Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Die Halbwertszeit der meisten Themen, die die öffentliche Diskussion bestimmen ist erschreckend gering.
Eben ließ man noch das Rindfleisch aus Angst vor dem Wahn im Regal liegen, schon lauert die Gefahr beim Schwein, kurz darauf in den Eiern. Dioxin ist aber weit weniger schlimm als Pferdefleisch in der Lasagne. Am allerschlimmsten aber sind Pestizide im Bier. Im anständigen, deutschen Bier. Kann man sich gar nicht vorstellen, wie schlimm das ist. Aber auch nur so lange, bis was anderes Schlimmes kommt und die Empörung darüber erst ein wenig abschwächt und dann ganz plötzlich in völlige Vergessenheit geraten lässt.

Wie Dreijährige im Spielwarenladen. Alles ist das Tollste, was man je gesehen hat, bis man das nächste bunte, blinkende Ding entdeckt.
Nur sind die Meldungen, die uns täglich ereilen, weniger toll. Unsere Aufmerksamkeit ist dennoch ganz woanders, während die Dinge, die die Aufregung verursacht haben, auch weiterhin ganz ungeniert existieren. Merkt nur niemand mehr so richtig.

baby

Wie viel davon letztendlich zutrifft, müssen empirische Erhebungen belegen, ich kann lediglich mutmaßen. Rein gefühlt trifft das aber dann schon auf den Teil der Bevölkerung zu, den man gemeinhin „breite Masse“ nennt.

Manche Aufreger oder besser gesagt, deren Auslöser enden ab und zu wirklich einfach ,wie beispielsweise die Verbreitung der EHEC-Erreger oder die H1N1-Pandemie, besser bekannt als Schweinegrippe. Diese Pandemie wurde nach einiger Zeit von der Weltgesundheitsorganisation als beendet erklärt – weil sie beendet war und nicht so wie Pofalla die NSA-Abhör-Affäre oder Geroge W. Bush den Irak Krieg für beendet erklärt haben.
Die H5N1-Variante nennt der Volksmund Vogelgrippe und die wurde offiziell nie als unbedenklich erklärt. Trotzdem haben wir die Fassung wiedererlangt.

Oder ist das nur eine Gewöhnung an die Gefahr?
Nach anfänglicher kopfloser Panik bemerkt der Mensch, das Gewohnheitstier, dass sich für ihn konkret eigentlich gar nicht so viel ändert und man auch ohne allgegenwärtige Todesangst das Haus verlassen kann. Dann vergehen noch ein paar Wochen (maximal) und schon ist alles wieder vergeben und vergessen. Wenn es eben schmeckt und dazu noch so günstig ist. Ach, das bisschen Schadstoffe …

Ein Urlaub in Teilen der Ukraine wäre momentan auch noch nicht empfehlenswert, doch hat sich das nach dem großen Knall für unseren öffentlichen Diskurs erst einmal wieder vollständig erledigt. Ganz zu schweigen von den unzähligen anderen Krisengebieten und Konflikten, die zu Beginn brandgefährlich und von großer Bedeutung schienen, im täglichen Informationsstrom aber schnell wieder weg gespült wurden. Wie bei einem Stein schleifen sich die Kanten ab, er wird immer kleiner und landet als Kiesel an irgendeinem Flussbett oder im Meer – von Weitem nicht von den anderen zu unterscheiden.

Ein gesundes Mittelmaß haben wir bislang noch nicht gefunden. Entweder erlebt man – nach kurzem Aufschrei – ein Desinteresse, das fast schon an Ignoranz grenzt oder man bekommt es mit dem gegensätzlichen Extremfall zu tun. Die Sache entwickelt eine Eigendynamik, wodurch irgendwann völlig irrelevant geworden ist, wer wann warum irgendetwas getan hat. Ist der Pöbel erst einmal in Rage, verhält er sich ,wie es sein Ruf gebietet und irgendetwas geht zu Bruch.
Man will die Fackeln ja nicht umsonst entzündet haben.

fackeln

Ist aber auch anstrengend so viel lesen zu müssen und über einen längeren Zeitraum konstant Informationen zu suchen, gar zu fordern. Wem soll man das abverlangen, wenn doch Flüchtlinge unser schönes Abendland bedrohen? Das haben die Nazis ja zum Glück noch nie gemacht, weshalb es auch keiner vergleichbar heftigen Reaktion wie beim Flüchtlingsthema bedarf.

Der Lügenbaron und ein ungünstiger Zeitpunkt

Verteidigungsminister Guttenberg hatte einfach nur ein schlechtes Timing. Wäre die ganze Chose nur mal zwei Wochen später an die Öffentlichkeit geraten. Die große Plagiatsaffäre wäre zu einer Randnotiz verkommen, angesichts der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Seinen Doktortitel wäre er zwar gleichermaßen los und das Image hätte auch einen leichten Schaden genommen.
Aber die öffentliche Treibjagd wäre der unmittelbaren Angst vorm nuklearen Weltuntergang geopfert worden.

Das hat zwar auch zu großen Teilen die Presse zu verantworten, die ihn bereits nach dem ersten Anfangsverdacht als Lügenbaron titulierte, doch ist auch sie gemeint, wenn ich „Öffentlichkeit“ sage. Immerhin beruht das ganze System durchaus auf dem Konzept von Angebot und Nachfrage und solche Dinge lassen sich dann doch ganz gut ausschlachten.

Der NSA-Skandal genauso, sollte man meinen. Der wurde auch durchaus in großem Umfang behandelt, man war auf einmal Feuer und Flamme für den Datenschutz und digitalen Freiheitskampf, aber was blieb davon übrig?
Außer dass wir jetzt wissen, dass amerikanische Geheimdienste in Zusammenarbeit mit vielen anderen Geheimdiensten Unmengen sensibler Daten gesammelt haben und einen Großteil der täglichen Kommunikation überwachten, hat sich da nicht viel verändert.
Es wurden bestimmt viele Passwörter geändert, aber wir verteilen weiterhin unsere Daten im Netz, schieben online Geld durch die Gegend und haben insgesamt noch lange kein wirkliches Bewusstsein dafür entwickelt, was das alles genau bedeutet.

nsa

Es scheint fast, als wolle man sich nur in dem bestätigt sehen, was man schon lange geahnt habe. Dann schimpft man vor sich hin, hat sein Weltbild bestätigt bekommen, aber dann ist auch wieder gut. Mehr Alternative als AfD wählen ist dann auch nicht drin.

Oh, wie schön ist Panama

Das zeigt aktuell der Fall der sogenannten „Panama Papers“.
Geleakte Dokumente eines Offshore-Dienstleisters in Panama zeigen die Verstrickungen in zum Teil recht zwielichtige Geschäfte verschiedenster Politiker, Unternehmen, Sportlern und vielen mehr auf. In unglaublichem Umfang und weltweitem Ausmaß sehen wir Scheindirektoren, schwarze Konten, gekaufte Anonymität schwarz auf weiß und ganz offen vor uns ausgebreitet und während die Isländer ihren Premier aus dem Parlament jagen, fällt die Reaktion hierzulande verhaltener aus. Es ist in der Tat etwas überstürzt, ohne juristische Prüfung oder zumindest kurze Bedenkzeit bereits Köpfe rollen zu lassen, aber ist dort wenigstens ein Aktionismus erkennbar.

Vielleicht ist es wirklich etwas zu früh, um den Ausgang dieses finanzpolitischen Debakels abzuschätzen, aber bei diesen Datenmengen vergeht viel Zeit, bis wirklich alles ausgewertet und alle Verstöße und die tatsächlich kriminellen Machenschaften aufgedeckt sind.
Das erfordert Durchhaltevermögen, aber vorher findet vielleicht jemand heraus, dass die Sterberate eines Rauchers bei einem Autounfall deutlich höher ist als die eines Nichtrauchers, der keinen Unfall erlebt. Und dann ist erstmal Rauchen oder Autofahren unser größtes Problem.

Was wurde eigentlich aus dem guten alten Waldsterben? Stirbt er noch, der deutsche Wald oder ist er bereits tot und keiner hat’s gemerkt?

Originally posted 2016-04-14 16:01:29.