Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. 

An dieser Stelle und heute kolumniert mal wieder die wunderbare Gherkin für euch. Sie philosophiert heute über DIY, Pinterest und Heißkleberpistolen. Und stellt fest:

Ich mach’s mir selbst. Und scheitere kläglich.

Vor kurzem verfasste meine Kollegin eine Kolumne über den seltsam-peinlichen Moment, als sie nach ihren Hobbies gefragt wurde.
Ich fragte mich verwirrt, was für Menschen eine solche Frage stellen, zuckte mit den Schultern und dachte kurz nostalgisch an die Freundschaftsbücher aus der Grundschule.
Meine Hobbies? Ganz klar. Lesen, Reiten, Malen.
So seltsam die Frage auch ist, ich komme auch nicht umhin einzuräumen, dass es wieder en vogue ist einem Hobby zu fröhnen.

Wir häkeln, basteln und werkeln.
Hauptsache irgendwie kreativ und selbst gemacht. Vorbei die Zeiten, in denen das Maß aller Dinge eine 60-Stunden Woche mit anschließenden Afterwork-Parties, Teambildungsworkshops oder Fortbildungen am Wochenende, war.
Eigentlich keine verkehrte Sache, oder?

Aber es wäre keine Gherkin-Kolumne, wenn die Alte sich nicht auch ein wenig was zu meckern hätte.

Die Do-It-Yourself Bewegung hat ihren Ursprung im Großbritannien der 50er Jahre.

Es ging damals um eine Rückbesinnung und Wiederaufwertung des Kunsthandwerks, gegen die sich in Turbogeschwindigkeit ausbreitende industrielle Produktion. Die Punks und Anarchos der späten 70er erhoben mit Selbstgemachtem den Mittelfinger gegen Industrie, Mainstream und Kapitalismus. Und die Ökos der 80er versuchten mit selbst gestrickten Pullovern und handgemalten Plakaten die Welt zu einem grüneren Ort zu machen.

Um was geht uns also, wenn wir uns darauf berufen, was wir selbst Schönes und Praktisches herstellen können? Gegenreaktion auf die immer mächtiger und drohendere Macht der Maschinen? Das verzweifelte Ringen um echte Individualität, in einer Welt, in der wir wie Scheinselbstständige unsere Freiheit längst aufgegeben haben?
Oder eine Rückbesinnung auf die guten Alten Zeiten? Soll uns hier mal Latte sein. Falls nicht, fragt eine Soziologin, Psychologin oder einen Kunsthistoriker.

Auch ich habe ein, wenn man es so nennen kann, ähm, Hobby.

Oder eben viele. Alle Jahre wieder fällt die Wahl auf ein andere handwerkliche Beschäftigungstherapie, wie ich es passender nennen würde. Ich habe gemalt, geschrieben, fotografiert, genäht und Schamhaar-Toupets aus gesammelten Bucheckern gebastelt. Aktuell bin ich auf dem Anfertigen von Stickereien hängen geblieben. Eine Beschäftigung die Stunden, ja Tage, dauert, Nackenschmerzen auslöst und in meinem Fall selten ein dem Aufwand angemessenes Ergebnis hervorbringt. Bescheuert, ich weiß.
Wie ich auf die Idee gekommen bin?

Dank Pinterest, Tumblr und Instagram werde ich regelmäßig mit den kreativen Ergüssen anderer zugeschissen.

Du findest nichts, was nicht schon jemand geschweißt, geklöppelt oder aus Glas geblasen hat. Es scheint als sei die halbe Internetgemeinde auf der Mission die Herrschaft der Katzenvideos zu stürzen. Vielleicht häkeln, bildhauern und flechten sie auch für den Weltfrieden, ich weiß es nicht. Sehr wahrscheinlich ergeht es Ihnen in den meisten Fällen einfach wie mir. Das Leben ist hart und größtenteils langweilig. Und vielleicht sehne ich mich wirklich ein wenig nach meiner eigenen Authentizität. Irgendwas Schönes muss Mensch sich ja antun, da wird mir jede Therapeutin Recht geben.
Aber zurück zu handgefilzten Badewannenvorlegern und geschnitzen Dildos aus deutscher Eiche. Selbstverständlich verziert mit Mustern traditioneller Schnitzkunst aus dem Schwarzwald. Für mehr Spaß am Spaß.

Das Internet ist zu einem riesigen DIY-Walmart mutiert, vollgestopft mit handgefertigtem Krimskrams.

Die virtuelle Quelle an digitaler Inspiration scheint unerschöpflich. Hundeporträts aus Filz, selbst gebatikte Schlüppis, hipper Wandschmuck aus alten Konserven. Alles natürlich in Hochglanzoptik und in scheinbar meisterlicher Perfektion ausgeführt. Jeder Stich und jeder Strich sitzen. Selbstredend werden die Portfolio-Accounts der vermeintlichen Hobbyisten nahezu täglich mit den neuesten Kreationen ihres Schaffens gefüllt.

Irgendwann dachte ich mir, ganz naiv, das kann ich auch.
Aber siehe da, kann ich nicht.

Egal was ich auch in Angriff nehme, es ist findet meist nach kurzer Zeit sein jähes Ende. Dabei fängt alles immer so gut an. Enthusiastisch stürzte ich mich in den nächsten Kurzwarenladen. In den Baumarkt. Den Künstlerbedarf. Den Schrottplatz, die Siebdruckwerkstatt, das Fotolabor.
Bis dahin ist alles super. Außer das ich professionelles Handwerkszeug von Linolschnitt über die Dekupiersäge bis zum Gravur-Dremel angehortet habe.
Auch der erste Fadenstich oder die erste geschweißte Naht habe ich vor lauter Begeisterung über meinen kreativen Impuls, meinen Tatendrang und der Zuversicht etwas ganz großartiges zu erschaffen.
Ich fühle mich vom sinnlosen Sinn der Kunst beseelt.

Dooferweise setzt die ernüchternde Erkenntnis, dass die durch Euphorie und Internet hochgeschraubten Erwartungen an das, was man da fabriziert, niemals, und ich meine NIEMALS erreichen wird, recht schnell ein. Das Internet lügt. Am Ende sitze ich frustriert, wenn nicht sogar mit Pipi in den Augen vor dem Schrott, den ich fabriziert habe und der so gar nicht aussieht, wie das, was mir all die durchpefektionierten Dawanda-Accounts mit jedem Klick unter die Nase reiben wollen. Wütend beschimpfe ich mich und mein handwerkliches Unvermögen und frage mich, ob das Ganze nicht eine Verschwörung gelangweilter Hausfrauen und Hausmänner ist, die es sich zum Ziel gemacht haben, mich mit ihrer Perfektion in den Wahnsinn zu treiben.

Ich weiß, ich weiß, Übung macht den Meister.

Und vielleicht bin ich auch keine Leuchte in Durchhaltevermögen. Aber vergessen wir dabei nicht, es handelt sich hier um ein Hobby. Meine zeitlichen Kapazitäten ein Kunsthandwerk bis zum Meisterniveau autodidaktisch zu erlernen sind alltagsbedingt leider begrenzt.
Meine Stickereien sehen entsprechend aus, wie die Fingerübungen von einer Grundschülerin und meine gezeichneten Porträts, als hätte ich Fremd-Dysmorphophobie.
Ich habe von der Heißklebepistole Brandblasen an den Fingern und Lötzinn auf der neuen Seidenbluse. Wo soll das nur hinführen? Meine Freunde haben schon dieses angstvolle Flackern in den Augen, wenn ich ihnen Geschenke überreiche. Ich könnte ja etwas selbst gemacht haben. Und davon haben sie mittlerweile genug.

Danke Lügeninternet!!!111


Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2016-10-14 15:42:40.