Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir.

Auch in unserer heutigen Kolumne gehen wir, vermessen wie wir sind, noch einmal auf das aktuelle politische Geschehen ein. Unsere Kolumnistin Gherkin schreibt dazu treffend:

Seien wir ehrlich, eigentlich braucht niemand noch einen weiteren Text eines Politik-Laien zur Präsidentschaftswahl in den USA. Schon gar nicht von einer Meinungsexpertin, deren Amerika-Erfahrung nicht über einen 3-stündigen Aufenthalt am Flughafen von Dallas hinausgeht. Aber da die Reihe unqualifizierter deutscher Beiträge so lang ist, dass ein wenig Senf von meiner Seite die Bockwurst auch nicht mehr fett macht, dachte ich mir, why not?!?

Also: Merkeln wir noch oder Trumpen wir schon?

Zwei Jahre haben wir uns von dem Wahlzirkus auf der anderen Seite des großen Teichs unterhalten lassen. Wir haben gestaunt, uns gewundert und waren am Ende entsetzt über das Ergebnis. Wie konnte es bloß zu dieser selbst gebräunten, selbst zentrierten und selbstgefälligen Toupet-Katastrophe kommen?

Fragt man das deutsche Kartoffel-Netz ist die Antwort auf die Frage, wie Trump die Wahl gewinnen konnte, leicht:

Die Amerikaner sind so blöd man kann es nicht in Worte fassen” postet @Streetkillah69 auf Twitter und spricht mit seinem literarischen Oxymoron einer breiten deutschen Masse aus der Seele.

Der Ami ist selbst schuld, so dumm, wie der ist. Ist doch logisch, oder?

Ich habe absolut gar nichts dagegen einzuwenden, dass man entsetzt darüber ist, dass das zukünftige Staatsoberhaupt der USA ein rassistischer, sexistischer Vollblutkapitalist sein wird, der mit seinen deutschen Wurzeln, seiner ebenfalls immigrierten Frau und dem goldenen Löffel im Mund ein fleischgewordener Widerspruch in sich ist. Ein wandelnder Albtraum mit exklusivem Zugang zu den Gold-Codes. Finde ich mehr als beunruhigend, keine Frage.

Wer sich aber von dem billigen Reflex hinreißen lässt, über “DIE Amerikaner” und die Intelligenz ihres Wahlverhaltens zu urteilen, könnte genauso gut behaupten, man habe die theoretische Physik verstanden, weil man weiß, dass E = mc2 Energie gleich Masse mal Geschwindigkeit zum Quadrat bedeutet. Und jetzt? War das hilfreich?

Echte Glaubhaftigkeit und Authentizität erhalten solche Aussagen vor allem dann, wenn sie, wie von @Streetkillah69, mit seitlich getragenem Baseballcap getätigt werden.

Fehlt nur noch der Donut im Mund und der Starbucks-Kaffee in der Hand.

Auf dem Weg zum Nike-Flagship-Store wird dann mal eben mit dem neuen iPhone ein Experten-Tweet abgegeben, vor dessen unwiderlegbarer Stichhaltigkeit jeder Politologe in die Knie gzwungen wird. Nicht.

Im Hintergrund läuft Beyonces “Lemonade”, denn die findet man seit dem letzten Superbowl mehr als großartig. Auf dem eigenen Facebook-Account ist unter Hobbys “Netflix&Chill” angegeben und Homer Simpson eignet sich hervorragend als Profilbild.

Wenn du zur deutschen Bildungselite gehörst, nimmst du wahrscheinlich regelmäßig an Symposien zu Judith Butler teil, postest Sylvia Plath Zitate, kennst jeden Lynch-Film auswendig und träumst davon, eines Tages mit deiner Jazz Combo groß rauszukommen. Nach einer Promotion an einer deutschen Universität bist du ans M.I.T. gegangen, weil Dir die deutsche Forschungslandschaft keinen Job geben wollte.

Wenn die Amerikaner so unterirdisch verblödet sind, wäre es dann nicht logische Konsequenz, sich zu fragen, was das eigentlich über unsere Kultur sagt, wenn wir uns ständig  so bereitwillig bei den dummen Amis bedienen?  Sind wir dann vielleicht sogar NOCH dümmer?

ABER, kann ich die erbosten Kommentare unter dieser Kolumne schon keifen hören, das eine ist Politik und das andere ist Kultur, das kann man nicht so einfach in einen Topf werfen!

Bevor ich nun aber versuche, das komplexe Verhältnis zwischen Kultur und Politik in idiotensicheren drei Sätzen darzulegen, sage ich einfach: Habe ich doch gar nicht.

Denn wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird vermutlich schon selbst gemerkt haben, DIE amerikanische Gesellschaft ist ähnlich schwer in einem Tweet zu erfassen, wie die Franzosen mit Baguette und Rotwein. Oder isst Du jeden Tag Schweinshaxe, trennst mit neurotischer Präzision deinen Müll und stehst auf Helene Fischer und Helmut Kohl? Eben. Dachte ich mir.

Und wenn man die Kultur ganz außen vor lässt und den Blick mal nur auf die Politik richtet? Ich meine, UNS geht es ja gerade super,  da kann man echt nicht meckern.

Vor circa zwei Jahren haben wir beschlossen, die paar verblödeten PEGIDA und AFD-Pfeifen einfach weg zu lachen. Vielen von ihnen haben es uns auch mehr als einfach gemacht und mit ihren irrwitzigen Schreibfehlern sogar eine ganze Kollektion an Merchandise inspiriert. Auch ich habe viel gelacht. Ich lache auch heute noch, aber es ist weniger geworden.

Denn bereits vor zwei Jahren ging mit jedem Lacher über orthografische Slapstick-Einlagen besorgter Bürger auch das bitter schmeckende Wissen einher, dass rechte Hetze (so schlecht geschrieben und dumm argumentiert sie auch sein mag) langsam wieder salonfähig wird. Irgendwie bin ich damals noch davon ausgegangen, es handele sich hierbei um einen schlechten Scherz. Einen bitterbösen, an dessen Ende die Populisten gar nicht anders können, als dumm dazustehen. Das dachte ich auch über Donald Trump.

Mit dem Rechtspopulismus ist es wie mit den Mom-Jeans

Aber wo Populismus gedeihen kann ist Vorsicht geboten, denn mit dem Rechtspopulismus ist es wie mit den Mom-Jeans.

Die gab es früher schon mal, und sie waren damals schon furchtbar. Vor ein paar Jahren haben sie irgendwelche Beknackten auf der Suche nach einem starken Statement zur Abgrenzung wieder ausgegraben. Anfangs haben wir darüber gelacht, wie jemand mit einem so antiquierten und längst überholten Kleidungsstück rumlaufen kann. Entgegen aller Annahmen verbreitete sich die Mom-Jeans jedoch wie ein Lauffeuer. Irgendwann nahm man nicht mal mehr wahr, wie viele es eigentlich waren. Überall wurden sie stolz zur Schau getragen, in der Bahn, im Club, im Vorlesungssaal. Von der Verkäuferin im Supermarkt, der Bekannten aus dem Sportverein und der eigenen Schwester.

Um am Ende lacht man auch nicht mehr darüber. Da trägt man selbst eine und fotografiert sich im Spiegel, um der Welt zu zeigen, wie sehr man dazugehört. Es ist nämlich nur ein schmaler Grat zwischen Schwarmintelligenz und Herdenblödheit.

Ich entschuldige mich für diesen mehr als platten und geschmacklosen Vergleich, aber scheinbar argumentiert man mittlerweile auf diesem Niveau, wenn es um innerstaatliche und weltpolitische Belange geht.

Wir sind geschockt darüber, wie die Amerikaner einen Präsidenten wählen konnten (und ich empfehle hierzu dringend sich mal mit dem amerikanischen Wahlsystem zu beschäftigen), der eine Mauer zu Mexiko bauen will – und leben selbst in einer Gesellschaft, in der Menschen eine Partei in Landtage wählen, deren Spitze sich für den Schusswaffeneinsatz gegen geflüchtete Menschen ausspricht, den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel leugnet und begeistert Bismarck mit den Worten zitiert:

Nicht durch Reden werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut“.

Dazu gesellen sich im Kern überhaupt nicht lustige Absurditäten wie das Burkini-Bashing, die Erklärung von Schweinefleisch als deutsches Kulturgut und die Auffassung, die Gleichstellung von Männern und Frauen diene als “schädliches, teures, steuerfinanziertes Gesellschaftsexperiment, der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung”.

Da fragt man sich zu Recht, wann kommt die christlich-abendländische Kleiderverordnung, der deutsch-völkische Mensaspeiseplan und wann wird endlich wieder das Mutterverdienstkreuz verliehen?

Wie schnell jemand, den man für seinen verkümmerten Sprachschatz, seine hohlen Plattitüden und seine skurrilen Ideen ausgelacht hat, Staatsoberhaupt eines der mächtigsten Länder der Welt werden kann, haben wir erst jüngst vorgeführt bekommen.

Und ich sage es nur ungern, aber wie war das noch mit der NSDAP?

Bei den Reichstagswahlen erreichte die Partei 1928 noch läppische 6,4%, 1930 waren es schon 18,3% und nur 3 Jahre später wurden Hitler und die NSDAP von 43,9% der abgegebenen Stimmen gewählt…so schnell kann es gehen.

Die eigene braune Scheiße stinkt ja bekanntlich nicht.

Ich schlage vor, statt sich über die Dummheit einer Gesellschaft aufzuregen, die man nur aus dem Fernseher oder allenfalls einem 1-wöchigen New York Trip kennt, lieber aufzupassen, dass wir nächstes Jahr nicht in einem ähnlichen Dilemma stecken.

Denn ich fürchte, für gut gemeinte “Wehret den Anfängen” Postings, mit denen man lediglich die eigene homogenisierte Peergroup erreicht, ist es längst zu spät.

In den USA versucht man mittlerweile mit einem simplen Slogan seine Mitmenschen, die zwar das richtige Denken haben, sich darauf aber auch ausruhen, zum Handeln aufzufordern:

If you see something, do something.

Empöre dich nicht allein in der plüschigen Umgebung deiner linksliberalen Teegesellschaft. Mach stattdessen das Maul auf, im Internet, aber auch auf der Straße, in der Umkleidekabine, am eigenen Esstisch. Gegenüber Fremden, Kollegen, Geschwistern, Mitbewohnerinnen, Onkeln, Tanten, der Physiotherapeutin, dem Frisör oder der Bedienung im Café.

Das ist unbequem und macht keinen Spaß, aber wer das Privileg hat in einer Gesellschaft zu leben, in der man seine Meinung frei äußern darf, hat eben auch die Pflicht seinen Mund aufzumachen, um diese Freiheit zu behalten.

YOLO.


Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2016-11-24 16:30:07.