Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Direkt gesagt meinte er: Die Meinungen der Menschen sind wie A…löcher, jeder hat eins und es kommt nicht nur Gutes raus. Besonders im Dschungel des Internets werden Sympathie und Zustimmung leichtfertig durch gleiche ( und verquere) Standpunkte definiert — ein Blick über den Tellerrand fehlt zumeist. An dieser Stelle möchten wir eingreifen und einen erweiterten Blickwinkel in Form einer zyklisch erscheinenden Kolumne bieten.
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Stefan über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Ein Text über das Leben und die Widrigkeiten der menschlichen Existenz markiert den Start dieser Kolumne. Warum, fragt ihr euch? Weil der Autor es so will und etwas Melancholie in jedem von uns steckt.

 

Liebes Leben: Wir müssen reden

Liebes Leben, manchmal bist du ein Haufen Scheiße in einer Cornflakespackung. Zugegeben diese Worte sind leider nicht meine eigenen — sie stammen aus einem Song von Käptn Peng. Doch der Satz ist äußerst treffend formuliert: Das Leben suggeriert uns, süß und schmackhaft zu sein, abseits der schönen Verpackung ist es jedoch vorwiegend widerlich, grau und gar nicht schön. Der Blick von außen mag ein wundervoller sein. Bei genauerer Betrachtung setzt indes die Enttäuschung ein.
Natürlich kann man an dieser Stelle anmerken, dass wir die Architekten unseres eigenen Lebens sind. Doch was, wenn wir gar nicht die nötigen Eigenschaften mitbringen, um etwas aufzubauen? Was, wenn wir eher der Sprengstoffmeister sind und ein Talent zum Einreißen besitzen? Die Antwort auf diese Fragen ist ebenso kurz und knapp wie ernüchternd: Es zählt einfach nicht. Uns wird von klein auf eingeredet, wir hätten sämtliche Möglichkeiten, alles zu erreichen — wenn wir nur wollen. Aber wollen wir? Und wenn ja, was genau wollen wir überhaupt?

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Das Streben nach Glückseligkeit

Vereinfacht lässt sich sagen, dass jedes einzelne Individuum dieser Erde danach strebt, ein zufriedenes und erfülltes Leben zu führen. Die Vorstellungen von Zufriedenheit können sehr unterschiedlich sein. So gehen manche Personen völlig in ihrer Arbeit auf. Andere hingegen packt das Fernweh und können nur glücklich sein, wenn sie rastlos sind und ständig Neues entdecken. All den zahlreichen Definitionsmöglichkeiten zum Trotz lässt sich das Leben mit seiner Komplexität auf eine einzige Begrifflichkeit herunterbrechen: Glückseligkeit.
Dieser Begriff ist jedoch nicht ohne Weiteres fassbar. Schuld daran ist das Leben und seine Kompliziertheit: Auf der Straße des Lebens nehmen wir viele Ausfahrten, verfahren uns häufig, kommen nur schwer wieder zurück in die richtige Spur oder gar schlimmer: Uns geht unterwegs  das Benzin aus. Wir verlieren uns zu häufig in Nichtigkeiten und trivialen Dingen. Die sozialen Medien täuschen uns ein Leben voller malerischer Sonnenuntergänge, vollkommender Familienglückseligkeit und perfekten Essenskreationen vor.
Wir jagen Dingen hinterher, vor denen wir besser wegrennen sollten. Wir beurteilen Menschen auf Grund ihrer oberflächlichen, geschönten Profile und verlieren dabei das Wesentliche aus den Augen: Die Gefühle und Empfindungen der einzelnen Personen. Sie grenzen uns voneinander ab und machen uns zu dem, was wir sind. Wir brauchen einfach mehr Zeit, um dies zu erkennen und unser Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Woher sollen wir wissen, welcher Beruf, welcher Partner oder welches Haustier zu uns passt? Wir müssen Erfahrungen sammeln — auch auf die harte, Mitten-in-die-Fresse Art.  Das Leben ist kurz und uns fehlt schlichtweg die Zeit, es mit all seinen Facetten auszukosten.

Weil die Zeit sich so beeilt

Und genau das ist die Crux am Leben: Wir sind uns dessen Endlichkeit bewusst, ändern aber nur selten die Dinge, die uns stören und runterziehen. Die guten Jahre rasen an uns vorbei und wir erkennen dies oftmals erst, wenn es keinen Weg zurück gibt. „Du gibst diese Momente so leicht her, als wären es nicht die letzten“ – um es mit den Worten der Band Captain Planet zu sagen.

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Wir alle kennen den Verfall in eine Lethargie sehr gut. Die Reflexion des eigenen Lebens erfolgt meist nur in schwierigen Zeiten, wenn alles gegen den Baum zu laufen scheint. Aber wieso ist dem so? Ist dies der Rucksack unserer Generation? Tatsache ist, dass wir uns nicht mit unseren Eltern vergleichen können. Diese waren mit Mitte/Ende 20 vollständig im Leben angekommen; hatten Ehepartner, Haus und Kind. Doch wir besitzen Möglichkeiten, die unsere Vorfahren nicht einmal zu benennen wagten. Die ganze Welt steht uns offen, wir müssen nur zugreifen. Aber darin liegt das Problem: Bei zu vielen Möglichkeiten kann man nicht frei und unbefangen wählen. Wir wollen möglichst alles testen und erfahren, aber bitte stets von allem nur das Gute. Dies ist jedoch nicht möglich. Es überkommt uns eine Schwere, die oft in einer Niedergeschlagenheit ausufert.  Wir tragen den Stempel der „Generation Melancholie“.

Und das Herz schreit doch

Wir trauern verpassten Möglichkeiten,  gescheiterten Beziehungen und Träumen nach. Zu schnell und zu einfach verfallen wir in eine  Was-wäre-wenn-Illusion — einen Sumpf, dem es nur mühsam zu entrinnen geht. Wir neigen dazu, in einer Fantasiewelt zu leben. Dazu wird das gegenwärtige Leben als Vergleich genommen, dem es einfach nicht standhalten kann. Hinzu kommen der permanente Druck und die Meinungen von außen, denen wir viel zu viel Aufmerksamkeit schenken. Auf belanglos dahin gerotzte Fragen wie: „Und, was machst du?“ oder „Ach, du studierst noch immer?“ sollten wir eigentlich mit einem Lächeln antworten. Aber das können wir einfach nicht. Wir befinden uns in ständiger Erklärungsnot und verschanzen uns in Rechtfertigungen.
Das Leben und die Gesellschaft bürden uns die Last auf, stets etwas beweisen und besser als Person XY sein zu müssen. Das Leben sollte uns etwas anders lehren. Wir sollten zu unseren Fehler stehen und diese offen kommunizieren. Es ist nur natürlich, dass auf einem Schritt nach vorn auch mal was nach hinten losgeht. Wir sollten uns von unserem Herz und von unseren Intuitionen leiten lassen. Dazu bedarf es jedoch der Freiheit, auch mal Fehler begehen zu können. Mut zur Lücke sollte das Kredo sein – auch im Lebenslauf.

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Also liebes Leben, lass uns eine Übereinkunft treffen: Ich versuche, dich so gut es geht zu meistern und du bist einfach mal ein bisschen weniger scheiße. Und wer weiß? Vielleicht wird so aus einem Sprengstoffmeister doch in gewissen Zügen ein Architekt.  Eins ist jedoch gewiss: Wir sprechen uns wieder, liebes Leben!

Die schöne und überaus passende Illustration des Titelbildes stammt aus den kreativen Händen von Lana Petersen

Originally posted 2016-02-04 16:05:05.