Diese Erkenntnis klingt banal und das ist sie auch. Keine Ahnung ob, es das Alter ist, aber in den letzten Jahren ist mir die Lust auf ideale Körper vergangen. Nicht, dass ich ihren ästhetischen Wert nicht zu schätzen wüsste, ich bin von einem schönen Körper visuell ebenso angetan wie die meisten Menschen. Aber er hat in meiner Lebensrealität nicht mehr die Bedeutung, die er mal hatte. Menschen sind Menschen, sie schwitzen, sie stinken, sie scheißen. Eine Gigi Hadid hat eigentlich Körperbehaarung und auch eine Heidi Klum wird alt. Und die stecken im Gegensatz zu mir sogar 5-10 Stunden am Tag in ihre Körper. Das ist ihr Job. Also keine Freizeitbeschäftigung sondern eine Vollzeitstelle. Und abgesehen davon sind in der Realität, also im Aldi, im Club und im Schlafzimmer der Nachbarn die Geschmäcker erstaunlich unterschiedlich und flexibel. Wieso hecheln wir vordergründig also nach wie vor einer Körperästhetik hinterher, von der wir alle wissen, dass sie nahezu kaum erreichbar ist? Weshalb kann man bei H&M mit einer Körbchengröße C aufwärts nur noch Hosen kaufen? Warum brauchen Frauen ab Kleidergröße 42 immer noch eigene Onlineshops, um Klamotten zu finden, die ihnen vernünftig passen und gut aussehen, statt auszusehen wie umfunktionierte Tischdecken mit Blümchenmuster?

 

Supermodels sind schlimm – das Internet noch schlimmer

Vor allem scheißt uns das Internet, allen voran Instagram, täglich voll mit Bildern von Frauen (und Männern) deren Leben aus nicht enden wollenden

  • Yoga-Sessions
  •  Bikini-Momenten auf dem Balkon
  •  #homeiswherenopantsare Selfies

besteht…bei Minus 20 Grad Außentemperatur will ich mir die Höhe der Nachzahlung der Heizkostenabrechnung gar nicht erst vorstellen. Konnte man sich früher beim Durchblättern namhafter Damenmagazine immer noch sagen, dass Claudia, Naomi und Kate eine Ausnahme in unserem ästhetischen Universum darstellen, kriegt man heute Online schnell den Eindruck, man sei der einzige Mensch, der in seiner Freizeit ein Buch liest statt Crossfit zu machen oder Pizza bestellt statt Proteinshakes mit Superfoods aufzupeppen. Ich bleibe morgens auch lieber 30 Minuten länger in meinem Bett liegen (fällt das unter Schönheitsschlaf?) statt mit 5 Hilfsprodukten symmetrische Augenbrauen vorzutäuschen oder meine Brüste zu konturieren. Aber das Internet wäre nicht das Internet, wenn es nicht längst eine Gegenreaktion inklusive Hashtag gäbe.

 

#bodypositivity – ein Hashtag das verboten gehört

Naja fast. Grundsätzlich ist ja nichts falsch daran, seinen eigenen und die Körper von anderen positiver zu betrachten und es vollkommen O.K. zu finden, dass wir nicht alle aussehen wie Gigi Hadid. Allerdings ist das Hashtag #bodypositivity nicht ganz ohne fahlen Beigeschmack zu genießen. Pia Kernig bringt es in einem ihrer Texte auf den Punkt:

„Wenn man dem Hashtag #bodypositive oder #bodypositivity auf Instagram betrachtet, fällt einem auf, dass die meisten der ‚unperfekten‘ Menschen, die sich mit emotionalen Texten und Bildunterschriften ihrem Publikum öffnen wollen, eigentlich ganz normale Menschen sind, die eine nicht unwesentliche Tendenz zur Selbstdarstellung pflegen. Dahinter steckt also vermutlich meist ein ganz passables Selbstwertgefühl.“

 

Ja, und? Ist doch schön, wenn mehr und mehr Menschen ihren ganz normalen Körper feiern, oder nicht?

Klar, total super. Nur, dass die öffentliche Präsentation eines dank Bohneneintopf aufgeblähten Bauchs eines Konfektionsgröße 38 Körpers zum einen nichts sein sollte, bei dem wir feiern, dass wir uns dennoch erträglich finden. Zum anderen geht durch die Betonung kleiner Makel der Bodypositivity-Bewegung ein wenig die Sprengkraft verloren. Denn wenn es dabei um das Feiern, Zelebrieren und Anerkennen von Körpern geht, die nicht der Norm entsprechen, sollte man vielleicht zunächst die Norm als das sehen, was sie ist: Normal. Ich sehe nicht aus wie ein Model, aber wie ein Großteil der Menschen, die mir tagtäglich auf der Straße begegnen. Muss ich es feiern, dass ich mit diesem normalen Körper leben kann? Gibt es nicht denen, deren Körper wirklich nicht dem Durchschnitt entsprechen, weil sie zu dick, zu burschikos, zu farbig, zu behindert sind, nicht noch mehr das Gefühl aus dem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen zu fallen? Ich kann meinen Hüftspeck zwar furchtbar finden, aber ich werde dafür nicht angestarrt oder von fremden Menschen beschimpft. Kurz: Man kann sich hässlich fühlen und gerne auch gesellschaftlichen Schönheitsidealen die Schuld dafür geben, diskriminiert wird man für einen Normalo-Körper aber nicht.

 

Und jetzt?

Ich schlage vor endlich mal normal mit Normal-Körpern umzugehen. Man kann Bilder ohne Filter von verquollenen Augen, Doppelkinn, Pickeln und Cellulite auch einfach so posten. Ganz ohne Hinweis darauf wie krass bodypositive und feministisch das ist. Denn umso weniger das als heroischer Akt glorifiziert wird, desto normaler wird es. Ich würde es liken.

Originally posted 2017-12-19 13:35:37.