Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Die Europäische Union sei ein bürokratisches Ungetüm, dass die Souveränität ihrer Teilnehmerstaaten untergrabe und ganz viele andere schlechte Dinge verursache.
Wenn man sich nur fünf Minuten durch – was auch sonst? – die Sozialen Netzwerke scrollt, werden zwei Dinge deutlich: „Die EU“ ist zu großen Teilen schuld (woran, variiert) und alle scheinen ungekrümmte Gurken zu hassen. Aber alles der Reihe nach.

SLEAZE ihm seine Kolumne: Europa, quo vadis?

Großbritannien hat kürzlich seine Bürger befragt, ob man EU-Mitglied bleiben möchte und sie stimmten dagegen. In Facebookgruppen, die irgendwas mit „Deutschland ist/bleibt/wird/muss …“ oder „Merkel stürzen“ im Titel tragen, feiert man die Briten für ihren Mut, sich gegen die „EU-Diktatur“ aufzulehnen und beneidet sie um ihre wiedergewonnene Freiheit.

Sieh an, so einfach ist das also. Raus aus der EU und alles wird gut. Oder doch nicht?

So viel vorab: Ich kann wirklich überhaupt nicht abschätzen, ob der Brexit den Zerfall der Europäischen Union zur Folge hat, den Briten einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufschwung bringt, oder alles am Ende doch gar nicht so wild wird. Wenn selbst die Experten spekulieren, kann ich mit meinem dürftigen Fachwissen nichts Hilfreiches beitragen. Außerdem wurde und wird bereits so viel darüber geschrieben, da muss ich nicht auch noch meinen Senf dazu abgeben. Ich möchte lieber über etwas anderes sprechen.

Als Paradebeispiel für den Regulierungswahn der EU wird häufig die „Verordnung Nr. 1677/88/EWG zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken“ angeführt. Die sogenannte Gurkenverordnung regelt den Krümmungsgrad und die generelle Beschaffenheit von Salatgurken. Diese werden so in verschiedene Handelsklassen für den europäischen Markt eingeteilt.

Diese Verordnung ist übrigens bereits seit 2009 außer Kraft gesetzt. Obwohl, und da wird es interessant, sich die Mehrheit der Mitgliedsstaaten sowie Handels- und Bauernverbände für ihre Beibehaltung aussprachen. Nachdem es jetzt kurz interessant war, wird es auch schon kompliziert.
War die Gurkenverordnung doch eben noch Argument gegen den Norm-Terror der EU-Kommission, ist es auf einmal der diktatorische Akt, uns dieses Gurken-Schönheitsideal wieder wegzunehmen, oder wie?

Genug von den Gurken

Sie sind ja nur ein beliebtes Beispiel und lediglich die Spitze des Eisbergs(alats), denn die Verordnungen und Vorgaben aus Brüssel hören beim Gemüse noch lange nicht auf. Nun ist das allerdings auch kein Geheimnis, das irgendjemand erst hätte enthüllen müssen, um uns die Augen zu öffnen und aus den Fängen der EU-Diktatur zu befreien.

Das habe ich bereits in der Schule gelernt. Ebenso habe ich dort erfahren können, was eine Diktatur ausmacht und wie sie funktioniert. Glaubt ihr wirklich, man würde Schülern in einer Diktatur bereits in jungen Jahren und in staatlichen(!) Bildungseinrichtungen erklären, wie ineffizient und fehlerhaft dieses politische Gebilde ist? Klar ist die EU ein riesiger Verwaltungsapparat, der in vielen Belangen unglaublich schwerfällig und manchmal überhaupt nicht fähig zur Konsensbildung ist.

Darüber hinaus verschlingt die Bürokratie in Brüssel und Straßburg ziemlich viel Geld. Straßburg auch? Ja, denn dort hat das EU-Parlament seinen offiziellen Sitz, wohingegen die Ausschüsse in Brüssel tagen. Zur Plenarsitzung zieht das gesamte Parlament dann einmal im Monat für vier Tage um. Was das kostet.
Man könnte sehr lange so weiter machen.

Die Geschichte Europas knapp zusammengefasst

Aber machen wir doch stattdessen eine kleine historische Exkursion und schauen uns die Geschichte Europas mal genauer an. Sehr komprimiert, immerhin haben wir alle heute noch was anderes vor.
Europas geographische Definition ist immer ein wenig willkürlich, denn es hat im Osten keine eindeutige geographische oder geologische Grenze gegenüber Asien. Deshalb sind die „Grenzen Europas“ eine Frage gesellschaftlicher Übereinkunft. Beginnen wir daher, um Zeit zu sparen, irgendwo im Frühmittelalter, sagen wir um das 11. Jahrhundert herum.

Krieg, Krieg, Krieg – mittlerweile sind wir im 18. Jahrhundert angelangt.

Die Aufklärung steht in voller Blüte, die Achtung der Menschenwürde, Toleranz und Gleichheit etablieren sich als universelle Werte und oh, hoppla – Krieg, Krieg, Krieg, der ungezügelte Nationalismus einiger Staaten und imperialistische Machtbestrebungen richten verheerenden Schaden an. Vorerst kein Krieg, aber Mauerbau, Abschottung, Wettrüsten und einige Jahrzehnte an der Schwelle zum globalen Atomkrieg. Jetzt diskutieren wir über die Krümmung von Salatgurken.

Könnte deutlich schlimmer sein, oder?

Denn die Kritik an Europa ist oftmals und vor allem aus bestimmten Lagern nicht konstruktiv gedacht, um der Staatengemeinschaft zu mehr Effizienz zu verhelfen und ein funktionierendes und friedvolles Miteinander anzustreben. Nein, vielmehr zeigt sich bei Pöbeleien gegen die EU die Fratze des Nationalismus, der völkisch Denkenden und all derer, die gewisse Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft, gegenüber anderen als überlegen ansehen.

Das zeigt sich auch in Großbritannien, wo unmittelbar nach dem Referendum Einwanderer und viele Menschen ohne helle Hautfarbe auf offener Straße zum „Heimgehen“ aufgefordert werden. Sogar jüdische Mitbürger traf es … und die haben damit eigentlich sehr wenig zu tun.

Diese Reaktion zeigt zum einen das Unverständnis vieler, über was sie da eigentlich abgestimmt haben, zum anderen aber auch den weit verbreiteten Wunsch nach einem starken und eigenständigen Staat. Wohin sowas führt, haben wir uns in Europa lange genug angeschaut und schließlich beschlossen, dem ein Ende zu machen und eine Wirtschaftsgemeinschaft zu gründen.
So lukrativ ein Krieg nämlich auch sein mag, in Frieden Handel zu treiben und den Markt zu fördern, ist in jedem Fall die bessere Lösung. Wer Geschäfte miteinander macht, bekämpft sich nicht.

Dass das selbstverständlich auch Probleme und negative Nebeneffekte mit sich bringt, ist selbstverständlich. Doch einfach den Status Quo wieder herzustellen und zu hoffen, dass alles gut wird, scheint mir recht abstrus. Zu unabhängigen Nationalstaaten zurückzukehren und wieder sein eigenes Süppchen zu kochen, lässt uns nicht besonders gut auf die aktuellen Herausforderungen und Bedrohungen der globalisierten Welt reagieren.

Ist meine Generation womöglich vorerst die letzte, die in Europa in Frieden aufwächst?

Wie bereits erwähnt, weiß ich nicht, wohin sich das alles entwickelt und ob noch mehr Staaten dem Vorbild Großbritanniens folgen und versuchen werden, sich aus der Europäischen Union zu lösen. Ebensowenig lässt sich abschätzen, ob sich in diesem Fall die innereuropäischen Reibereien dermaßen zuspitzen, dass sich erneut Bündnisse bilden, die in diesem Fall aber auf Konfrontation statt auf Einigung eingestimmt sind.

In Anbetracht der weltpolitischen Lage und der vielen Konflikte, die sich in und um Europa abspielen, ist dieses Gedankenspiel jedoch nicht allzu abwegig. Dann hört man auch immer mal wieder der neuen rechten Querfront zu, die in ihrem Jargon ebenfalls viel Aggression offenbart und schaut wenige Kilometer gen Osten, wo unmittelbar an der Europäischen Grenze die Kugeln durch die Ukraine fliegen. Dazu kommt eine immense Aufgabe in Form der Flüchtlingskrise, die bereits innerhalb des Staatenbundes tiefe Gräben riss. Wie soll das werden, wenn jedes Land wieder für sich alleine steht?

Während man heute mit Blick auf die Eskalation, die zum Ersten Weltkrieg führte, vom „Pulverfass Balkan“ spricht, befinden wir uns derzeit mit großen Schritten auf dem Weg zum „Pulverfass Europa“, das die geistigen Brandstifter europaweit mit einer ideologisch aufgeladenen Rhetorik mit gehäuften Schaufeln weiter füllen.

Ich glaube nicht, dass es bereits so schlimm um uns steht, aber eine Tendenz ist klar erkennbar und die Demagogen reden sich auch in unserem Land seit längerer Zeit den Mund fusselig. Man müsse Deutschland wieder stark machen, sich lieber um Obdachlose und verarmte Deutsche kümmern, als um Immigranten oder (noch schlimmer) die Geflüchteten. Mit diesen Ansichten vermischt sich auch die Meinung, der deutsche Mann müsse wieder mehr Härte zeigen. Sei er doch jahrzehntelang von feministischen Denkweisen und Kuschelpädagogik verweichlicht worden und nicht mehr fähig, Familie und Land zu schützen.

Der besorgte Bürger hält nicht mehr viel von Solidarität und sollte es tatsächlich irgendwann wieder zu einem Krieg in Europa kommen und ihr Arschlöcher versucht dann nach Spitzbergen, oder wo auch immer es gerade sicher ist, zu flüchten, dann trete ich euch persönlich an der Grenze ins Land zurück.
Die Scheiße, die ihr mit angezettelt habt, stehen wir dann zusammen durch.

Originally posted 2016-06-30 19:35:15.