Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. 

Ob sie neben einer Weltanschauung eigentlich auch eigene Hobbys pflege, musste sich die hier schreibende Autorin kürzlich in einer smalltalkerischen Selbstinszenierung fragen. Wer bin ich und wenn ja, wie viel Freizeitspaß? Wer fragt heute noch gezielt nach Hobbys? Und was hat das alles überhaupt mit Diddl-Freundebüchern zu tun? (Und wie schaffen wir es bei SLEAZE eigentlich immer, mit jedem Thema den Bogen zu unseren Katzengifs zu schließen?)

Guten Tag, mein Name ist Rebecca und ich bin eine Hobbylose

Als vor nicht allzulanger Zeit die Bekannte meines Freundes bei einem gemeinsamen Café zu dritt und einer kurzen verdauungsbedingten Abwesenheit seinerseits höflich versuchte, mich besser kennenzulernen, ahnte sie wohl kaum, welche Nervosität sie mit ihrer Fragerei in mir auslöste. Smalltalk hat in virtuellen Kreisen (mit virtuellen Kreisen meine ich meine liebevoll zusammenabonnierten Tumblr- und Twitterfeeds) ja gemeinhin den Ruf, eine besonders ablehnungswürdige Form der sozialen Interaktion darzustellen. Es lebe das Alleinsein, das schnelle Internet und meine schier unendliches privates Repertoire an Katzenvideos – es sterbe die Zeit, in der Menschen etwas über mich erfahren und mich zu dem Zweck in ihre schrecklich freundlichen Fangarme einwickeln wollen. Und mich nach meinen Freizeitaktivitäten fragen. Wie die ehemalige Klassenkameradin meines Partners.

„Und, was hast du so für Hobbys?“, fragt sie und rührt gespannt in ihrem Kaffee. Und rührt. Und rührt. Und wartet auf eine Antwort, die ihrem Interesse würdig erscheint und sie in ihrer normal- sozialen Art das Kennenlerngespräch fortführen lassen. Ich überlege derweil, womit ich die letzten Tage vertrödelt habe und ob es auf Pinterest ein Fail-GIF gibt, das meine Situation perfekt widerspiegeln würde. In den Freundebüchern, die ich als cooles Kind in den Neunzigern zuhauf ausfüllen durfte, war das irgendwie einfacher: Malen, Reiten, Spielen. Läuft. Oder lief?

Wann ist ein Hobby überhaupt ein Hobby? Zählen lebensnotwendige Gewohnheiten wie Kochen, Kacken und Katzen streicheln (ja, es ist lebensnotwendig) auch dazu? Und wer will das eigentlich heute noch von mir wissen?

Freiwillige Selbstbildpflege und leidenschaftliche Freizeitbeschäftigungen versus Katzengifs und Koalabärfarming

„Ein Hobby ist eine Freizeitbeschäftigung, die der Ausübende freiwillig und regelmäßig betreibt, die dem eigenen Vergnügen oder der Entspannung dient und zum eigenen Selbstbild beiträgt, also einen Teil seiner Identität darstellt.“, schreibt dazu etwa eine berühmte Online-Enzyklopädie, die seriöse Journalistinnen nicht aufrufen sollen und es meistens doch tun. Weil sie nur halb so seriös sind, wie sie sich gerne geben und weil sie einfach so viel Zeit im Internet verbringen, dass dieser kleine Rechercheausflug nun auch nichts mehr rausreisst. Die Frage nach interessanten Hobbys erübrigt sich hier also in beiden Fällen.
Laurie Penny, feministische Buchautorin und Bloggerin, fasste die besonders ausgeprägte Hobbylosigkeit der freien Schreibenden erst kürzlich in all ihrer Unspektakularität zusammen: Im Grunde sitzen wir alle nur oft zuhause rum und verbringen viel Zeit mit unseren Laptops und Kaffeemaschinen. Und Katzen. Wenn man dieses Prinzip und die enzyklopädische Definition auch auf andere Branchen anwenden würde, ginge es wohl noch mehr Menschen so. Mehr Arbeit und Haushalt, weniger Freizeit und damit verbundene Spaßaktivitäten.

Wer sich selbst verwirklichen möchte, legt sich also ein aufregendes Hobby abseits des Berufes zu. Kunst, Modellbau oder ganz allgemein Weiterbildung, schlägt die populäre Definitionsmaschine da vor. Ein Blick auf die Profile meiner Freunde verrät: Rucksacktourismus, Hashtag-Expertise und Koalabärfarming sind der neue heiße Scheiss vong Hobbys her.
Und: Hobbypflege klappt irgendwie nur im Urlaub gut. Womit wir wieder bei der Wikipedia-Definition wären.

Sollte es also tatsächlich einen Grund geben, warum die Frage nach dem Hobby primär in Diddl- Freundesammelalben an 10-Jährige gestellt wird? Möglich. Würde mir dieser Grund gelegen kommen? Sehr wahrscheinlich. Die Pipipause meines Freundes konnte ich übrigens souverän mit meinen ausgeprägten Journalistenskills überbrücken: Mein Hobby ist DAS INTERNET. Bitte fragt mich nie wieder nach meinen Hobbys. #diddlisdead.

Originally posted 2016-09-15 17:03:31.