Seit der Erfidung von Dating Apps wurden sie eigentlich bereits ausgiebig getestet. Aber nichts wurde wirklich getestet, bis wir das nicht auch auspobiert haben.

Bereits 2005 sagte der San Francisco Chronicle dem Online Dating eine strahlende Zukunft voraus und spätestens seit Tinder 2012 auf den Plan trat, war es dann so weit.
Die Menschheit sucht sich am Handy einen potentiellen Partner aus und je nach Qualität und Erfolgsgarantie der Seiten und Apps, wird gedatet … oder wir sterben über kurz oder lang alle aus.

Ganz so schlimm wird es wohl nicht, aber die Zahl der deutschen Nutzer (der 25 Populärsten) belief sich im Mai 2013 auf etwa 8,7 Millionen. Mittlerweile sind es noch ein paar mehr.

Ich wurde beauftragt herauszufinden, woher dieser Zulauf kommt, wie die Sache funktioniert und ob dieser Trend anhält oder bald wieder verebbt.

Woher der Erfolg der Apps kommt ist recht schnell erklärt und bedarf wenig Forschung. Alles wird schnelllebiger, wer hat noch Zeit bei ein bis drei Dates herauszufinden, ob man auf längere Sicht überhaupt irgendetwas mit dem Gegenüber zu tun haben möchte.

Sex ist ein entscheidender Faktor und wenn es nur darum geht, kann man sich aus Effizienzgründen das ganze unnötige Drumherum eigentlich sparen.

Vor allem können die Apps in der Bahn auf dem Weg zum Büro, am Schreibtisch und während des Essens genutzt werden, womit sich die Chance auf seinen Traumpartner zu treffen exponentiell steigert.

Darüber hinaus fällt der „Erstkontakt“ leichter, als in der freien Wildbahn. Nicht jeder kann ich Bars oder der S-Bahn eine souveräne Pick-Up Line raushauen, um eine Nummer abzustauben.
Da wirkt die App enthemmend.

Dating App Test

Aber tut sie das wirklich? Dazu müssen wir uns anschauen, wie die Dating Apps aufgebaut sind

In relativ kurzer Zeit lassen sich viele „Bekanntschaften“ schließen beziehungsweise auf den ersten Blick aussortieren.
Erster Blick ist ein gutes Stichwort, denn Oberflächlichkeit ist ein ausschlaggebender Teil dabei.

Kurz Foto angucken, Alter checken und entweder nach rechts oder links swipen – annehmen oder ablehnen.

Allerdings gibt es dabei den Haken, dass man sich seine Matches, wie das im Tinder-Jargon heißt, nicht einfach so aussuchen kann, wie Schokoriegel im Süßwarenregal, sondern das Gegenüber auch auf Like gedrückt haben muss. Wenn beide aneinander interessiert sind, wird man verbunden und kann sich Nachrichten schicken.

Tinder ist tendenziell eher auf den schnellen Fick, statt die langfristige Beziehungssuche ausgerichtet.

Tinder Funny

Man sieht kein Profil sondern erstmal nur ein Bild. Das Profil selbst ist sehr knapp gehalten und man kann lediglich eine kurze Selbstbeschreibung abgeben. Darüber hinaus werden die gleichen Interessen und gemeinsame Facebookfreunde angezeigt.

In der Selbstbeschreibung findet man viele Zitate berühmter Leute und Instagram Accounts.

„Life is what happens, while you’re busy misquoting John Lennon“

Bei den Fotos fällt auf, dass sich einige Motive sehr oft wiederholen.

Klar, in den meisten Fällen ist die betreffende Person auf dem Bild zu sehen, das verwundert weniger.
Aber man stolpert bei jeder dritten Person über Holocaust-Mahnmal-Selfies. Dieses Instagramphänomen macht auch vor Tinder nicht halt … ist aber nicht ganz so sexy.
Außerdem posen überraschend viele weiße Obere-Mittelschicht-Mädels mit afrikanischen Kindern. Weil sie weltoffen und hilfsbereit sind? (No offense, die Damen)

Ich frage mich auch, ob das jeweils verschiedene Tiger sind, oder ob es irgendwo eine Profilbild-Tiger-Foto-Möglichkeit gibt, wo immer die gleiche arme Großkatze herhalten muss. Falls sie gerade nicht verfügbar ist, tut es aber scheinbar auch ein Känguru.

Natürlich sind das nur die Stereotypen, mit denen man es häufig zu tun hat, aber es gibt wie immer Ausnahmen.

Dating App Test

OkCupid folgt einem etwas anderen Prinzip. Es gibt viel mehr Platz für die Selbstbeschreibung und extra Eingabefelder für persönliche Interessen, wie Lieblings- Bücher, Filme, Musik und so weiter.
Wo Tinder überwiegend auf oberflächliche und schnelle Verbindungen ausgelegt ist, geht Ok Cupid mehr in die Tiefe.

Wenn es nur um die schnelle Nummer geht, ist es eigentlich auch irrelevant, was das Gegenüber alles an Leichen im Keller hat. Das Intermezzo wird kaum davon beeinträchtigt, ob man selbst Helene Fischer, das Tinder Date aber Andrea Berg lieber mag, oder ob das Match Tolstois Krieg und Frieden einmal in der Woche liest, während ich mich zum Beispiel nur auf das Telefonbuch beschränke.

Aber wenn man auf der Suche nach etwas mehr ist und sei es nur ein gutes Gespräch, braucht es mehr als ein schickes Selfie und körperliche Anziehungskraft.
Will sagen, die Match-Mechanismen sind etwas ausgereifert, als lediglich aus dem gewünschten Alter und der Entfernung potentielle Partner zusammengesetzt.

Neben seinem normalen und umfangreicheren Profil kann man einen Fragenkatalog beantworten und die Antwort daraufhin noch nach ihrer Wichtigkeit einstufen.
Wie viel Wert man beispielsweise auf Ehrlichkeit in einer Beziehung legt und ob man von seinem Match das Gleiche (oder auch das Gegenteil) erwartet.

OkCupid

Gematcht wird wie bei Tinder, allerdings ist ein gegenseitiges Mögen keine Voraussetzung, denn man kann auch einfach so Leute anschreiben.

 

Die Erfolgsquote hängt in der Regel von ganz persönlichen und demnach sehr unterschiedlichen Faktoren ab, weshalb dieser Test nicht dazu dient, die Qualität der jeweiligen App anhand dessen festzumachen.
Der Test zweier anderer Apps, die ich hier nicht namentlich nennen möchte, scheiterte leider an Bugs und anderen Nicht-Funktionen.

Fazit:

Tinder ist schneller eingerichtet, weil man nur einen klugen Satz hinzuschreiben braucht und sich dann durch endlose Partnervorschläge klicken kann. Naja, fast endlos.
Auch die restliche Handhabung ist unkompliziert und einfach gehalten.

OkCupid verlangt ein paar mehr Angaben und das Klientel ist zu großen Teilen auf längerfristiges Daten aus, wofür die gegebenen Informationen die Basis legen sollen.

Insgesamt hat man es bei beiden Apps oft mit prätentiöser Kackscheiße zu tun, da sie im Prinzip nur ein Werkzeug mehr zur Selbstdarstellung und Selbstbestätigung im digitalen Werkzeugkasten sind.

Auf lange Sicht werden wir uns an Online-Dating gewöhnen müssen, denn das Internet steht weiterhin in der Blüte seiner Entwicklung. Es ändert die Mechanismen und Herangehensweisen an One-Night-Stands und die Partnersuche, aber ich schätze, dass man keinen Rückgang der althergebrachten Werte beobachten wird. Als dass diese nicht sowieso schon degeneriert sind.
Wer ein Arschloch ist, war das vermutlich schon bevor er Tinder installiert hat, genauso wie der Kavallier.

Am Ende des Tages muss man immer noch das Handy in die Tasche stecken und sich in der realen Welt gegenübertreten und miteinander klar kommen. Das nimmt uns keine Maschine ab, auch wenn sie die Möglichkeiten, wie wir an diesen Punkt gelangen, stark verändert.

Originally posted 2015-05-15 18:11:17.