In wenigen Tagen werde ich 31 Jahre alt. Da bot es sich an, eine Kolumne darüber zu schreiben, wie sich das Leben zwischen 20 und 30 verändert. Zunächst sollte es ein lustig flapsiger Vergleich zwischen Wodka-O aus Plastikflaschen und Cremant, Glitzer-Make-up und Anti-Age-Gesichtspflege, polyamurösen Affärchen und monogamen Nestbau werden. Aber damit wäre nichts gesagt, was nicht schon die eine oder andere witzige Redakteurin in brillanter Weise festgestellt und ausformuliert hätte.

Deprimierend aber wahr, alles, was mir zu dem Thema einfiel, könnte genauso gut aus einem Marteria Song stammen.

Mit der frustrierenden Einsicht, nicht eben mal so locker und flockig eine lustige Kolumne übers das Leben als 30-Jährige aus dem Ärmel schütteln zu können, blieb mir wenig anderes übrig, als in den Spiegel zu schauen und zu versuchen mir ehrlich zu beantworten, was sich für mich persönlich seit meinem 20. Geburtstag verändert hatte.

Die Wahl meines Studienfachs verschlug mich zu Beginn meiner 20er nach Berlin. Das Leben war neu. Es war aufregend, es war intensiv. Wir waren jung, schön und cool. Welches Klischee auch über das ungezwungene Studentenleben in Berlin kursiert, früher oder später habe ich es bedient. Die Welt stand mir und meinen Freundinnen offen, nein, in unseren Vorstellungen lag sie uns zu Füßen und hatte nur auf uns gewartet. Ein riesiges Buffet an Gelegenheiten, Möglichkeiten und Lebensentwürfen. Und genau da fingen die Probleme an.

Versteht mich nicht falsch. Meine 20er Jahre waren großartig, berauschend, magisch. Aber gleichzeitig unerbittlich grausam und schrecklich schmerzhaft. Trotzdem würde ich sie nicht eintauschen wollen. Welchen Lebensweg wir also einschlagen würden, war ab jetzt, wo wir endlich volljährig und frei waren, allein unsere freie Entscheidung. Du musst nur wissen, was Du willst.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Wenn der Wille zwar vorhanden aber orientierungsloser als ein Touri am Alex ist, ist es womöglich aber gar nicht so einfach seinen Weg zu finden. Und abgesehen davon wollte ich natürlich ALLES. Damals, mit 20 wollte ich vor allem eins: Spaß haben. Mich auf keinen Fall langweilen. Feiern, ohne Ende Drogen nehmen, betrunken in den Tag hinein leben. Kontakte knüpfen, meine mir bevorstehende Karriere vorbereiten, Wege zum Erfolg ebnen. Dünn, schön und verführerisch sein. Alles ficken, was mir gefällt, die große Liebe finden, Karriere machen und wenn es der Traumjob hergibt vielleicht eine harmonische kleine Familie gründen. Ich wollte alles in Bestform.

Mein Studium würde ich mit Bestnoten abschließen, vielleicht nach New York gehen und dann mit 30 die Früchte meiner 20er Jahre in Form einer erfolgreichen Karriere ernten. Bis dahin hätte ich schon herausgefunden, wie das Leben läuft. Es würde auf jeden Fall rosig werden, ich hatte die besten Voraussetzungen. In meiner Vorstellung war meine überaus sinnvolle Existenz umhüllt von einer Aura aus Erfolg, Attraktivität und Lebenslust. Alles was mich jetzt noch behinderte, meine Unsicherheiten, meine Essstörung, meinen Selbsthass würde ich mit dem großartigen Leben, dass unaufhaltsam auf mich zukommen zu schien, schnell überwinden und für immer hinter mir lassen.

Somit ging es Anfang meiner 20er also vor allem um eins: um mich.

Viele Erfahrungen waren neu, und somit intensiv und wichtig. Neue Freunde, der Verlust von Freunden, die erste WG, die Trennung von meiner Jugendliebe, der Beginn meines Studiums und die ersten richtigen Jobs.

Raus aus den gewohnten Strukturen meiner Jugendzeit konnte ich plötzlich nicht nur alles allein entscheiden, ich MUSSTE es, ob ich wollte oder nicht. Wie nervtötend und furchterregend das sein kann, wird jeder von uns auf seine Art selbst durchlebt haben. Denn sich „selbst finden“, und darum geht es im Heranwachsen der 20er Jahre ja irgendwie, erzeugte bei mir nicht nur Schmetterlinge im Bauch, mir wurde auch speiübel davon.

Tun zu können was man will, heißt auch dafür die Verantwortung zu übernehmen und mit den Konsequenzen zu leben. Über den beschissenen Kalenderspruch kann man jetzt lachen, wahr bleibt er trotzdem. Und wenn man, so wie ich, plötzlich realisiert, dass jede Entscheidung die man trifft, einen selbst und den eigenen Weg prägen kann, ohne wissen zu können, ob es die „Richtige“ ist, wird die wilde, rohe und ungestüme Freiheit der 20er Jahre auf einmal so bedrückend, wie sie vorher verlockend war.

Langsam dämmerte es mir zusätzlich, dass die Welt natürlich nicht auf mich gewartet hatte, um mir einen roten Teppich auszurollen. Die Welt hat einen Fick auf mich gegeben, genauso wie vermutlich auch auf die meisten von Euch.

Und ich glaube, das ist es, was besonders hart war, für mich, als Kind der Generation Einhorn.

Wir sind aufgewachsen, umgeben von der wahnwitzigen Vorstellung, wir könnten alle etwas ganz Besonderes werden. Die Welt wird auf uns schauen und uns für das was wir tun als wertvoll erachten. Ob geniale Physikerin, berühmte Schauspielerin oder erfolgreiche Unternehmensberaterin. Du kannst alles sein, was du willst. Es ist egal, was in deiner Vergangenheit passiert ist und woher Du kommst. Deine Zukunft liegt in Deinen Händen. Nur, dass man oft gar nicht weiß was man sein möchte, nicht wird, was man will, oder es ganz anders wird, als man es sich vorgestellt hat, das sagt man einem vorher leider viel zu selten. Und dass das wiederum aber gar nicht so schlimm ist, traurigerweise nie. Zumindest mir nicht.

An meinem 30. Geburtstag wachte ich morgens nicht in meinem Appartement in Brooklyn auf.

Ich war auch von einer Karriere in meinem Traumberuf meilenweit entfernt. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht mal mehr, was mein Traumberuf überhaupt war. Ich wollte so viel vom Leben, aber die meisten der eingeschlagenen Pfade verliefen sich oder erschienen aussichtslos. Klar, ich war gesünder geworden, nachdem ich mehrere Monate in einer Klinik verbrachte und Jahre der Therapie hinter mir hatte. Ich hatte 2 Studienabschlüsse, coole Jobs gemacht, gute Freundinnen, eine glückliche Beziehung, etc. Aber der Punkt, an dem sich all meine investierte Energie in wegweisende Entscheidungen magisch bezahlt gemacht hatte und ich mich zurücklehnen konnte, um einen wohlverdienten Schluck Wein aus den Früchten meiner Arbeit zu genießen, kam nie so wirklich. Ich war 30 und es fühlte sich an, als hätte ich in den letzten zehn Jahren nichts getan, was mich meiner Vorstellung von einem glücklichen, erfolgreichen Leben näher gebracht hätte. Ich hatte gelebt. Das war’s. Ich wollte es geschafft haben und war stattdessen einfach „nur“ erwachsen geworden.

Nun war ich also 30 und desillusioniert. Und das war auch gut so.

Zu Beginn meines Studiums las ich einen Text des Philosophen und Schriftstellers David Foster Wallace. Damals hatte ich den Text zwar verstanden, aber keine Ahnung, was er eigentlich sagen wollte. Zehn Jahre später erst begreife ich seine an Collegeabsolventen gerichtete Rede bei einer Zeugnisverleihung. Denn beim Heranwachsen, beim „sich finden“ und herausfinden was das Leben sinnvoll und somit glücklich macht dreht sich alles um „die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben. Sie dreht sich um den wahren Wert wahrer Bildung, die nichts mit Noten oder Abschlüssen, dafür aber alles mit schlichter Offenheit zu tun hat […].”

David Foster Wallace appelliert an die Studenten, statt unerreichbarer Ideale das Leben an sich, in all seiner Alltäglichkeit mit offenem Geist wahrzunehmen. Nach dem exzessiven Auskosten der Möglichkeit eigene Entscheidungen zu treffen, kommt nämlich das, worüber man in Ansprachen bei Zeugnisverleihungen sonst nie spricht – das ein Großteil des Erwachsenendaseins leider kein Leben als Einhorn ist. Es besteht eben nicht ausschließlich aus den großen Momenten, Begegnungen und Entscheidungen, aus denen sich wie von Zauberhand eine schillernde Zukunft entfaltet. Stattdessen wird aus der Freiheit zur Entscheidung immer öfter eine Pflicht, das aufregende Leben weicht jeder Menge fadem Alltag, dessen Löwenanteil aus Routine, Eintönigkeit und Frustration besteht. Natürlich machte das Leben noch mit 30 Spaß, aber die Quelle, aus der ich meinen Lebensantrieb bezog musste sich mit den Jahren zwangsläufig ändern. Meiner Jagd nach einer glorreich glitzernden Vorstellung dessen, wie mein Leben auszusehen hatte, ist heute einer gewissen Gelassenheit gegenüber dem was kommt gewichen. Denn seine verklärten Erwartungen an das „wahre Leben“ zu verlieren, heißt nicht zwangsläufig hoffnungslos und deprimiert zu resignieren. Es kann auch eine Erleichterung sein, den Druck abzulegen etwas Großes leisten zu müssen und Anforderungen, selbst wenn es die eigenen sind, gerecht zu werden. Es bietet Raum für Gestaltung, um in der Routine dessen, was einfach überwiegend beschissener Alltag ist, zufrieden zu werden. Mein Leben ist heute weniger ekstatisch, weniger dramatisch, weniger neu. Dafür aber auch gelassener, angstfreier und gesünder. Letztendlich vielleicht sogar zufriedener als mit 20.

Nach all den pathetischen Worte esse ich nun aber meinen Quinoa, trinke ein Glas Riesling auf mich, und gehe früh schlafen. Ich muss morgen früh arbeiten.

 

Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2016-06-03 18:21:18.