Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Direkt gesagt meinte er: Die Meinungen der Menschen sind wie A…löcher, jeder hat eins und es kommt nicht nur Gutes raus. Besonders im Dschungel des Internets werden Sympathie und Zustimmung leichtfertig durch gleiche (und verquere) Standpunkte definiert — ein Blick über den Tellerrand fehlt zumeist. An dieser Stelle möchten wir eingreifen und einen erweiterten Blickwinkel in Form einer zyklisch erscheinenden Kolumne bieten.

Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Was soll ich mit meinem Leben anfangen?
Eine Frage, die sich jeder Mensch früher oder später einmal stellt. Wenn nicht sogar öfter und meist an strategisch wichtigen Punkten der persönlichen Zeitachse.
In ganz jungen Jahren schwingt dieser Seufzer noch nicht mit, der dieser Frage nie mehr so richtig von der Seite weicht, wenn man älter wird.

SLEAZE ihm seine Kolumne: Wenn ich einmal groß bin

Anfangs besteht die Schwierigkeit noch lediglich darin, sich zu entscheiden, ob man auf der Erde bleiben möchte, um unter Jubel und Beifall Lederbälle in einen Alukasten zu kicken, oder doch lieber als Astronaut die Atmosphäre zu fernen Zielen durchbricht. Vor allem möchte man auch endlich groß, stark und erwachsen sein.

Feuerwehrmann werden, Feierabendbier trinken und so lange wach bleiben, wie man möchte. Was Erwachsene eben so machen.
Von Steuern, Stress und dem ganzen Unsinn, der da noch mit dranhängt, ahnt man im jungen Alter ja noch nichts.
Interessanterweise sind später Jobs bei der Polizei oder eben der Weltraumbehörde meistens alles andere als attraktiv, wenn man das kritische Alter erreicht.

Große Sprünge kann man im Kindesalter sowieso noch keine machen, was nicht nur an den kurzen Beinchen liegt, sondern vor allem an den festen Strukturen.
Kindergarten, Grundschule und dann auch die weiterführenden Schulen binden uns an einen Ort und eine Tätigkeit, sodass bei den meisten gar keine richtige Notwendigkeit besteht, sich dieser Frage zu stellen – oder zumindest nicht versucht werden muss, sie tiefgehend zu beantworten.

Man ist jung, hat Flausen im Kopf und nur eine vage Vorstellung von der Welt der Erwachsenen. Die scheint noch unglaublich weit entfernt und wenn es dann so weit ist, wird man damit schon fertig werden. Immerhin ist man ja dann erwachsen. So dachte auch ich.

Das Problem bei dieser Vorstellung ist die Illusion, dass es einen bestimmten Punkt im Leben gibt, der klar erkennbar den Übertritt in die seriöse Erwachsenenwelt markiert. Einen Tag, an dem ein Schalter umgelegt, ein Zertifikat ausgehändigt, Samen ergossen und Eier gesprungen sind und man ab sofort und ganz offiziell erwachsen ist.

Älter werden klappt ohne eigenes zutun von alleine ganz gut. Erwachsen muss man scheinbar werden und sich da auch noch aktiv dran beteiligen. Blöde Sache, das hat mir vorher niemand gesagt.

Das bekommt man gegen Ende seiner Schullaufbahn zum ersten Mal so richtig zu spüren. Man saß 13 Jahre (oder mehr) auf zu kleinen Holzstühlen an beschmierten Tischen und hatte jeden Morgen aufs Neue keinen Bock, dort hinzufahren. Man wünschte sich, endlich raus zu kommen, die Lehrer und hausaufgäbliche Verpflichtungen loszuwerden, um endlich sein eigenes Ding machen zu können. Rockband gründen, mit dem Handballteam zu Olympia, oder immer noch ins All.

Nach all der Zeit und Qual ist dann irgendwann tatsächlich Schluss. Die Frage Was soll ich mit meinem Leben anfangen?, steht nicht mehr nur im Raum, sondern bedarf jetzt einer Antwort. Einer gut durchdachten, immerhin geht es um die eigene Zukunft.
Manchen kommt die Sache bereits an diesem Punkt etwas seltsam vor, andere brauchen länger, aber früher oder später stellen die meisten fest: „SO funktioniert das? Wirklich?!“

Es wird nämlich der Eindruck erweckt, beim Erwachsensein handele es sich um einen abgegrenzten und klar definierten Teilbereich des Lebens. Einen Weg, den man beschreitet, währenddessen arbeitet, eine Familie gründet und dann so lange erwachsen ist, bis die Zeit sagt: „Genug jetzt, aus dem Alter bist du raus“. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Shame on you, Hollywood.

Filme enden mit der Eroberung der wahren Liebe, einer Traumhochzeit und vielleicht noch der Ankunft eines Kindes. Das ist aber auch schon das Höchste der Gefühle, denn was dann folgt, ist der eigentliche grauenvolle, nervenaufreibende Moloch des Erwachsenendaseins. Es ist durchaus großartig, einen Partner zu finden, eine Familie zu gründen und einen erfüllenden Job zu haben. Filme enden dann, aber nicht das Leben.

Unmittelbar danach geht es einfach so weiter, denn man hat das Erwachsensein längst nicht durchgespielt.
Wenn man sich die Frage stellt, was man mit seinem Leben machen soll, sucht man eine Antwort unter der Annahme, nur eine Sache in seinem Leben tun zu können.

Wenn dir jemand sagen würde, dass du ab nächster Woche bis in alle Ewigkeit nur noch ein Gericht und nichts anderes essen dürftest, würdest du dir selbstverständlich ununterbrochen den Kopf zerbrechen. Man müsste abwägen, welche Geschmäcker die besten sind und man hätte Angst, etwas falsches zu wählen. Sich falsch zu entscheiden und nach drei Tagen zu merken, dass Döner vielleicht nicht die beste Wahl war und man doch lieber etwas mit filigranem Geschmack genommen hätte.
Aber so funktioniert das Leben nicht.

Auch wenn die Last sehr schwer erscheint und die Entscheidung maßgeblich und final, sollte man bedenken: Fehlschlag ist immer eine Option.
Man legt sich die Zukunft schön zurecht, folgt einem Ziel, strebt einen Beruf an und ganz plötzlich ist alles anders.
Pläne neigen dazu, fehlzuschlagen und Entscheidungen werden auch mal vom Zufall gemacht. Das bedeutet nicht, dass man sich hinsetzen sollte, um zu warten, dass sich alles irgendwie von alleine ergibt. Aber es bedeutet, dass man schon irgendwie herausfindet, was man mit seinem Leben anfangen soll.

Immerhin fängt man ununterbrochen etwas mit seinem Leben an. Man beginnt viele verschiedene Dinge an, hört mit einigen wieder auf, landet ganz woanders und wird dort vielleicht glücklicher als vorher. Oder andersherum. Oder durchläuft doch den ganz klassischen Prozess und spaziert schnurstracks zum persönlichen Glück.

Zugegeben, es ist etwas beängstigend, wenn man eine größere Entscheidung treffen muss. Gerade für eine Berufsausbildung oder ein Studienfach, denn die Optionen dünnen sich nach jeder gefällten Entscheidung mehr aus.
Entscheide ich mich für Astrophysik, wird aus mir so schnell erstmal kein Anwalt. Die Optionen werden immer weniger, je älter man wird. Das ist beängstigend.
Doch das Gleiche passiert auch, wenn man sich nicht für irgendetwas entscheidet. Es ist nur frustrierender.

Die oben genannte Metapher ist durchaus nicht falsch. Das Leben könnte wirklich ein Weg sein, aber der ist nicht zwangsläufig gepflastert, mit Wegweisern versehen und mehr oder weniger geradlinig.

Er ist eher wie eine unendlich weite Ebene, mit ein paar wenigen ausgetretenen Pfaden, die man benutzen, aber genausogut querfeldein gehen könnte. Man steht irgendwo in der Mitte, hält eine unbeschriftete Karte in der Hand, ohne Markierung wo man sich derzeit befindet. Es ist nur ein Kreuz darauf eingezeichnet. Das könnte das Ziel sein, der Schatz, oder das Verderben.
Wer weiß, finde es heraus.

Die Illustration des Titelbildes verdanken wir dem großartigen maleek.

Originally posted 2016-02-25 18:51:20.