Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem eher unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Stefan über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Seit einiger Zeit stelle ich mir die Frage, was einen Spießer ausmacht. Der Grund dafür ist egoistischer Natur: bin ich unabsichtlich zum Spießertum konvertiert, nur weil mich Kleinigkeiten manchmal enorm aufregen?

Bin ich ein Spießer?

Die Definition eines Spießers/einer Spießerin ist schwer fassbar, die abwertende Betitelung geht jedoch relativ schnell und schmerzlos von den Lippen: „Du Spießer!“
Gemeinhin assoziiert man mit einer spießigen Person Engstirnigkeit und eine Angepasstheit an gesellschaftliche Normen — Langweiligkeit und Ordnungsliebe eben. Doch wo ist die Grenze zwischen besagtem Spießertum und einer gewissen laissez-faire-Einstellung zu ziehen? Bin ich ein Spießer, nur weil ich mich ab und an über andere Leute und deren Verhalten beschwere?

Ausloten der Toleranzgrenze

Tatsache ist – und das gebe ich ganz offen zu – dass mich Kleinigkeiten schon arg stören können. Sei es nun, weil die Mitbewohnerin wieder einmal vergaß, die Geschirrspülmaschine auszuräumen oder der dämliche Nachbar um 1 Uhr in der Woche seinen noch dämlicheren Atzen-Techno in Großraumdisko-Lautstärke hören muss.
In diesen Fällen habe ich mit meinem inneren Schweinehund zu kämpfen: Sagste etwas oder nimmst du die Situation schweigend hin? Da bei mir eine gewisse Toleranzgrenze gegeben ist, lasse ich die Geschehnisse anfangs oft auf sich beruhen. Getreu dem Motto: Einmal ist keinmal. Das hat nichts mit Konfliktscheue zu tun, wie durchaus vermutet werden kann. Es ist vielmehr ein Ausweiten der eigenen Toleranz. Dies geht oft mit schlaflosen Nächten aufgrund von Selbstreflektion einher: „Sei nicht kleinkariert. Auch du wirst früher oder später mal an diesen Punkt kommen, an dem Milde und damit Toleranz von Nöten sind.“

Schluss mit lustig

Ein völlig anderes Bild zeigt sich jedoch, falls angesprochene Probleme zum Dauergast in meinem Leben werden: Die Spülmaschine ist zum wiederholten Male nicht ausgeräumt und die Musik dröhnt in der zweiten, dritten oder sogar vierten Nacht in Folge über den Hausflur. Wie das Wort Toleranzgrenze vermuten lässt, ist diese ab einem gewissen Zeitpunkt überschritten. Soll heißen: In meinem Falle genau jetzt. Dinge summieren sich und irgendwann ist eben Schluss mit lustig. An diesem Punkt erfolgt ein Umdenken bei mir.

Bin ich ein Spießer?
Woher soll die Mitbewohnerin oder der blöde Nachbar auch wissen, dass sie/er etwas falsch macht? Sicher, man auf kann ein gewisses Maß an Sensibilität und Rücksichtnahme hoffen.  Die Vergangenheit und damit das Leben bisher zeigte jedoch, dass es damit nicht weit her ist. Also wähle ich den direkten Weg, die Flucht nach vorn und spreche die Dinge an, die mich so stören. Dabei schwingt während des Gesprächs jedoch stets eine Verharmlosung mit. „Ist doch nicht schlimm. Kann doch mal passieren, das Ausräumen zu vergessen.“ Der Grund dafür ist – auch dies fand ich nachts, in schlafloser Selbstreflektion heraus – ich möchte auf meine Mitmenschen keineswegs kleinkariert wirken.
Ich denke mir, es gibt so viel wichtigere Dinge im Leben, über die man sich aufregen sollte und die leider schweigend hingenommen werden. Da ist eine nichtausgeräumte Spülmaschine eine Banalität.
Völlig gegensätzlich hingegen stellt sich die Gemengelage des Nachbarn dar: Mein Schlaf ist mir heilig und da schrecke ich vor Sturmklingeln in Schlafklamotten nicht zurück. Hinzu kommt eine Unfreundlichkeit und gewisse Dreistigkeit des Gegenüberwohners, die meine Toleranzgrenze ohnehin sehr sinken lässt. Wie es in den Wald schallt, so schallt es heraus — du Vollpfosten!

Ist es spießig, nicht spießig wirken zu wollen?

Dennoch komme ich nicht umhin, dass mich im Nachhinein fragende Gedanken quälen  – Gedanken der Spießigkeit.
War es richtig, das Problem, das mich so auf die Palme brachte, anzusprechen? Bist du nun etwa zu dem spießigen Mitbewohner und Nachbarn geworden, über den du aus Erzählungen deiner Freunde selbst abfällig mit dem Kopf schüttelst? Ich sage nein. Ich bin keineswegs spießig oder gar kleinkariert, nur weil mich diese Dinge stören. (Anm. d. Verf.: Findet Mutti übrigens auch).
Es ist wie so oft im Leben vielmehr eine Interpretationssache. In diesem Fall ist es ein Auflehnen gegen die aktuelle Situation — Spießigkeit zur Erhaltung einer guten Lebensqualität, wenn man so will. Egal, was ihr davon haltet. Ich finde, ich bin noch Lichtjahre davon entfernt, ein wirklich spießiger Spießer zu sein.

Bin ich ein Spießer?

Die schöne und überaus passende Illustration des Titelbildes stammt aus den kreativen Händen von Lana Petersen.

Originally posted 2016-03-17 11:12:52.