Als ich in meiner Jugend begann zu trinken, beobachtete ich fasziniert die Erwachsenen, die ihren Wein, ihr Bier und sogar ihren Schnaps scheinbar aus reinem Genuss tranken. Irgendwann auf dem 50. meines Onkels begann die bereits warm gelaufene Partymeute aus Pfälzern über 45 „Klackklack“ zu trinken. Bei einem „Klackklack“ wird ein Glas Sekt mit einem ordentlichen Schuss Tequila versetzt und zweimal schnell auf den Tisch gehauen, um die Kohlensäure zu lösen. Dann heißt es Wegexen! Da ging mir auf, dass sich manche Dinge nie ändern. Tun sie aber trotzdem irgendwie. Denn irgendwann wurde auch bei mir Alkohol plötzlich von einem reinen Zweck- zu einem (auch) Genussmittel. Während ich mir in meinen Teenie-Jahren Sangria für 1,29 DM (ja, so alt bin ich) wie Limo in den Rachen schüttete, brauche ich heute 20 Minuten, um mich für den geeigneten Gin für mein Tonic zu entscheiden. How Basic, ich weiß.

 

Alles vergeht, auch der schlechte Geschmack

Als ich mich dabei ertappte, wie ich sorgfältig die richtige Zigarre zum Lieblingswhisky meiner Freundin auswählte, um ihr zum Geburtstag eine Freude zu bereiten, wusste ich schlagartig, jetzt bist du erwachsen. Es war nicht mehr zu leugnen. Ein kurzer Schauer durchfuhr mich, das Blut sackte ab – eine Millisekunde später hatte ich mich mit der Abgeklärtheit einer Erwachsenen damit abgefunden. Ich hatte keine Zeit für Dramatik, ich hatte noch jede Menge Dinge zu erledigen heute. Und dann wollte ich endlich mal wieder früh ins Bett. Harry F. Conway schreibt ihn seinem großartigen Fotomagazin „Post Adolesence Fever“: Relishing all these immature  naiveties before hitting that adult crash. We will never be able to attain this level of careless freedom again. As soon as we are aware of it, it’s gone. Only memories, photos and the taste on your tongue.“

 

Nie wieder Lambrusco, danke dafür

Und genau so war, der Moment, in dem ich begriff, was es heißt jung zu sein, war der, in dem es bereits vorbei war. Aber ich weinte, entgegen meiner Vorstellung, kein sehnsüchtiges Klagen auf meine Jugend. Ich würde lügen, würde ich behaupten, es wäre kein bisschen Wehmut dabei gewesen, aber alles in allem fühlte ich mich befriedigt. Ich hatte meine Jugend voll ausgekostet. Vor allem, was die geschmackliche Bandbreite von alkoholischen Getränken anging. Und so sehr auch ich den Geschmack meiner Jugend noch auf der Zungenspitze schmecken konnte, so sehr wünschten sich meine Geschmacksknospen nie wieder in diese Zeit voller Lambrusco, billigem Wodka und widerlich süßem Sahnelikör zurückkehren zu müssen.

 

Ich trinke auch immer noch, um betrunken zu werden.

Aber ich will dabei mein Gesicht zu einer angewiderten Grimasse verziehen und mich stark konzentrieren Meine Zeiten als feucht-fröhliches Partygirl sind lange vorbei. Warum also etwas hinterher trauern, was nie wieder so neu und aufregend sein wird wie es mal war?  Jetzt ist eben die Zeit gekommen, in der ich in der Kneipe sogar Limo statt Bier trinke, wenn ich am nächsten Morgen mit den Hunden in den Wald fahren will. Ist auch geil. Finde ich zumindest. Mein inneres Partygirl dankt es mir. Den Schlaf hat sie bitter nötig gehabt.