Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Dass Vegetarier nerven, wissen wir bereits. Was beim hier schreibenden Autor aber auch Anstoß erregt, ist das, was die Vegetarier anstelle von Fleisch so essen … da ist es manchmal nämlich ganz schnell vorbei mit der moralischen Überlegenheit.

SLEAZE ihm seine Kolumne: Fleischersatz ist mein Gemüse

Nicht nur die Plattentektonik bringt Menschen auseinander, sondern auch verschiedene Standpunkte und gewisse Streitthemen. Fleischersatzprodukte sind ein solches und sorgen in regelmäßigen Abständen zum Krieg am Grill und in WG-Küchen, wenn sich Anhänger und Verweigerer über Sinn und Unsinn der Wurstimitate austauschen.

Mir sind die meisten Argumente hinlänglich bekannt und ich möchte auch nicht zum erneuten Male die inflationär gestellt Frage aufwerfen: „Wenn ihr doch dem Fleisch abgeschworen habt, warum versucht ihr dann die Form und den Geschmack nachzubilden?

Die Antworten sind, wie gesagt, hinlänglich bekannt und jedem steht frei, zu essen was er oder sie möchte. Ein anderer darf sich schließlich auch ungestraft Igel aus Mett formen. Jetzt stehe ich allerdings ziemlich dämlich da, wenn ich sage, dass ich die Frage trotzdem stellen möchte. Aber sei’s drum, wir sind hier im Internet. Da ist die Toleranzgrenze für Dummheit noch etwas höher als in der echten Welt.
Jedenfalls weiß man, dass viele Vegetarier sich gegen Fleischkonsum entschieden haben, weil sie sich mehr an Haltungsbedingungen und Produktionsweisen stören, als am Geschmack. Neben der ethischen Bedenken gibt es auch gesundheitliche, die ebenso größtenteils mit der Herstellung zusammenhängen. Die Rede ist von Wachstumshormonen, Antibiotika, E.Coli-Bakterien und anderen unschönen Dingen im Fleisch.

Sind Tofuschnitzel die Lösung?

Der logische Schritt ist eine Abkehr vom Fleisch, hin zu Dingen, die eben kein Fleisch enthalten. Doch ich wage zu behaupten, dass die Sache so einfach nun auch wieder nicht sein kann.
Gut, wer es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, sich ein halbes Schwein einzuverleiben und dennoch nicht auf den Geschmack der Schwarte verzichten kann, bleibt immer mit einem Problem konfrontiert. Das Tier muss nämlich tot sein, um es zu essen … und wenn nicht, stirbt es beim Versuch.

Dann muss eben was her, das sich in Konsistenz und Geschmack nicht vom Original unterscheidet, aber mit reinem Gewissen verzehrt werden kann. Da sich dies immer mehr Menschen wünschten und die Lebensmittelindustrie das Verlangen nach Fleischersatzprodukten erkannt hat, gibt es mittlerweile ein reichhaltiges Angebot. Sogar im Discounter findet man fleischlose Wurst.

Doch hier fangen die Probleme wieder an. Andere zwar, aber gerettet ist die Welt dennoch nicht.

Durch die Ausbreitung dieses Ernährungsbewusstseins hat sich ein ganz neuer Markt eröffnet und alle wollen was vom fleischlosen Kuchen abhaben. So auch die klassischen Fleischhersteller, weshalb viele Wurstproduzenten seit einiger Zeit auch eine ganze Reihe an Fleischersatzprodukten im Sortiment haben. Macht ja nichts, doch muss uns klar sein, dass das Geld, welches für Fleischersatz ausgegeben wird, in die Kasse eines großen Schlachtereibetriebes fließt.
Da wird in keinem Geschäftsbuch unterschieden, ob jemand Wurst oder ihr Imitat gekauft hat.
Das lässt sich natürlich umgehen, indem man gezielt Firmen auswählt, die ausschließlich vegetarische und vegane Produkte anbieten.

Aber wartet, es kommt noch mehr.

Ein weiterer wichtiger Punkt bei der vegetarischen Ernährung ist der Gesundheitsaspekt. Nicht nur oben erwähnte „Zusatzstoffe“, sondern allein der Konsum großer Mengen Fleisch sind nicht unbedingt gesundheitsfördernd für den menschlichen Körper. Also wirklich einfach kein Fleisch mehr konsumieren und der Käse ist gegessen?

Naja, fast. Denn man darf nicht vergessen, dass es sich dabei letztendlich auch nur um Fertiggerichte handelt.
Immerhin haben wir es auch weiterhin mit der Lebensmittelindustrie zu tun, deren Maxime, den Profit zu steigern und alles so günstig wie möglich zu produzieren, beim Fleisch nicht aufhört, sondern ebenso alle Ersatzprodukte betrifft. Da wird geschmacksverstärkt, was das Zeug hält, Soja oder Weizeneiweß aus Übersee oder Asien importiert und wirklich fettfrei oder automatisch gesund ist das meiste leider auch nicht.

Letzter Punkt ist der Geschmack. Der ist zwar Geschmackssache, doch konnte der Gaumen des hier schreibenden Autors noch nicht sehr häufig vom Fleischimitat überzeugt werden. Völlig überwürzte Sojaschnitzel, komplett geschmackslose Tofuwürstchen und Saitangeschnetzeltes, das geschmacklich seiner Konsistenz – der von aufgeweichter Pappe – in nichts nachsteht, machen insgesamt keinen überzeugenden Eindruck.

Und wenn die Fleischersatzprodukte dann mal gut schmecken, dann oft nicht nach Fleisch. Das kann man den Herstellern als Fehlleistung auslegen, da sie versuchten einen besonders authentischen Fleischgeschmack zu erzielen, doch für mich ist das der richtige Weg. Statt ausschließlich das Fleisch nachzubasteln, könnte man sich an neuen Rezepturen versuchen, die eine echte Alternative darstellen.
Ihr habt Brötchen aus der Dose, Käse in der Tube und gekühlt streichfähige Butter zustande gebracht. Wie schwierig kann es da sein, die Palette um gut schmeckende vegetarische Produkte zu erweitern?
Kein Mensch kann mir erzählen, dass es unserer Lebensmittelindustrie an Einfallsreichtum mangele. Es ist vielleicht mehr der Wille, der fehlt. Da kommen wir Konsumenten wieder ins Spiel, die durchaus die Macht haben, den Markt zu beeinflussen, anstatt der Rindswurst hinterherzutrauen und sich mit halbgaren Alternativen abzufinden.

Wie soll ein flächendeckendes Bewusstsein für einen ethischen Fleischkonsum geschaffen werden, wenn die erste Mahlzeit nach der Entscheidung zum Vegetarismus eine detailgetreue Nachbildung dessen ist, was man ablehnt?

Originally posted 2016-08-04 16:58:47.