Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir.

Heute wundert sich die hier schreibende Autorin wieder einmal über Gepflogenheiten und Gewohnheiten des (un)sozialen Lebens. Wenn Menschen anderen Menschen ungefragt Gemütszustände, Menstruationszyklen und Krankheitsbilder zuschreiben, ohne sie zu kennen (oder zumindest medizinisch zu untersuchen), entstehen daraus oft absurde und schlichtweg falsche Konklusionen. Die eben daraus resultieren, dass Perspektiven nicht immer gleich sind. Und zu der Annahme führen, dass Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen keine Ahnung haben, einfach mal…nicht über die Erfahrungen anderer entscheiden sollten.

Die Allegorie der Blasenschwäche, oder: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal selber anpinkeln.

Stell dir vor, dein Finger ist gebrochen und alle anderen glauben zu wissen, wie weh er tut. Wie weh der kaputte Finger tut, weisst natürlich nur du. Genauso wie nur du selbst weisst, wie scheisse deine vom Friseur versemmelte Frisur in deinen Augen aussieht. Oder wie nur du selbst fühlst, dass es warm ist, wenn du dir in die Hose pinkelst – auch wenn alle anderen es sehen können. Kurzum: Du hast etwas erlebt und du bist folglich der oder die Einzige, die deine Gefühle und Erfahrungen während dieses Erlebnisses oder andauernden Zustandes richtig und vollständig beschreiben kann.

Meine Katze und ich finden das alles ziemlich einleuchtend und logisch nachvollziehbar (auch, wenn wir beim letzten Punkt nicht aus eigener Erfahrung sprechen können!!!). Trotzdem ereignet es sich in der Schwere des alltäglichen Soziallebens so, dass sich Fremdzuschreibungen gemeinhin öfter zutragen, als es mir und meinem Selbstverständnis dieser Banalität des menschlichen Empathievermögens lieb ist.

Dabei reicht die Sparte der Zustände, die fremde Menschen an einem ablesen zu glauben wissen, von temporären Gemütszuständen („Hast du deine Tage? Du bist schlecht gelaunt.“) über medizinische Diagnosen („Dicksein ist ungesund!“) bis hin zu wilden Vermutungen über ganz elementare Status der eigenen Zufriedenheit oder charakterlichen Beschaffenheit (“Du siehst müde aus!“ Bitch, das ist mein Gesicht.).

Stets hoch im Kurs: Das Wohl der Frauen. ALLER. Frauen. So wird dicken Frauen für gewöhnlich die fremde Anteilnahme an ihrer Gesundheit zuteil (böse Blicke gehen raus an Frau Thomalla), Sex habenden Frauen die allgemeine Sorge um ihren Ruf, ihre Gesundheit oder ganz einfach ihre Beweggründe für Sex mitwemauchimmer und Frauen anderer Konfessionen die damit scheinbar einhergehende, ehrbare Hilfeleistung einer „Befreiung“ zuteil, die besorgte Teile von uns – und unseren Regierungen – für absolut notwendig halten. Vong Perspektive her, oder so.

Was ist das für 1 Privileg? Was macht der mit 1 Perspektive?

Dass die Ansprache verschiedener Problematiken oder Thematiken nur die betrifft, die auch tatsächlich und quasi als Primärquelle mit ihnen leben wollen oder müssen, versuchen queer-feministische Räume im Internet unter anderem mit dem Spruch „Check your Privilege!“ einzufordern. Das Magazin und Aufklärungsportal Everyday Feminism erklärt ihn etwa so: Wenn jemand dir sagt, dass du deine Privilegien checken sollst, bedeutet das nicht, dass du eine böse Person bist oder diesen Status absichtlich erlangt hast. Es bedeutet einfach, dass du in verschiedenen Situationen einen anderen Hintergrund hast und demnach keine oder andere Erfahrungen hast als jemand, den eine bestimmte Thematik direkt betrifft ist.

Gäbe es darüber einen allgemeinen Konsens, wäre die Welt möglicherweise eine friedlichere. Aber dann gäbe es diese Kolumne hier heute auch nicht. Tatsächlich regiert vor allem im Internet, der Tonus der durchaus vertretungswerten Meinungsfreiheit mal wieder über die humane Sensibilität für eine ebenso durchaus auch mal angebrachte Diskretion. Bis das verinnerlicht wurde, steht ‚Das wird man ja nochmal sagen dürfen‘ weiterhin in vielen Diskussionen stellvertretend für die Stimmen direkt Betreffender oder Betroffener. Um es mit der Frage eines (not sure if serious or just trolling) Kommentierenden unter einem Artikel über den Vorschlag eines Berliner AFD-Abgeordneten, Burkas öffentlich zu verbrennen (!), zu veranschaulichen:

Warum findet ihr es cool, wenn Frauen in ehemals vom IS besetzten Gebieten ihre Befreiung mit der Verbrennung der Burka feiern – wenn die AFD aber das Gleiche fordert, sind wieder alle Nazis?

Da kann man jetzt total berechtigt mit einer Argumentation über Perspektiven, Privilegien und nationalsozialistische Verbrechen anknüpfen. Oder ganz einfach (und ohne Fremdzuschreibung!) fragen: Fühlen Sie sich eigentlich manchmal dumm vong Kopf her?

Originally posted 2016-10-27 14:27:27.