Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. 
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir.

Das Ergebnis der US-Wahl steckt uns allen noch immer tief in den Knochen. Auch die hier und heute schreibende Kolumnistin fand sich am Mittwochmorgen vor einem Haufen essenzieller Fragen wieder: Wie konnte das passieren? Wer soll das bezahlen? Was? Zur? Hölle? USA? Dabei hatte keiner ihrer 53846 Facebook-Freunde den Anschein gemacht, Trump auch nur im Ansatz zu unterstützen oder gut zu heißen. Und überhaupt: Das gesamte Internet schien Trump doch ganz eindeutig das Prädikat „scheisse“ zugeschrieben zu haben. Hat das Internet gelogen? Haben wir uns zu sehr auf unsere Peer Groups verlassen? Oder haben wir die vermeintlichen Trolls doch einmal zu oft mit blankem Hohn bestraft?

This is a Meme’s world

Donald Trump ist der neue Präsident der Vereinigten Staaten. Trotz Pussy-Grabbing, Grenzmauern und Twitter. Ich gebe zu, das habe ich nicht erwartet. So geht es den meisten in meinen Social- Media-Feeds. Und den Nachrichtenredaktionen, deren Artikel ich lese. Und den realen Menschen, mit denen ich an diesem geschichtsträchtigen Mittwoch über den Ausgang der US-Wahl diskutiere. Überhaupt waren alle bis gestern überzeugt, dass dieser orange Kerl mit dem blonden Toupet und den unkontrollierten Fingern in keinem Fall als Gewinner dieser Wahl herausgehen würde. Schließlich hatten uns das Internet und seine Memes und Gifs so fest daran glauben lassen!

No matter who you vote for, this will be a historic election, hatte zum Beispiel jemand liebevoll zusammengeshoppt und die Köpfe von Clinton, Cruz, Sanders und Rubio mit Titeln wie first latino president, first jewish president oder first female president ausgestattet. Trump selbst erhielt dabei nicht etwa eine Auszeichnung als first orange president sondern als the last president – der personifizierte Untergang eines Landes. Was haben wir über die Orange is the new Black Memes gelacht. Harhar! Und den Demonstranten, der Trumps Haupthaar mit einem Ballon streichelte. Hahaha! Geteilt haben wir sie, den Donald-Kürbis, den Screenshot aus Kevin allein in New York, die Tweets über die wunderschöne Stadt Belgien und das Dirty-Dancing-Debatten-Duett mit Hillary. Fuck Trump, LOL. #wasistdasfür1haarschnitt!

Wir schienen uns einig darüber, dass Donald Trump an Lächerlichkeit kaum zu überbieten sei, dass die Niederlage sicher sei, die Mehrheit der Menschen in den USA vernünftig und der Mann ohne Erfahrung nur ein weiteres Beispiel dafür seien, dass Menschen ohne Ahnung zwar zum Bewerbungsgespräch und vielleicht in die ein oder andere Talkshow eingeladen, den Job letzten Endes aber doch an die kompetentere Konkurrenz verlieren würden.

Realität: 1 – Internet: 0

Seit gestern ist das schnittige Toupet nun offiziell und wahrhaftig „Präsident“ der USA. Ein Typ, der sich auch offiziell und wahrhaftig über körperlich eingeschränkte Menschen lustig macht, eine öffentliche Kennzeichnungspflicht für Muslime und Muslimas fordert, Gewalt an Nicht-Weissen gutheißt, sich vom Ku Klux Klan unterstützen lässt und mit Anekdoten über von ihm ausgeführter sexueller Belästigung hausieren geht. Und der uns allen zeigt: Fickt eure Memes und Happy Ends, euren Klimawandel und eure Gleichberechtigung, ich mache jetzt erstmal Politik für meine weißen Freunde und Freundinnen und spiele eventuell ein bisschen mit dem Nuklearwaffenarsenal, #yolo. Ups, gar nicht mal so lustig. Und trotz virtuellen Memes, Likes, Shares und augenscheinlichem Konsens über die Unmöglichkeit eines Präsidenten Donald Trump dank realen Wahlzetteln von realen Befürwortern und Befürworterinnen bittere Realität.

Er hasse es, mit welcher Arroganz Trump in den Medien unterschätzt werde, schrieb ein Bekannter schon Ende Juli in seiner Facebook-Chronik. Wer im Dialog stets auf Republikaner und Republikanerinnen, AFD-Unterstützende oder Brexit-Befürwortende herabschaue und sie als ‚dumm‘ bezeichne, fördere engere Zusammenschlüsse in den vom Populismus getriebenen Rängen.

Kann Harambe die USA noch retten?

Ob es letztlich die Leitmedien, das Internet, das Gefühl vieler Trump-Wähler und -Wählerinnen, im Alltag nicht gehört zu werden, die tief verankerten rassistischen und sexistischen Weltansichten oder alles zusammen waren, die das gestrige Wahlergebnis ausmachten: Das Resultat ist real – die Rückschritte gigantisch – die gesellschaftlichen Baustellen multipel – der Haufen Scheisse gewaltig. Das lässt sich gegenwärtig nicht beschönigen. Das darf es, vor allem in Anbetracht derer, die tagtäglich Diskriminierung erfahren und voller Angst in die Zukunft blicken, auch nicht.

Dass das Böse gesiegt hat, erzählen mir meine Social-Media-Feeds seit gestern anhand von Memes: Disney-Bösewichte mit Trump-Kopf, Simpsons-Szenen, erleichterte Briten, die den Ruf als „dummes Volk“ nun nach Übersee abgeben dürfen. Die Menschen, die auf ihren Wahlzetteln getreu der Meme-Kultur für Harambe oder Deez Nuts abgestimmt haben, nehmen diesen Titel sicher gerne entgegen.
Und sonst so? Vielleicht waren wir zu beschäftigt mit Memes, Gifs und Photomontagen, um die reale Chance eines Trump-Siegs vorherzusehen. Vielleicht war es einfacher, über Tweets zu lachen, als auf die unbequemen Probleme einzugehen, die Menschen tagtäglich in die Arme des Populismus treiben. Vielleicht war der diesjährige Wahlausgang aber auch einfach nicht vorhersehbar. Lasst uns in Anbetracht der kommenden Bundestagswahlen real sein, die Gefahren vorher erkennen und uns außerhalb unserer Filterblase wirksame Strategien gegen Populismus, Rassismus und Besorgtheit überlegen.

Originally posted 2016-11-10 18:23:29.