]
aus dem Gewaltmusik-Nachrichtenbrief Nr. 342 vom 06.09.2014

 

Das klingt alles ziemlich an den Haaren herbeigezogen und der Autor nach einem Berufsquerulanten, der sich nicht anderweitig zu beschäftigen weiß.
Jedoch wurde er auf diesem Gebiet ausgebildet, hat studiert, promoviert und komponiert. Er sollte also wissen wovon er spricht.

Klaus Miehling, geboren 1963 in Stuttgart, erwarb 1988 an der Schola Cantorum Basiliensis das Diplom für alte Musik mit Hauptfach Cembalo und promovierte 1993 an der Universität Freiburg i.Br. in Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Historischen Hilfswissenschaften.
[…] Sein Werkverzeichnis umfasst über 200 Kompositionen, vokal und instrumental, teils für historische, teils für moderne Instrumente. Darüber hinaus veröffentlichte er einige Bücher zur klassischen Musik wie „Das Tempo in der Musik von Barock und Vorklassik“, aber auch „Gewaltmusik/Musikgewalt – Populäre Musik und die Folgen“.
Klaus Miehling lebt als freiberuflicher Musiker und Musikwissenschaftler in Freiburg i. Br.

Don’t judge a book by it’s cover und Herrn Miehling nicht nach seinem Nachrichtenbrief, habe ich mir gesagt und ihn um ein kurzes Interview gebeten, um herauszufinden, was ihn zu solchen Aussagen treibt und ob wir das nicht alles ganz falsch verstehen.

 

Was zeichnet „Gewaltmusik‟ aus?

Dr. Miehling: Die Aggressivität des Klanges.

Wenn sich „Gewalt‟ und Agressivität der Musik überwiegend an der Instrumentierung (Schlagzeug, verzerrte Gitarren usw.) festmachen lassen, wie bezeichnet man in der klassischen Musik stark perkussive, schnelle und aggressive Passagen – wenn nicht als aggressiv und „gewalttätig‟?
[Beispielsweise J. S. Bachs – Toccata und Fuge in D-Moll oder Wagners Walkürenritt sind unzweifelhaft offensiv, rabiat mit bisweilen bedrohlichen Untertönen]

In den genannten Beispielen höre ich nun wirklich keine Aggression. Dort, wo klassische Musik tatsächlich Aggression oder Gewalt thematisiert, stellt sie sie auf ästhetische Weise dar, drückt sie aber im Gegensatz zu Gewaltmusik nicht wirklich aus. Vielleicht hilft ein Vergleich mit der Bildenden Kunst: Ein Gemälde kann eine grausame Szene abbilden und dennoch schön gemalt sein – das entspricht der klassischen Musik. Gewaltmusik wäre dagegen mit Auswüchsen der modernen Malerei zu vergleichen, wo der dargestellte Gegenstand durch verzerrte Formen, unharmonische Farbzusammenstellungen und dilettantische Ausführung hässlich gemacht wird.

 

Mir scheint, als hätten wir es hierbei fast mit einer Frage des Geschmacks zu tun. Ich selbst (und einige von mir befragten Personen) empfinde(n) genannte Beispiele, wie oben beschrieben, aber Herr Dr. Miehling sieht das anders und wenn doch mal Aggression in der Klassik zum Ausdruck gebracht würde, dann auf sehr ästhetische Weise.
Er setzt „verzerrte Formen und unharmonische Farbzusammenstellungen“ unmittelbar mit Hässlichkeit gleich, wobei manch anderer genau das zu schätzen weiß. Dieser Umstand wird in seinem Weltbild nicht akzeptiert, dem einzig und allein seine persönliche Auffassung von Ästhetik zugrunde zu liegen scheint.
Man könnte die Sache somit direkt zu den Akten legen ich hätte früher Feierabend.
Er soll sich aber erklären dürfen und jeder sollte sich selbst auf Grund der weiteren Äußerungen eine Meinung zum Thema bilden.
Ihr müsst eure hübschen Köpfchen schon mal selbst bemühen.

 

Gibt es darüber hinaus andere Kunstformen, die den gesellschaftlichen Werteverfall begünstigen? Wie etwa Malerei, Fotografie u.ä.?

Im Prinzip kann jede Kunstform, die sich vom Schönen und Guten entfernt, die Böses verharmlost oder gar befürwortet, zum Werteverfall beitragen. Voraussetzung ist aber, dass die entsprechenden Werke breit und zustimmend rezipiert werden. Und das ist vor allem bei Musik und Film der Fall; in weit geringerem Maße auch bei Literatur.

 

Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen, empfinde aber oft andere Gefühle als Aggression, wenn ich etwa Rockmusik oder Hip Hop höre.
Es gibt Freude, Melancholie und alles, was die Klassik auch anspricht, nur werden diese Emotionen mit anderen Vehikeln transportiert – macht sie das unmittelbar moralisch verwerflich?

Melancholie ist gewiss nicht moralisch verwerflich; Freude dagegen kann unterschiedlicher Natur sein. Denken Sie etwa an die Schadenfreude! Aber vielleicht sollte man hier eher von „Spaß“ sprechen – oder neudeutsch: „Fun“. Im Gegensatz zur Freude, die mit innerer Erfüllung zu tun hat, bleibt Spaß an der Oberfläche, und er kann auch auf Kosten anderer gehen. Gewaltmusik vermittelt eher Spaß als Freude.

 

Nehmen wir Schlager als Beispiel.
Mir ist kein Fall bekannt, in dem eine Gewalttat oder ein ähnliches Verbrechen mit diesem Genre unmittelbar in Zusammenhang gebracht werden könnte. Auch hört man nichts von Ausschreitungen auf den Konzerten und die Hörer dieser Musik sind in den seltensten Fällen gewaltbereite Asoziale.
Dennoch bedient sie sich gängiger Schemata populärer Musik, was Sie nach Ihren Kritierien zur „Gewaltmusik‟ macht. Warum?

Sie haben die Frage schon selbst beantwortet: Weil sich der Schlager dieser klanglichen Mittel bedient. Ich definiere Gewaltmusik nach dem Klang, nicht nach der Wirkung. Immerhin fehlen beim Schlager gewaltverherrlichende Texte, und die Interpreten sind keine so schlechten Vorbilder wie Pop- und Rockmusiker oder Rapper – wobei man unter Schlagersängern durchaus Drogenkonsumenten und Steuerhinterzieher findet.
Tatsächlich aber ist das Genre Schlager im Hinblick auf seine Wirkung kaum untersucht, vielleicht gerade, weil man ihm nichts Böses zutraut. Wer nicht sucht, der findet nicht. Außerdem kommen die meisten Studien aus englischsprachigen Ländern, die den Begriff des Schlagers nicht kennen.

 

Warum sprechen Sie auch dem Jazz künstlerischen Anspruch ab, nur weil in der Vergangenheit viele Musiker als auch Zuhörer nicht der gesellschaftlichen Norm entsprachen?
Heutzutage hört kein aufmüpfiger Jugendlicher mehr Jazz, um gegen das Establishment zu rebellieren o.ä. – in deren Augen ist das Musik für versnobbte Spießer. Warum ist Jazz auch weiterhin „Gewaltmusik‟, obwohl sich Harmonik und Rhythmik auf sehr hohem musikalischen Niveau bewegen?

Auch wenn Gewaltmusik meist kein hohes musikalisches Niveau besitzt, hat das mit der Definition nichts zu tun. Sogar Bach wird zu Gewaltmusik, wenn man ihm ein Schlagzeug unterlegt.
Im Jazz gibt es unterschiedliche Stilrichtungen, die man nicht alle vorbehaltlos als Gewaltmusik bezeichnen kann. Was den künstlerischen Anspruch betrifft, ist die Frage, wo man die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst zieht. Tatsache ist, dass der Jazz weit weniger Regeln unterliegt als die klassische Musik; und je weniger Regeln man befolgen muss, desto einfacher ist es natürlich für den Musiker.

 

Viele Musiker behandeln politische Themen, singen gegen Faschismus, Sexismus, politische und gesellschaftliche Misstände an – haben edle Ziele und Gutes im Sinn. Dann gibt es religiöse Musiker aller Art, Yusuf Islam (ehemals Cat Stevens) und christliche Rockbands, die Nächstenliebe predigen, die Straight Edge Bewegung (die jegliche Drogen sogar bis hin zum Koffein ablehnt und eine gemäßigte Auslebung der Sexualität vertritt), und Frank Zappa, der in seiner Karriere circa 60 Alben ohne Drogeneinfluss zustande brachte (und diesen demnach alles andere als glorifiziert).
Was ist mit denen? Alle verbieten?

Cat Stevens alias Yusuf Islam hat den Mordaufruf gegen Salman Rushdie unterstützt – danke für die Vorlage!
Aber wie gesagt: Auf den Klang kommt es in erster Linie an. Wenn christliche Rockbands von Nächstenliebe und Enthaltsamkeit singen, passt das einfach nicht. Die Hörer werden vom Klang mehr beeinflusst als von den Worten, die sie oft gar nicht richtig verstehen. Musik beeinfusst nicht durch den Intellekt, der von den Worten angesprochen wird, sondern durch das Gefühl.

 

Ich möchte einmal näher auf das geforderte Verbot eingehen.

Wie Sie (in den Ausführungen auf Ihrer Website) beschreiben, lassen sich verschiedene musikalische Genres bestimmten gesellschaftlichen Milieus und „Schichten‟ zuordnen, da die Musik auch oft ebenda entstand. Die Lebenssituation bleibt bei den meisten Menschen nach einem Verbot aller „Gewaltmusik‟ aber die gleiche. Sie war es auch, die viele Arten der Musik erst hervorgebracht hat.
Blues, Jazz, Soul, Rap als Ausdruck und nicht Ursache für Gewalt, Kriminalität und Unterdrückung.
Negieren Sie mit der Forderung, alle Formen der Musik – außer der Klassischen – zu verbieten, nicht die Lebensrealitäten vieler Menschen?

Meine Aufgabe als Wissenschaftler ist es, zu informieren. Welche legislativen Konsequenzen man daraus zieht, muss die Politik entscheiden. Zwischen Ignorieren oder gar Fördern einerseits und Verbieten andererseits gibt es ein weites Feld möglicher Maßnahmen.
Es ist zutreffend, dass Gewaltmusik auch der Ausdruck eines Lebensgefühls ist, aber sie bringt dieses Lebensgefühl auch selbst hervor. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Es gibt weniger schädliche oder sogar nützliche Möglichkeiten, einem negativen Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen; etwa, sich politisch zu engagieren oder Texte zu schreiben, oder meinetwegen einfach mal „Sch…“ zu sagen. Oder man könnte sich Gedanken darüber machen, wie man sich durch eigene Leistung aus einer negativen Lebenssituation befreien kann. Man macht die Welt nicht besser, wenn man Negatives in sie hineinträgt; das Gegenteil ist der Fall. Und kurioserweise wird diese Musik ja massenhaft auch von Leuten gehört, die nicht – tatsächlich oder vemeintlich – unterprivilegiert sind!

 

Halten Sie ihr Ziel für realistisch? Immerhin steht hinter populärer Musik eine riesige Lobby in Form von Plattenfirmen, Verlagen, Promoagenturen usw. Ganz zu schweigen von den Anhängern etwaiger Genres.

Wie gesagt: Ein Verbot ist nicht die einzige Option. Gewiss wird es ein langer Weg – aber denken Sie nur an die Tabakindustrie! Jeder weiß, welche Verbote und Einschränkungen in den letzten Jahrzehnten hier nach und nach erlassen wurden. Tabakfirmen mussten schon Milliarden an Entschädigungen zahlen. Es geht also, wenn die Einsicht und der Wille da sind.

 

Sehen sie darüber hinaus kein Problem in der massiven Beschneidung der Allgemeinen Handlungsfreiheit, der Einschränkung der freien Meinungsäußerung und der freien Entfaltung der Persönlichkeit, die alle durch das Grundgesetz/die Verfassung geschützt sind?

Die „Handlungsfreiheit“ ist durch Gesetze in vielerlei Hinsicht eingeschränkt – man denke etwa an das Verbot bestimmter Drogen, obwohl sie in erster Linie den Konsumenten selbst schädigen!
Zur Meinungs- und Pressefreiheit sagt das Grundgesetz auch: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“
Soweit würde das freilich nur die Texte betreffen. Und die Kunst? Da gibt es Parallelen zur Religionsfreiheit. Wir sehen am Beispiel des Islamismus, dass Grenzen gesetzt werden müssen. „Kunst“ darf ebensowenig ein Freibrief für alles sein wie „Religion“. Der Gedanke, dass Musik wertfrei ist, ist ja historisch gesehen ganz neu! Wenn wieder erkannt wird, dass aggressive Musik Menschen negativ beeinflusst und de facto eine Anstiftung zu Straftaten ist – nur eben mit Klängen statt Worten (mit diesen manchmal freilich auch) -, dann kann das nicht ohne Konsequenzen bleiben.
Und heißt „Kunstfreiheit“ auch, dass man alles verbreiten darf? Ob man im schallgeschützen Keller für sich Gewaltmusik macht, oder ob man sie öffentlich spielt oder gar massenmedial verbreitet, das sind verschiedene Paar Schuhe.
Die Väter und Mütter des Grundgesetzes konnten nicht ahnen, welche Entwicklung die Musik noch nehmen würde – und wie hätten sie „Kunst“ überhaupt definiert? Nicht zuletzt war das Grundgesetz ja auch nur als Übergangsregelung gedacht, bis „eine Verfassung in Kraft tritt, die vom deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen wurde“. Aus 65 Jahren Erfahrung mit einer allzu schrankenlosen Kunstfreiheit sollten wir etwas gelernt haben.

 

Zum Schluss noch einige Fragen die wir allen Bands und Künstlern stellen, die wir ansonsten so interviewen:

 

Welchen Song hätten Sie gerne selbst geschrieben?

Es gibt so viel großartige klassische Musik – da kann ich mich nicht festlegen.

 

Schonmal eine Platte gekauft, für die Sie sich heute schämen.

Nein.

 

Persönliche Top 5 der besten Alben aller Zeiten.

Gibt es in der Gewaltmusik so wenig gute Alben, dass man sich für fünf beste entscheiden kann? In der klassischen Musik geht das nicht. Außerdem müsste man dann ja alles kennen …

 

Es fehlen leider die Kapazitäten dieses Thema in seiner ganzen Fülle zu behandeln, allerdings sei noch kurz angemerkt, dass Herr Dr. Miehling zwar durchaus in den Punkten recht hat, dass (gerade jüngere) Menschen von Umwelteinflüssen, der Popkultur im Allgemeinen und Popmusik im Speziellen beeinflusst werden. Dass sich manch einer einige Texte zu sehr zu Herzen nimmt und der Rockstar-Lifestyle mit dem altbekannten Motto „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ nicht gerade der eines Klosterschülers ist, lässt sich nicht abstreiten. Sich dann hinzustellen und andere Leute zu maßregeln, weil man der Ansicht ist, Freude führe nicht zu Erfüllung weist jedoch ein paar fragwürdige Tendenzen auf.

Er selbst sagt: „Wenn ich diese Musik höre, habe ich Symptome fast wie bei einer Panikattacke“ (vgl. Interview von 2006) und entkräftigt seine These damit prompt. Er scheint sich nämlich kaum mit der Materie auseinandergesetzt zu haben, denn wer setzt sich schon gerne bewusst Panik aus.
Jedoch schließt er automatisch von sich auf Andere und scheint sich sicher zu sein, dass kein normal denkender Mensch irgendetwas anderes dabei empfinden könne.
Falls doch, stimme etwas nicht.

Sicherlich werden noch andere Menschen das Gefühl kennen, wenn man eine Band/Album/Song ganz neu für sich entdeckt und vorerst nichts anderes mehr hören will, ja kann. Das ist weit entfernt von oberflächlichem Spaß, sondern grenzt an das Gefühl frisch verliebt zu sein. Ich persönlich finde darin Erfüllung und würde es zweifelsfrei als Freude bezeichnen.

Allein der Satz „je weniger Regeln man befolgen muss, desto einfacher ist es natürlich für den Musiker“ entlarvt seine Triebkraft im Kreuzzug gegen die „Gewaltmusik“.
Regeln sind gut, Grenzen und Vorschriften sind wichtig.
Alles was Interpretationsspielraum lässt, von der Norm abweicht und keine einheitlichen ästhetischen Eckpunkte aufweist, an denen man sich orientieren könnte, muss abgelehnt werden.
Auch wenn er sich auf reale Fakten stützt, untergräbt er seine eigene Argumentation, indem er spießbürgerliche und individuelle Meinungen ins Feld führt.
Wir schließen mit einem kurzen Beispiel der „Gewaltmusik“ und jeder kann nun selbst einmal für sich überprüfen, – unabhängig davon ob man sich das gerne anhört, oder nicht – ob er von Aggression durchströmt wird, oder gar selbst zum Instrument greifen könnte, denn immerhin wird da improvisiert.
Kaum Regeln … muss echt einfach sein, dieser Jazz.

Originally posted 2014-12-04 16:00:27.