An dieser Stelle würde jetzt eigentlich SLEAZE ihm seine Kolumne erscheinen und irgendwie tut sie das auch, jedoch heute in Form von Prosa.
Warum, fragt ihr? Weil der Auto Lust darauf hatte und machen kann, was er will. Ist schließlich seine Kolumne.

SLEAZE ihm seine Prosa: Kleingeld

 

Weil Rufus Wainwright gerade so schön über Zigaretten und Schokomilch aus blechernen Cafe-Lautsprecherboxen singt und die Sonne bereits auf ihrem allabendlichen Abstieg ans andere Ende der Welt, wie flüssiger Karamell durch einen Nebel Schleierwolken fließt und alles noch Erreichbare mit einer pastellenen Patina belegt, lässt du dich zu einem sentimentalen Moment hinreißen.

Geldbeutel zücken, mit drei Fingern reinfischen, kurz zögern, dann doch mehr nehmen, als geplant.

Die Münzen erzeugen einen harten Klang, als sie nach kurzem Flug durch die Luft im Pappbecher auf die anderen Münzen treffen.
Es klimpert nicht so schön, wie es die Szenerie eigentlich gebietet.
Beim Film würde man jemanden beauftragen, dessen einzige Aufgabe es ist Geräusche mit allem, außer den Dingen, die die benötigten Geräusche erzeugen, nachzustellen und dieses freundliche, liebenswürdige klimperdiklingel synthetisch zu erzeugen.

Das echte Geräusch hingegen lässt sich nicht einfach ersetzen. Es hallt in der lauen Herbstluft des warmen Septermbertages nach und zerschneidet Gesprächsfetzen der flanierenden Toursiten und umliegenden Cafe-Sitzer.

Der Ton ist kurz, dafür aber kalt. Nicht kalt, wie eine klare Dezembernacht, in der die Landschaft friedlich schlummernd unter einer weichen, glitzernden Schneedecke ruht.
Kalt wie der graue Sonntagnachmittag im Spätherbst wenn Blätter, Zweige, durchweichte Zeitungen, PET-Flaschen und Getränkedosen – das Treibgut der Stadt – durch die Straßen geweht werden und der gleiche Wind den Regen ständig die Richtung wechseln lässt.

Es wird dann nie richtig hell, selbst wenn die Sonne am Zenit steht und sich durch die schwere Wolkenschicht gequält hat. Das warme Licht schafft es nicht durch den bleiernen Vorhang, der wie der Schnee im Winter auf den Hügeln, über der Welt hängt.

Grau in allen Himmelsrichtungen, kein klares, strahlendes Weiß.
Unser Goldfischglas ist von außen so verstaubt.
Grau ist an solchen Tagen selbst das Meer, während es bedrohlich richtung Ufer schäumt.

Die Sonne hat den Horizont mittlerweile überquert und die letzten Lichtstrahlen züngeln um den Rand unserer Wahrnehmung. Wie die Brandung schäumen Menschenströme in und aus dem S-Bahnhof, mit den Gedanken woanders, geben sie sich dem Fluss der Dinge hin und schwimmen bereits im Strom der Nacht.

 Die Illustration des Titelbildes verdanken wir dem großartigen maleek.

Originally posted 2016-03-24 16:53:20.