Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. 

An dieser Stelle und heute kolumniert mal wieder die wunderbare Gherkin für euch. Sie philosophiert heute über Partys, Bitches und Midlife-Crisis. Und stellt fest:

Es fällt mir schwer das zuzugeben, aber ich gehöre zur Jugend von gestern.

Die Midlife-Crisis ist eine Phase zwischen 40 und 50, bei der sich die Betroffenen häufig zurück nach ihrer vergangenen Jugend sehnen. Mit jugendtypischem Verhalten wird meist versucht, die Erkenntnis zu kompensieren, dass ihnen nicht mehr alle Lebensmöglichkeiten offen stehen.

Für mich waren das immer ältere Männer mit Glatze, zu weit geöffnetem Hemd, im roten Ferrari. Oder ältere Frauen in bikiniähnlichen Sportoutfits, deren Solarium- und Blondiermittelkonsum schon in den 90ern als ‚bedenklich‘ eingestuft wurde.

Wenn ich mir heute meine Altersgenossen und mich ansehe, werde ich das Gefühl nicht los, unsere Midlife-Crisis beginnt bereits mit Mitte Zwanzig und schon bevor wir überhaupt angefangen haben, richtig erwachsen zu sein. Wir tanzen bis zur Erschöpfung auf einem Drahtseil, das zwischen dem Wunsch nach unbeschwertem jungen Leben und dem sehr erwachsenen und spießigen Traum, es geschafft zu haben, hin und her schwankt. Tagsüber Karriere in der Agentur, nachts dreieinhalb Stunden im K-Hole.

Und während wir versuchen, nicht abzustürzen, reden wir uns ein, ganz ganz kurz davor zu sein, endlich erwachsen zu werden. Aber frühestens morgen. Heute sind wir noch jung.

Als die Midlife-Crisis meine Eltern einholte, waren sie Mitte 40.

Wobei ich das nicht als Krise bezeichnen würde.

Jahrzehntelang bestanden ihre Wochenenden aus Tierparks, Zelten, den Fußballspielen meines kleinen Bruders und dem wirklich großartigen Service, mich nachts betrunken auf irgendwelchen Partys einzusammeln. Damit war jetzt Schluss. Mein Vater kaufte sich ein Motorrad und meine Mutter nahm Gesangsunterricht. Gemeinsam kauften sie sich ein Wohnmobil, gingen selbst wieder mehr auf Partys und gründeten eine Band.

Mein Vater war früher schon Motorrad gefahren, auch meine Mutter hatte in ihrer Jugend schon Lieder geschrieben und gesungen. Nachdem sich das Kapitel „Kinder groß ziehen und ein Haus bauen“ dem Ende zuneigte, erinnerten sie sich an ihre früheren Leidenschaften und legten wieder los. Nicht, dass meine Eltern dank uns 20 Jahre keine Party, keinen Rausch und keine Freiheiten gehabt hätten. Aber die meiste Zeit waren sie eben Erwachsene mit einem erwachsenen Leben und ich glaube, sie waren nicht unglücklich darüber. Aber es war auch gut, dass es nun weiter ging.

Für viele von uns kommt heute nach dem Feiern nur noch die Seniorenwindel.

Es kommt mir vor, als würden wir versuchen die drohende Midlife-Crisis abzuwehren, indem wir uns weigern, unsere Jugend überhaupt loszulassen. Ist die magische Zeit Anfang zwanzig – wenn die letzte durchgetanzte Nacht womöglich die beste deines Lebens ist – vorbei, kommt die große Sinnkrise.

Mit zunehmenden Ermüdungserscheinungen laufen wir Gefahr, von jüngeren und heißeren Kids auf die hinteren Plätze der Insel der Jugend verwiesen zu werden. Denn die keuchen noch nicht vor lauter BaföG-Rückzahlungsforderungen, Kindern und Broterwerb. Und im Gegensatz zu mir könnte es wirklich die beste Nacht ihres Lebens werden. Denn wenn wir ehrlich sind, habe ich so viele „Beste Nächte“ in Sachen Feierei angesammelt, besser wird’s nicht mehr.

Aber statt diese Entwicklung als den Lauf des Lebens anzuerkennen, sich entspannt zurück zu lehnen und „Circle of Life“ aus dem König der Löwen Soundtrack zu trällern, mutieren wir zu Scars und krallen uns an unsere Jugendlichkeit, als ginge es um das nackte Überleben. Als kreisten die Geier über uns, sobald wir den Kontakt zur Undergroundszene verlieren, morgens um sieben Uhr den Club verlassen wollen, um uns ins Bett zu gehen oder uns eingestehen müssen, dass uns die Pillen in Kombination mit dem Keta doch nicht mehr so gut bekommen wie früher.

Im Gegensatz zu Scar aber, dem alten verbitterten Löwen, trachten wir nicht nach Simbas Leben.

Stattdessen wollen wir sein BFF sein, machen Selfies mit ihm, imitieren seine Posen, seine Klamotten, seinen Musikgeschmack. Und grölen dabei laut YOLO.

Wenn ich 40-jährige Männer sehe, die im 3-Tage-Turnus Oben-Ohne-Spiegelselfies machen, um ihre grauen Brusthaare zu präsentieren, ist das schon einen Lacher wert. Wenn diese dann mit Partyfotos ergänzt werden, auf denen Koks von den Titten eines Doppel-D-F-Sternchens gezogen wird, bekomme ich Lust auf einen Bausparvertrag, ein rückenstärkendes Kissen für den Bürostuhl und meine Steuererklärung. Gleiches gilt auch für Detox-Kuren zur Verjüngung der Vagina oder einem sissygleichen Sportpensum gepaart mit einem Anti-Ageing-Superfood-Smoothie, weil ein Leben ohne bauchfreie Tops und bewundernde Kommentare bei Instagram dem Gang zur Schlachtbank gleichzusetzen ist.

Wie Parasiten hängen wir uns an 20-Jährige, und hoffen, etwas von der sie umgebenden Aura der Unbeschwertheit färbt noch einmal auf uns ab.

Ich frage mich manchmal, ob sie über uns genauso lachen, wie ich oft über die alten Säcke gelacht habe. Ihr wisst schon, die, die am Tresen neben uns hingen und uns erzählen wollten, was für tolle Hechte sie sind, lebenserfahren, aber immer noch cool und hip. Wenn’s gut lief, sind wir nach ein bisschen Blabla auf der Toilette oder dem Hinterhof gelandet, haben was gezogen und rumgemacht. Die haben sich gefreut wie die kleinen Kinder, dass sie es noch drauf haben. Ich habe sie insgeheim ausgelacht und gleichzeitig dafür bemitleidet, dass sie mit Ende 30 wie die Getriebenen um sechs Uhr im Club abhängen müssen, um ihr Ego mit dem Fingern einer 20-Jährigen aufzupolieren.

Und dabei wehre ich mich entschieden gegen den Vorwurf, ich wüsste nicht mehr, was Spaß ist.

Ich habe meine große Freude an Party, Bitches, Kokain

Ich trage zwar selten bauchfrei, aber ich weiß, wie man feiert. Ich verabscheue Kneipenbesuche, bei denen man sich ganz gemäßigt zwei Bier reinzieht und am Ende noch ein Wasser trinkt, weil man morgen früh raus muss. Da bleibe ich lieber zuhause und schiebe mir Bundy-Style die Hand in die Jogginghose. Wenn es die Lebenssituation hergäbe, würde ich mich auch von nem 20-jährigen zwischen Pisslache und Glasscherben fingern lassen. Aber ich bin froh, dass das nicht mehr obligatorischer Teil meines Alltags ist.

Es kann auch schön sein, dort, wo man nicht jeden Vollsuff dokumentieren muss und auf jedem Partybild, das man postet, eine peinliche Handgeste macht, die an ein Gangzeichen erinnert. Schon gar nicht, wo man sich doch gerade erst einen neuen Nissan geleast hat und das erste Kind auf dem Weg ist. Es ist auch jedem sein gutes Recht, nach der Geburt dieses Kindes gut aussehen zu wollen, Sport zu machen und sich gesund zu ernähren. Aber niemand muss sich mit den gestählten Körpern von Jugendlichen messen und sich zwangsläufig verabscheuen, da diese nach Schulschluss um 13 Uhr genug Zeit haben, ihre sowieso noch sehr straffen Körper im Fitnessstudio bis zur Perversion zu optimieren.

Keiner sagt, werde erwachsen, kauf dir einen Polyesterpullunder und tritt dem örtlichen Taubenzuchtverein bei

Aber ein wenig mehr Lässigkeit bezüglich der Tatsache, dass das Leben eben mehr Phasen hat als die Zeit der jungen wilden Löwen, würde (zumindest mir) oft nicht schaden.

Es ist okay, nicht mehr  vier Mal die Woche auszugehen, auf Festivals lieber im Wohnmobil als im Zelt zu schlafen, und ja, es ist vollkommen akzeptabel, kein Snapchat zu haben. Falls doch und du hast Spaß dabei, bis du tot umfällst, auch cool. Aber wenn alle mal ganz ehrlich zu sich sind, diese Exemplare sind selten.

Und wenn wir so weitermachen, haben die Simbas von heute bald nichts mehr zum Abgrenzen. Und dann werden sie alle Sachbearbeiter beim Ordnungsamt, tragen Boatslipper und sammeln Zuckerlöffel.

Wollt ihr das wirklich?


Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2016-09-22 20:00:15.