Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Direkt gesagt meinte er: Die Meinungen der Menschen sind wie A…löcher, jeder hat eins und es kommt nicht nur Gutes raus. Besonders im Dschungel des Internets werden Sympathie und Zustimmung leichtfertig durch gleiche (und meist verquere) Standpunkte definiert — ein Blick über den Tellerrand fehlt zumeist. An dieser Stelle möchten wir eingreifen und einen erweiterten Blickwinkel in Form einer zyklisch erscheinenden Kolumne bieten.
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Stefan über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Die Preisverleihungen und Castingshows dieser Welt haben mit dem alltäglichen Leben überhaupt nichts gemein – denn es gibt immer einen Gewinner.

Das neue Jahr steckt noch in den Kinderschuhen und die Auszeichnungen, Ehrungen und Selbstbeweihräucherungen der Stars und derjenigen, die es noch werden wollen, laufen bereits auf Hochtouren: Dieser Tage findet in Berlin die 66. Berlinale statt und in gut zwei Wochen sind dann die Oscars dran. Das Hauptaugenmerk dieser Verleihungen liegt auf der Würdigung filmischer und schauspielerischer Leistungen. Das riesen Buhei rund um den roten Teppich gehört nun einmal dazu und wird von manchen mehr, von manchen weniger gerne mitgenommen.

Ein Draufblick

Nun kann der geneigte Leser den Eindruck gewinnen, dass ich eine grundsätzlich abneigende Haltung diesen Verleihungen gegenüber besitze .Dem ist jedoch keineswegs so. Mir wurde (leider) nie die Ehre zu teil, eine Preisverleihung in dieser Größenordnung als Gast zu erleben. Im Fernsehen gucke ich mir diese nicht an, so steht es mir folglich schlichtweg nicht zu, ein wertendes Urteil abzugeben. Was man jedoch ohne Besuch der Verleihungen besitzt, ist eine Art Draufblick. Man nimmt eine unbeteiligte Beobachterposition ein — ähnlich die einer alter Frau oder Mannes, die/der auf der Veranda eines Hauses sitzt, alle Vorbeigehenden bemerkt, mustert und sich ihren/seinen Teil denkt. Einfach, weil man es eben mitbekommt, auch ohne es zu wollen.
Behielte man im Kontext besagter Preisverleihungen diesen denkenden Teil nun nicht für sich und spräche ihn laut aus, so käme ans Tageslicht, dass es stets strahlende und glückliche Gewinner gibt.

Kein Applaus für Scheiße

Auch in Jahren, in denen es keinen herausragenden Film und keine_n Schauspieler_in gab, die/der den anderen um Meilen das Wasser abgrub (kann ja durchaus mal vorkommen), gibt es immer einen Gewinner. Sicher, die Beurteilung der Leistungen mag stets subjektiv und durch mehrere Faktoren (zum Beispiel Fachwissen) abhängig sein, doch kann ich mich des Gedankens nicht verwehren, dass manchmal reine Scheiße ausgezeichnet wird — eine Auszeichnung der Auszeichnung willen sozusagen. Dies hat mit dem alltäglichen Leben mal so gar nichts gemein.
Auf dieses eins zu eins umgemünzt, kann man bei einer theoretischen Fahrschulprüfung oder bei einem Bewerbungstest auch nicht sagen: „Ach, es gab so viele Teilnehmer und Einreichungen, wir wählen dann eben den Besten aus den Schlechten aus.“ Mist bleibt nun mal Mist. Insbesondere in Zeiten einer Leistungsgesellschaft (so sehr man diese auch bemängeln kann) ist dieses Vorgehen sehr realitätsfern.

Kolumne: Einer gewinnt immer

Eine Analogie der Ereignisse

Ganz besonders wird dieses Prinzip bei der Top Model Castingshow deutlich. Da kann es ja nun schon mal vorkommen, dass nur Fratzen (ich wählte diesen Ausdruck bewusst, um eine schonungslose Verdeutlichung herzustellen) dabei sind. In diesem Falle sollte doch keine der Damen als Siegerin hervorgehen. Es nützt niemandem, wenn eine junge Frau diese Show gewinnt und einen Monat später wieder in die Tiefen der Bedeutungslosigkeit eintaucht. So oberflächlich es nun mal erscheinen mag, aber das Konzept der Sendung ist Schönheit, die eine möglichst internationale Topmodel-Karriere ermöglichen soll. Reicht die bei keiner einzigen der Kandidatinnen aus, darf es keine Siegerin geben.
Die Verantwortlichen der Sendung könnten jedoch auch sagen: „Danke, dass ihr es probiert habt, dieses Jahr bekommt niemand von euch ein Foto. Wir starten nächstes Jahr (und alle 20 folgenden Jahre) einen neuen Versuch mit einer weiteren Staffel, aber bitte bewerbt euch nicht erneut.“ So muss es sein: Direkte Ansagen, nur die bringen einen weiter. Nicht:  „Ach, wir nehmen jetzt die Einäugige unter den Blinden, drücken ganz fest die knochigen Daumen und gucken, was draus wird.“

Kolumne: Einer gewinnt immer

Wo es Gewinner gibt, gibt es natürlich auch stets Verlierer. „Mal verliert man und mal gewinnen die Anderen“, sagte mal ein berühmter Fußballtrainer. Im Falle der Preisverleihungen und Castingshow gibt es jedoch immer einen Gewinner — im Leben aber nicht.

Originally posted 2016-02-18 17:00:50.