Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“
Direkt gesagt meinte er: Die Meinungen der Menschen sind wie A…löcher, jeder hat eins und es kommt nicht nur Gutes raus. Besonders im Dschungel des Internets werden Sympathie und Zustimmung leichtfertig durch gleiche (und meist verquere) Standpunkte definiert — ein Blick über den Tellerrand fehlt zumeist. An dieser Stelle möchten wir eingreifen und einen erweiterten Blickwinkel in Form einer zyklisch erscheinenden Kolumne bieten.
Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Stefan über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Lässt man das erste Quartal des Jahres 2016 einmal Revue passieren, so bestimmen (natürlich neben der andauernden Flüchtlingsproblematik) die Tode berühmter Personen die Schlagzeilen.
Dabei ist auffällig, dass Nachrufe zu jenen verstorbenen Personen oft noch am Todestag dieser durch die Medien geistern.

Das makabre Mediengeschäft —  Tod auf Abruf

Das schnelle Reagieren auf den Tod mit Nachrufen und Sätzen des Gedenkens ist nur möglich, weil Sender diese vorproduzieren. So führt beispielsweise die ARD eine Liste mit Namen von Prominenten, für die bereits Nachrufe existieren — oder nüchtern betrachtet: mit deren Ableben in nicht allzu ferner Zukunft gerechnet wird. Der Sinn besteht darin, schnell auf Todesfälle reagieren zu können, den Rezipienten ein Rückblick auf ein fremdes Leben zu ermöglichen und so eine Würdigung des Toten zu vollziehen — ein makabrer Beigeschmack bleibt dennoch. Die Frage der Fragen ist nun, ob man an dem Vorgehen etwas Verwerfliches finden kann oder nicht?
Fakt ist, dass ein Nachruf etwas sehr Persönliches ist. Die Personen, die diese verfassen und in Text-, Bild- oder Audioform bringen, kannten die/den Verstorbene/n allerdings meist nicht persönlich — ihnen fehlt schlichtweg der emotionale Kontakt. Oder noch schlimmer: Der Verfasser gab nur vor, die Person und deren Vita gekannt zu haben. Aber so ist das häufig in der hiesigen Medienlandschaft: man muss jede Chance ergreifen und nehmen, was einem so vor die Flinte läuft.

Vorproduzierte Nachrufe: „Stirb endlich!“

Da sind Nachrufe eine gern gesehene Abwechslung. Sie haben den Vorteil, dass man das in der hintersten Ecke des Oberstübchens vergrabene Pathos rauskramen darf und dieses zum Besten geben kann — und zwar gerne ganz viel davon.
Sicher gibt es unzählige Zitate und Redewendungen, die eine verstorbene Person und deren Leben vortrefflich beschreiben würden, aber man will selbst etwas kreieren — etwas Bleibendes schaffen, für einen Menschen, der gegangen ist. Zwar mag das Pathos nicht echt sein, aber es ist immerhin Pathos. Daran sehe ich nichts außerordentlich Verwerfliches. Schlimm wird es nur, wenn man all seine Mühe und seinen Gehirnschmalz in jenen vorproduzierten Nachruf setzte, die betreffende Person noch Jahre weiterlebt und beim Verfasser oder der Verfasserin der Gedanke aufkommt: „STIRB!“ Die Intention dieses Gedankens ist jedoch nicht schlimmer Natur. Es geht lediglich darum, dass man seine Arbeit, in die man unter Umständen viel Akribie steckte, veröffentlicht sehen möchte.

Genau an dieser Stelle schließt sich der Kreis: Vorproduzierte Nachrufe sind eben doch ein makabres Werk und nichts anderes, als ein Warten auf den Tod.

Die schöne und überaus passende Illustration des Titelbildes stammt aus den kreativen Händen von Lana Petersen.

Originally posted 2016-03-03 16:00:06.