Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir.

Eigentlich dachte ich immer, die Hippie-Bewegung sei mit dem Beginn der 80er in die Hall of Fame der Jugendbewegungen eingegangen. In letzter Zeit musste ich jedoch vermehrt feststellen, dass gewisse Subkulturen, ähnlich der Grufties, nicht zum Aussterben gemacht sind.

Hartnäckig halten sich Menschen, die sich selbst als Hippies bezeichnen, die für den Weltfrieden und gegen Gewalt sind. Pazifismus ist ja eigentlich erstmal etwas Feines. Nächstenliebe und Toleranz auch. Aber nach diversen Gesprächen beschleicht mich das ungute Gefühl, wer sich heute noch Hippie auf die Flagge schreibt, der hat in vielen Fällen eigentlich ein ganz anderes Probleme als den Weltfrieden oder die bedingungslose Akzeptanz gegenüber anderen Lebensentwürfen.

Was soll das überhaupt sein, ein Hippie im Jahre 2016?

Oder welche Werte einer Gegenkultur bleiben eigentlich übrig, wenn man sie ein paar Jahrzehnte durch den neoliberalen Fleischwolf aus MTV, Bravo, H&M und Zalando dreht?

“Verrückte” Fusion-Outfits, Ayahuasca-Trips in Berlin Zehlendorf und Zucchini-Buchecker-Muffins, natürlich in Rohkostqualität?

Dann aber bitte auch gleich einen handgedrehten Strick aus selbst angebautem Hanf dazu.

Wann ist das Anzünden von Migräne auslösenden Räucherstäbchen zu einem revolutionären, umstürzlerischen Akt erhoben worden? Und inwiefern ist dein mit Glitter auf die Backe geschmiertes Peace-Zeichen ein Akt der Gegenkultur, während du umgeben von deinesgleichen mit Telleraugen über das Goa-Festival stolperst und dich gleich zum pissen an den nächsten Baum hockst. Wie schon 700 andere heute vor dir. Dein Freund, der Baum, ist danach tot.

Die Überidentifizierung mit einer Subkultur finde ich so schon peinlich genug.

Sich in einer Welt voller Labels, Marken und Schubladen seiner Existenz durch eine vorgegebene Schablone Sinn und Identität zu verleihen, ist meiner Meinung nach entweder ein Ausdruck von Faulheit oder Feigheit. Im Falle moderner Hippies gilt meiner Erfahrung nach vor allem Zweiteres. Ersteres gibts wahlweise gratis dazu.

Unter dem Deckmantel von Love, Peace and Harmony kann man sich ungehemmt und ohne Scham bequem im Schatten seiner  persönlichen Konfliktscheuheit und Gleichgültigkeit in seinen Alpaca Poncho aus Peru mummeln und beim Duft indischer Räucherstäbchen von einer Welt in Frieden träumen.

Ist nämlich ziemlich doof, wenn man Toleranz und Akzeptanz damit verwechselt, alles und jeden verstehen und tolerieren zu wollen, nur um selbst ja keine eigene Meinung vertreten zu müssen.

Zumindest keine, die einen ernsthaften politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt vertreten würde. Was von Jugendlichen der 60er Jahre unter Gefahr von Leib und Leben eingefordert und gelebt wurde, war im Kontext der konservativen und restriktiven Strukturen gesellschaftspolitisches Dynamit. Und heute?

Man erzählt mir, ich müsse mein Gegenüber akzeptieren, offen und tolerant sein. Alle Lebewesen sind gleich und alle haben Liebe und Verständnis verdient.

Auch für den Nachbarn mit den nächtlichen cholerischen Schrei-Anfällen, schließlich sei ja letzte Wocher erst sein Auto kaputt gegangen. Ich könne auch nicht einfach jemanden verurteilen, der sich in seiner Jugend eine 14 und eine 88 auf den Kopf hat tätowieren lassen, und heutzutage eben gerne Glatze trägt, weil es seinem Gesicht schmeichelt. Oder die Bekannte dafür verurteilen, dass sie ihr Kind regelmäßig ohrfeigt, immerhin hat sie das selbst ja nicht anders gelernt.

Als Ausgleich für diese lokale 3-Affen-Taktik wäscht man sich das Gewissen mit guten Taten rein, spread love und so.

Vor drei Wochen wurde der eigene Kleiderschrank von ausgeleiertem Mist befreit und höchstpersönlich (Social-Media-wirksam minutiös mit Selfies dokumentiert) in die nächstgelegene Flüchtlingsunterkunft gebracht – um dann mit den Kollegen darüber zu philosophieren, dass Deutschland ja auch nicht unbegrenzt Leute aufnehmen könne (man würde ja gerne, WIRKLICH) und wie problematisch der konservative Islam sei (die promovierten Islamwissenschaftler haben gesprochen. Nicht.).

Das Mantra, dass alle Menschen gleichwertig sind und jede Andersartigkeit akzeptiert, ja gefeiert, werden muss, gilt eben nur, solange genug Platz auf dem regionalen Wochenmarkt ist, die getönten Gläser der Nickelbrille alles Schlechte im näheren Umfeld ausblenden, und die Andersartigkeit der Anderen die eigene Komfortzone nicht tangiert.

Und falls doch, dann macht man einfach eine rituelle Reinigung durch das Anzünden irgendwelcher Küchenkräuter. Ist ja auch viel bequemer, als sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, die eventuell so ganz anders als man selbst sind.

Wer mit einem solchen Begriff von Toleranz durch die Welt läuft, der sieht auch die ignorante Aneignung fremder Kultur als liebevolle Geste der Anerkennung, was eigentlich dreiste Cultural Appropriation oder blanker Exotismus ist. Denn darin ist der moderne Hippie groß. Hinduistische Bindhis im Gesicht, buddhistische Ganeshas als Wohnzimmerdeko, Dreads als modische Abkehr vom Mainstream und polynesische Tattoomotive als trendiger Körperschmuck. Wer sich gegen eine solche Vereinnahmung wehrt, der hat entweder nicht verstanden, wie nett es eigentlich gemeint war, oder macht sich künstlich zum Opfer. Kill all the White Men fällt mir dazu nur noch ein.

Ansonsten wettert und empört sich der moderne Hippie sowieso lieber über das, was nicht unmittelbar vor der Haustür stattfindet und ihn nur soweit betrifft, als das es als Aufhänger dient, zu zeigen, was für ein offenes und mitfühlendes Wesen man ist.

Bevorzugt digital und nicht persönlich, dass schützt vor einer direkten Konfrontation mit konträren Meinungen,  Ansichten oder der Bedrängnis, am Ende wirklich aktiv werden zu müssen. Um die paradoxe und sinnentleerte Existenz aufzuwerten, werden fanatisch pathetische Posts über Näherinnen aus Bangladesch zu gepostet, während man gerade bei einem Textilriesen 10 Schlüppies für 3 Euro bestellt hat. Retourmarke inklusive.

Eine besonders starke Meinung wird vor allem dort vertreten, wo es vollkommen hirnrissig wird.

Impfen ist böse, Krebs durch Handauflegen heilbar und der Mensch kann sich nur von Licht ernähren. Dass ich solchen Schwachmaten nur für 1 Tag  Typhus, Polio und Tuberkulose an den Hals wünsche, brauche ich wohl nicht mehr erwähnen. Kannst ja mal eine Mutter in Indonesien fragen, ob sie Lust hat ihr Kind impfen zu lassen, oder jemand mit Lungenkrebs Stufe 2 die Hand auf die Brust legen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass man sich in Namibia schon längst begeistert von Licht ernähren würde. Ich habe gehört, da ist es recht sonnig. Die Antwort auf diesen Einwand? Das sei eine Frage der mentalen Einstellung, die vor allem durch intensive Meditationen trainiert würde.  Fickt euch, echt jetzt.

Auch mit den Aluhut-Rittern geht man dank erschreckender Überschneidungen bezüglich unfassbar progressiver Weltansichten auf Kuschelkurs. Und da wird es dann richtig gruselig. Da paaren sich zwei Gesinnungen, deren Kern in der Angst vor einer Welt, die komplexer als das Schwarz und Weiß des westlich verramschten Ying&Yang Zeichens, liegt. Furcht vor einer Welt, die gar nicht mal so gut und friedlich ist, wie uns das unser europäisch-westliches  Disney World vorgaukeln möchte. Aber statt die Augen aufzumachen und einzusehen, dass man mit einem Peace-Zeichen und Verständnis für Arschlöcher die Welt auch nicht rettet, kauft man sich am Merchandise-Stand lieber eine rosarote Nickelbrille und liebäugelt mit dem verbalen Müll verkappter Nazis, die an die Deutschland GmbH und Aliens glauben.

Das hat dann auch nichts mehr von einem niedlichen Meditationskreis um das Lagerfeuer und dem peinlichen Fakt, dass es in Deutschland Menschen gibt, die ernsthaft die Friedenspfeife rauchen.

Das ist  kein Hippietum, sondern verkappte Meinungslosigkeit und eine Kultur des Ausweichens. In einer Zeit, in der wir es uns dem Frieden und der Nächstenliebe zuliebe nicht leisten können, alles zu verstehen und alles zu akzeptieren.

Ich verstehe und akzeptiere euch nicht, das ist doch schon mal ein guter Anfang, oder?

Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Merken

Originally posted 2016-11-03 17:51:42.