Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Und vielseitig. Und perfekt. Halt alles, was man in Bewerbungsgesprächen so droppen kann. Dazu schreibt heute Kolumnistin Gherkin in ihrer Bewerbungsmaßnahme – Teil 1. 

Sehr geehrte/r potentielle/r Arbeitgeber/in,

hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen ausgeschriebene Stelle als Assistant Junior Kartoffel.

Nach eingehender Recherche bezüglich Ihrer Firma und den Anforderungen des Jobprofils halte ich mich für eine mittelmäßige Wahl für die Stelle. Ehrlich gesagt hätte ich selbst nicht gedacht, Ihr Unternehmen einmal als künftigen Arbeitsort in Erwägung zu ziehen. Aber hey, ich bin flexibel und von irgendwas muss man ja seine Miete zahlen.

Die von Ihnen geforderten zwei überdurchschnittlich guten und herausragenden Hochschulabschlüsse habe ich in einem geisteswissenschaftlichen Fach erworben. Ich weiß, da rollt der Rubel nicht. Schon mal nicht so gut.

Lieber einen Master of Business als einen Sklaven der Künste

Aber keine Sorge, wie Sie meinem tabellarischem Lebenslauf entnehmen können, kann ich wenigstens die 5 Jahre Berufserfahrung in mehreren renommierten Unternehmen vorweisen. Was für eine Assistenz-Stelle mit dem Gehalt eines Berufseinsteigers selbstverständlich vollkommen angemessen ist. Allerdings stimmt das mit der Berufserfahrung auch nur zu 55%. Ich habe nämlich nur halb gearbeitet, die andere Hälfte habe ich ja studiert. Und am Ende hatte ich eine 110% Stelle. Zählt das trotzdem?

Auch die fünf Fremdsprachen, die im Anforderungsprofil enthalten sind, spreche ich leider nicht. Da es mir verwehrt blieb, Sprachen wortwörtlich im Schlaf zu erlernen, kann ich nur mit zwei dienen, davon eine nicht mal verhandlungssicher in Wort und Schrift. Ich schäme mich selbst ein wenig dafür. Immerhin kann ich einen mehrmonatigen Auslandaufenthalt nachweisen.

Grade noch mal die Kurve gekriegt.

Es versteht sich von selbst, dass ich selbstständig, zuverlässig und belastbar bin – wenn Sie damit meinen, dass ich keine Einarbeitung erwarte, im letzten Jahr keinen einzigen Tag krank war und ohne zu mucken jede Woche unbezahlte Überstunden mache. Ich meine, wer ist das nicht gerne?

Es würde mich freuen, Ihnen bei einem persönlichen Vorstellungsgespräch ihre Fragen zu beantworten. Ob ich beispielsweise privat gebunden bin, aus welchen Gründen vorangegangene Arbeitsverhältnisse beendet wurden – aber allem voran, ob ich plane in absehbarer Zeit schwanger zu werden. Immerhin bin ich einem marktwirtschaftlich betrachtet risikoreichen Alter.

Sollten Sie mich für eine Einladung in Erwägung ziehen, verspreche ich Ihnen, mir noch einen Blazer zu kaufen. Seriös, aber irgendwie auch kreativ. Immerhin handelt es sich bei Ihnen um ein junges, innovatives Unternehmen mit viel Gestaltungsfreiraum und flachen Hierarchien.

Der edle Zwirn wird gleichzeitig nahezu alle meine Tätowierungen verdecken.

Zwei Fliegen mit einem Blazer.

Ich freue mich auf eine Rückmeldung.

Mit herzlichen Grüßen,

Gherkin


Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2016-09-01 20:03:20.