Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Gherkin über Dinge, die die Welt (und sie) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Das Internet ist ein wundervoller Ort

Es gibt Tutorials, wie man Spülschwämme in der Mikrowelle desinfiziert,  jede Menge Katzenvideos und natürlich die schillernde Welt der sozialen Netzwerke.

Das Web 2.0 (wie ein Aging Millennial wie ich es nennen würde) wird Machtstrukturen auflösen und zu mehr Demokratie führen, hat man uns versprochen –  Endlich wird jeder gehört werden, freie Meinungsäußerung und so, yippieh yeah!

Während wir alle noch von Selbstermächtigung, Revolution und kollektiver Macht träumten, füllte sich das Sumpfbecken Social Media sintflutartig mit einer undefinierbaren Ursuppe aus Content und brachte eine Spezies hervor, die uns entgegen allem Idealismus das Grauen lehren sollte.
Und zumindest mich mehr als einmal an der blinden Begeisterung  für das Privileg der  freien Meinungsäußerung hat zweifeln lassen. Denn mit dem Schritt vom Web 1.0 zum Web 2.0 ergab sich nicht nur die Möglichkeit der Partizipation und damit die Chance einer Demokratisierung von gesellschaftlicher Kommunikation. Es gab von nun an vor allem die Möglichkeit, seinen eigenen Senf über die gesamte Bockwurst, die sich Social Media nennt, zu verteilen. Und da es nach wie vor noch keinen Dislike-Button gibt und etwaiger Senf in einem Statuskommentar meist  nur von den eigenen Freunden wahrgenommen wird, befriedigt Mensch sein Geltungs-, Mitteilungs und Belehrungsbedürfniss ganz einfach in den Kommentarspalten von Zeitungsartikeln, Gruppenbeiträgen oder unter den Statusupdates von Fanseiten.

Lauthals schreiend, wüst beleidigend, moralisch empört, belästigend oder schlicht nervig – das Verhaltensspektrum des digitalen Marktschreiers ist reich an Variationen. Und seine einzige Ware ist er selbst, und das, was er für wahr, richtig und vor allem wichtig befindet.

Ich verstehe ja den partizipativen Moment am Kommentieren von Beiträgen oder dem Kommentieren von Kommentaren und nicht zu vergessen dem Kommentieren von Kommentaren zu Kommentaren. Manchmal  (aber nur manchmal…lalalalala) finden sich im Kommentarbereich unter Beiträgen sogar interessantere Aussagen, Argumentationen und Meinungen als der Beitrag selbst – aber seien wir doch mal ganz ehrlich, der Großteil besteht aus unqualifizierter Pseudokritik, unangebrachten Beleidigungen und gefährlichem Halbwissen.

Und mal abgesehen davon:

Wer braucht mehr als EIN Ausrufezeichen um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen?

WIESO SCHREIST DU MICH IN GROßBUCHSTABEN AN?

Warum pöbelst Du gegen einen Zeitungsartikel, von dem ganz eindeutig nicht mehr als die Headline gelesen wurde?

Und mal abgesehen von der Form:

Hat sich Sabine S. auch nur eine Sekunde gefragt, ob es für irgendjemanden außer ihr selbst von Interesse ist, ob sie kreuzrittlerlich gegen die von ihr als Hetzkampagne gegen deutsche Männer empfundene Hashtag #ausnahmslos anschreit, in dem sie jeden Kommentar eines Mannes unter einem Zeitungsartikel mit der Frage „Hast du auch schon mal gegrapscht?“ kommentiert? Und es ja auch wissenschaftlich belegt sei, dass nordafrikanische Männer viel häufiger vergewaltigen als der blonde Jürgen von nebenan.

Oder ist Paul T.  kurz in sich gegangen und hat es dann als unerlässlich erachtet, einen Menschen, der in einer Facebook-Gruppe Geld für den Sarg seines totgeborenen Kindes sammelt, zutiefst beleidigend der Lüge zu bezichtigen?

Halt mal die Fresse du Arschloch, du checkst aber auch gar nix

Manchmal wünsche ich mir, die Leute seien wirklich auf der „Maus“ ausgerutscht….denn dann müsste ich nicht selbst meinem Impuls widerstehen, diese selten bescheuerten Menschen zu beschimpfen und ihnen ihre eigene Dummheit aufs Brot zu schmieren. Ja, auch mir ist das Ganze nicht fremd. Nur scheine ich noch nicht gecheckt zu haben, dass  der (meines Wissens nach existierende) Unterschied zwischen Ehrlichkeit, eigener Meinung und überflüssiger und verletzender Information sich im Netz magisch aufgelöst zu haben scheint.

Lernt der Mensch nicht im Laufe seiner Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen so etwas wie Impulskontrolle? Also vor einer Handlung abzuwägen, ob diese womöglich einem selbst oder einem anderen schaden könnte oder das menschliche Miteinander beeinträchtigen könnte? Ich würde hinzufügen;  lernt man nicht abzuwägen, ob es überhaupt sinnvoll und produktiv ist, dem eigenen Impuls zur Mitteilung nachzugeben?

Seltsamerweise funktioniert diese Impulskontrolle im Real Life (wie die nicht alternden Millenials sagen) ganz hervorragend. Schon mal auf der Straße jemandem ungefragt gesagt, wie scheiße sein Haarschnitt aussieht?

Oder schon mal in der Bahn mit den Worten „Halt mal die Fresse du Arschloch, du checkst aber auch gar nix“ in eine Unterhaltung zwischen zwei dir fremden Menschen eingestiegen? Kommt vor, ist aber eher selten.

Und wo sind all die moralkeulenden Besserwisser, wenn der genderfluide Jugendliche in der Bahn angepöbelt und bespuckt wird? Wo waren die weißen Ritter der Menschlichkeit, als ein Nazi Flüchtlingskinder in der Bahn angepisst hat? Wahrscheinlich haben sie gerade auf ihr Smartphone geglotzt und sich darüber empört, wie unglaublich hart die neuen Facebook-Richtlinien ihre Persönlichkeitsrechte verletzen. Hier, im physischen Raum, von Angesicht zu Angesicht, wenn jedes falsche Wort ein blaues Auge nach sich ziehen kann, wird plötzlich abgewägt, wie passend ein Einmischen und das Vertreten der eigenen Meinung ist.

Die Kommentarspalte hingegen ist so etwas wie der blinde Fleck des menschlichen Sozialverhaltens, gepaart mit dem Schutz des stählernen Bildschirms und der Geheimwaffe des gefahrlosen Rückzugs werden Soziale Netzwerke zum Schlachtfeld der durch Frustration pervertiert aufgepumpten Egos und der schräg verfahrenen Blickweisen auf die Welt.

Ich will eure Meinungen nicht mehr hören

Du Fotze willst doch vergewaltigt werden, dem Pack wünsche ich die Pest an den Hals – Wer seine Kinder impft, gehört wegen Körperverletzung eingesperrt und wer nicht an Chemtrails glaubt, ist ein verblendeter Idiot.  So einfach kann die Welt sein und virtuelles Werfen mit verbaler Scheiße macht ja jeder und tut auch keinem weh, oder? Außerdem sage ich NUR meine Meinung.

Dass die womöglich aber keiner hören will, ist harte Realität. Aber die ist für die meisten Menschen nur schwer zu ertragen. Da blendet man sich lieber weiter mit dem eingetrichterten Glauben, freie Meinungsäußerung sei etwas Gutes.

Ich bin ganz ehrlich. Ich will eure Meinungen nicht mehr hören. Und gäbe es ein Add-On, um Kommentare unter Beiträgen auszublenden, ich würde es für viel Geld abonnieren.

Denn „Silence is better than Bullshit“

Gherkin

Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind ab heute das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2016-04-25 13:51:48.