Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Direkt gesagt meinte er: Die Meinungen der Menschen sind wie A…löcher, jeder hat eins und es kommt nicht nur Gutes raus. Besonders im Dschungel des Internets werden Sympathie und Zustimmung leichtfertig durch gleiche (und verquere) Standpunkte definiert — ein Blick über den Tellerrand fehlt zumeist. An dieser Stelle möchten wir eingreifen und einen erweiterten Blickwinkel in Form einer zyklisch erscheinenden Kolumne bieten.

Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Im Tal der Ahnungslosen bin ich mit meinem Halbwissen König.

SLEAZE ihm seine Kolumne: Die gefühlte Wahrheit und Hildegard Knef

Es wird zu viel „rumgemeint“ und zu wenig gewusst. Das war schon immer so und daran wird sich auch nie mehr etwas ändern. Aber damals gab es noch kein Internet und wenn einer auf dem Marktplatz stand und anfing Reden zu schwingen, blieben die Leute kurz stehen, um mal zu hören, was der so zu erzählen hat. Wenn sie dann genug hatten, gingen sie weiter, weil zuhause das Mittagessen wartete, das ihnen – zu Recht – wichtiger erschien.
In der vollen Bahn aufzustehen und zu sagen: „Die Echsenmenschen regieren unser Land, Chemtrails vergiften unsere Kinder, das Abendland ist dem Untergang geweiht und hier ist ein Foto meines Mittagessens. Seht es euch an. Ich fühl‘ mich so blessed.“, bedarf der Überwindung einer gewissen Hemmschwelle.
In den sozialen Netzwerken läuft das etwas anders. Verstärkt durch nahezu unbegrenzten Zugriff und die Mobilität des Netzes.

Man kann auf der Toilette sitzen und simultan über zwei unabhängige Kanäle Scheiße absondern. Allerdings wird nur bei einem der Kanäle hinterher gefiltert.

Wenn der moderne Mensch seine Gedanken im großen Stil ungefiltert durch den Äther jagt, bekommt man schnell den Eindruck, die Welt sähe deutlich anders aus, als sie es tut. Befördert durch die eigene „filter bubble“ hält man Dinge für Tatsachen, die sich dann tatsächlich ganz anders verhalten.

Dass IMMER nur kriminelle Männer mit Smartphones die Flucht ergreifen, ist nicht viel anders, als der Pickel, der wirklich nur sprießt, weil man morgen ein Date hat, oder noch schlimmer, ins Fernsehen muss. Dass immer, wirklich IMMER die scheiß S-Bahn zu spät kommt, obwohl man seit fast einer vollen Woche am Stück pünktlich zur Arbeit gefahren ist.

Das sind  oftmals nur kleine Übertreibungen, denen man sich dann auch eigentlich bewusst ist. Doch das Gehirn kann noch mehr.

Die Knöpfe der Fernbedienung fester zu drücken, hat nachweislich keinerlei Effekt auf die Signalstärke. Trotzdem presst die ganze Fernsehnation (der Autor eingeschlossen) wie blöd auf den Gummiknöpfen herum, wenn sich die Lebenszeit der Batterien dem Ende neigt.
Einfach weil man den Eindruck hat, es würde irgendwie helfen. Die meisten machen das auch dann noch, wenn sie bereits lange Zeit über die belegte Unsinnigkeit der Aktion informiert sind.

Und dann war da noch das Baader-Meinhof-Phänomen

Wenn ein Erstkontakt zu irgendeinem Thema entsteht und in der Zeit darauf ganz oft über genau diese neugewonnene Information stolpert, sitzt unser Denkorgan einem weit verbreiteten Irrtum auf, wenn es annimmt, es gehe dabei nicht mit rechten Dingen zu. Weder pfuscht das Schicksal da herum, noch sind das reine Zufälle. Schuld daran ist eine kognitive Verzerrung namens Baader-Meinhof-Phänomen.

Nehmen wir als veranschaulichendes Beispiel einfach mal an, ein junger Mann namens Olaf wäre seit langem mal wieder zu Besuch bei seiner Oma.
„Du Ömchen,“ sagt er dann in heimeligem Ton, wie er da am Küchentisch sitzt, mit seinem koffeinfreien Anrühr-Kaffee, hin und wieder den Streuselkuchen reintunkt und es sich ein bisschen so anfühlt, wie damals immer am Sonntag. Als die Oma noch regelmäßig besucht wurde.

Er nennt sie Ömchen, was drollig und nicht veboten, allerdings ein selten dämlicher Kosename für seine Großmutter ist, die als Frau nicht nur den Widrigkeiten des Krieges, sondern auch mittelständischen Männern in den Jahren danach getrotzt hat, als Sexismus noch als kultiviert galt.

„Du Ömchen, was läuft denn hier für Musik bei dir?“, wird gefragt. Weil man solche Klänge aus dem alten CD-Spieler gar nicht kennt. Da dröhnt, rumst und poltert sonst immer nur die Blasmusik irgendeiner Lederhosentruppe.
„Das ist die Hildegard Knef, mein Kind. Das war noch eine Diva, das Hildchen“, erklärt das Ömchen dann.
Während er noch die CD-Hülle inspiziert und dadurch erfährt, dass es sich um einen Mitschnitt ihres Konzertes in Hamburg 1986 handelt und überlegt, wie alt sie da in etwa gewesen sein muss, da stellt sie ihrem Publikum und ihm, der sich dank der Aufzeichnung nun hier in Omas Küche ebenfalls zu den Zuhörern zählen darf, die Frage: „Kennen Sie das Wort Mevulve?“

Ich bin realistisch genug, die Antwort zu prognostizieren: „Natürlich nicht.“

Ein Gefühl von Zuhause

Hildegard Knef weiß auch, dass außer ihr das Wort „Mevulve“ wohl nur wenige Menschen kennen, weshalb sie es direkt im Anschluss gütigerweise erklärt: „Wenn einem so ganz weich wird, so um den Solarplexus herum, das ist ein sehr schönes Gefühl, ein Gefühl von Zuhause.“
Dieses Gefühl nennt man also Mevulve.

Irgendwann ist der Kaffee leer geschlüft und der Kuchen gegessen, weshalb sich der Protagonist unserer kleinen Geschichte auf den Weg macht. Wohin er geht, ist für das Beispiel nicht so wichtig. Irgendwohin wird er jedenfalls müssen und auf diesem Weg, gilt es, einen Flohmarkt zu durchqueren.

Wie er sich also seinen Weg durch die kleinen Gässchen zwischen Füßen und Beinen bahnt, muss er an einer Stelle ganz an den Rand ausweichen. Dabei stößt er noch an einem Tisch voller Bücherkisten an, was ein Buch zu Boden fallen lässt. Beim Aufheben stellt er fest, dass es sich um ein Werk seines Lieblingsautors handelt. Er blättert ein wenig ziellos darin herum, wie man das immer tut, wenn man ein Buch in der Hand hält und sich zu einer Reaktion genötigt fühlt. Auf einer der Seiten springt ihm plötzlich das Wort „Mevulve“ förmlich ins Gesicht. Es war das erste Wort, dass ihm nach kürzestem Blickkontakt mit dem bedruckten Papier ins Auge fiel.
Zu noch größerem Erstaunen und ein wenig Entsetzen trägt bei, dass er das Buch bereits gelesen hat. Er ist sich ganz sicher, dass das Wort „Mevulve“ damals noch nicht drin stand. Bei solch exotischen Wörtern wird man doch stutzig, weil man sie nicht kennt. Man schlägt womöglich im Wörterbuch nach, was die Erinnerung daran nur bestärken würde.
Im Gefühlstaumel dieser Verkettung von ungewöhnlichen Zufällen kauft er enthusiastisch das Buch und denkt nicht nur den Rest des Sonntages, sondern auch noch Jahre danach hin und wieder an dieses wundersame Ereignis.

Keine Magie, sondern Baader-Meinhof!

Soll er machen, doch da war keine Magie im Spiel, das war das Baader-Meinhof-Phänomen in Aktion.
Wir nehmen ununterbrochen dermaßen viele Informationen auf, dass ein Großteil davon als unwichtig aussortiert werden muss. Da kommt vieles nie in unserem Bewusstsein an. Wenn die zuständigen Neuronen dann aber eine Information entdecken, die sie kennen, weil sie noch frisch und neu ist, wird sie direkt durchgeschickt. Und wir stehen verblüfft da.

Mit den wild frisierten Linksterroristen hat das Ganze übrigens wenig zu tun. Der Name führt darauf zurück, dass der Namensgeber des Phänomens nach Erstmaligem und dann in kurzen Zeitabständen immer wiederkehrendem Kontakt mit Baader und Meinhof beschloss, diese Sache brauche nun endlich einen Namen, wofür ihm die beiden wohl als geeignet schienen. Dieser Kontakt war wahrscheinlich lediglich sekundärer Natur. In Form von Bildern oder den Namen, die er irgendwo hörte oder zu Gesicht bekam. Der „Entdecker“ selbst pflegte keinen persönlichen Umgang mit den Terroristen, deren historisches Fortbestehen er mit dieser Namensgebung, aber auch fernab der politischen Sphäre sicherte.
In der Pschylogenszene sagt man vielleicht daher auch frequency illusion dazu.

Dieses Phänomen ist natürlich nicht allein und auch nicht wirklich maßgeblich verantwortlich für die Lautstärke und den schrillen Ton, den Debatten mittlerweile annehmen, wenn es um aktuelle politische Belange geht. Aber es ist ein Beispiel für gefühlte Wahrheiten, denen wir oft allzu schnell Glauben schenken.
Das menschliche Gehirn hat nämlich ein ganzes Aresenal an solch kognitiven Voreingenommenheiten zu bieten.

Wenn jemand über das Baader-Meinhof-Phänomen schreibt und zum Ende kommen muss, weil der Platz irgendwann nicht mehr reicht und er vielleicht auch mal wieder etwas anderes tun möchte. Dann macht derjenige er das meistens, indem er seinen Lesern prophezeit, dass sie ganz sicher in naher Zukunft auf die ein oder andere Weise mit dem besagten Phänomen in Berührung kommen werden.
Ich behaupte das Gegenteil und sage mit gefühlsmäßiger Sicherheit, dass das Wort „Mevulve“ heutzutage so selten in Gebrauch und Umlauf ist, dass niemand in naher Zukunft darüber stolpern wird.
Das fühlt sich wahr und richtig an.

Die Illustration des Titelbildes verdanken wir dem großartigen maleek.

Originally posted 2016-02-12 14:16:12.