Ein Bekannter erzählte mir vor Kurzem, seine Arbeitskollegin habe bei einem Smalltalk über Kinofilme folgende Aussage gemacht:

„Das Schauen von Filmen reizt mich nicht mehr wirklich. Am Ende landen die besten Szenen aus jedem Film ja sowieso als GIF im Netz.“

Da brauchte ich einen kurzen Moment, bis sich mein vor Humanirritation chronisch verkrampfter Unterkiefer wieder schließen ließ. Seitdem bin ich wie besessen von dieser Aussage. Denn so beknackt und ästhetisch verblödet die Aussage auch sein mag (und machen wir uns nichts vor, die Chancen stehen gut, dass sie es nicht ganz so ernst gemeint hat), so ist sie doch symptomatisch.

Fasziniert und noch ein wenig ungläubig frage ich mich, ob das GIF wohl das Sinnbild unserer unseres Digitalen Handelns ist. Das GIF ist immerhin um ein Urgestein des Internets, dessen fulminante Renaissance seinesgleichen sucht. Was in den Anfängen technischer Determiniertheit geschuldet war, ist heute ein bewusst gewählter Kommunikationsstil. Visuell, reduziert, mehrdeutig, austauschbar. Ein kleines bisschen Bewegtbild.

GIFS: Der ideale Snack für zwischendurch.

Eine Freundin erklärte mir, Pornos schaue sie seit einiger Zeit nur noch als Compilations. Bei allem anderen wäre zu viel Drumherum, mit dem sie nichts anfangen könne. Da sie das ungeduldig und nicht geil macht, habe sie begonnen, nur noch Zusammenschnitte zu konsumieren. Da gibt es alles was sie will. Auf das Wesentliche reduziert, geballt und kanalisiert. Das Internet, ein feuchter Traum.

Denn wer hat heute noch die Zeit, in aufwendiger Eigenrecherche Pornos zu durchforsten oder gar einen ganzen Spielfilm anzusehen? Zumindest am Stück, also mindestens 90 Minuten, wird das schnell zu einer Zerreißprobe.

Die Erfindung der DVD hat es in der Unterhaltungsindustrie vorbereitet, das Internetfernsehen hat es perfektioniert: die Zerstückelung der Welt. Oder in diesem Fall, des Films. Wir drücken Pause um die Wäsche aufzuhängen, wir unterbrechen, um den Stream vorzuladen, oder schauen eben nur die offensichtlich sehenswerten Szenen auf Youtube.

Parallel bleiben die Smartphones in die Hand geklebt: live tweeten, den Status updaten und noch schnell ein Video über die Instagram Story versenden.

Dass die Serie den Film als Format langsam abgelöst zu haben scheint, ist also kaum verwunderlich. Wenn ich ehrlich bin, favorisiere ich mittlerweile auch Serien, statt mir zum Feierabend 2,5 Stunden lange, epische Filme anzuschauen, von denen eine Einstellung die Dauer eines durchschnittlichen Videoblog-Eintrags hat.

Lieber kleine, gut portionierte Medien-Häppchen statt ausufernder Banketts. Die kurzen, knappen Video-Hors d’œuvre lassen sich auch besser in einen Alltag voll flexibler Arbeitszeiten und modernem Berufsnomadentum integrieren, in dem die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit immer unschärfer wird. Statt zur Primetime um 20:15 Uhr schauen wir uns Filme und Serien morgens im Zug zur Arbeit, in der Mittagspause im Café, abends in der Badewanne und nachts nach dem Feiern zum Einschlafen an.

Und wenn dann mal Zeit ist, dann wird gebinged.

tati haus

Die 1. Staffel House of Cards an einem Wochenende, alle Harry-Potter-Filme in 24 Stunden. Das ist nämlich das Schöne an Serien, man kann aus einer 60-minütigen Folge einen 8-stündiges Epos machen. In den Pausen schauen wir dann 7-sekündige Vine Videos von der letzten Partynacht, 3-minütige Tutorials für die perfekten Locken und 10-minütige Creampie Compilations. Vielleicht schiebe ich auch noch eine 5-minütige Yogasession ein, ich habe da eine neue App runtergeladen.

Auch die Kommunikation mit meinen Freunden ähnelt inzwischen immer mehr einem Foodtruckfestival, auf dem ich 10 Tinderdates gleichzeitig habe.

lichtenstein tinder

Als Mensch mit einer Telefonschwäche (scheinbar gibt es das) war der Siegeszug des Mobiltelefons damals mein wahr gewordener Albtraum. Das im Gesamtpaket enthaltene Geschenk der Textnachricht empfing ich hingegen mit offenen Armen. SMS waren die Erlösung aus den Fesseln des Telefonzwangs, Emails eine willkommene Alternative zu nervenden Absprachen über das Telefon. Mittlerweile zähle ich auf meinem Smartphone sieben Kanäle, um mit meinen Mitmenschen via Instant Message in Kontakt zu treten. Daraus resultieren über 25 aktive Chats, davon 5 Gruppenchats, das heißt an guten Tagen 100 neue Beiträge. Hier 1-2 Sätze, dort eine Meme oder eine Komposition meiner beliebtesten Emojis. Meine virtuelle Kontaktpflege besteht zum Großteil aus mundgerechten Stückchen meiner Aufmerksamkeit, die ich versuche, in den wenigen freien Momenten meines Tages möglichst gerecht zu verteilen, um alle einigermaßen satt zu bekommen.

fat child cant decide wich cookie

Am Ende ist mir ganz schlecht, so aufgebläht bin ich von den vielen Nachrichten. Und die Telefonate sind ehrlich gesagt auch nicht weniger geworden.

Das ist wie mit den Videos und GIFs. Im illusorischen Versuch, Zeit zu sparen schaut man ein Katzenvideo statt eines Films, postet ein GIF, um sich 5 in die Tatstatur gehauene Sätze zu sparen, oder schickt lieber eine kurze SMS, statt anzurufen. Und am Ende sitzt man mit wunden Fingern vor dem 400. Katzenvideo, aus dem GIF entbrannte eine öffentliche Diskussion auf Facebook und du beginnst wirr, unentzifferbare Emoji-Kolonnen an irgendwelche WhatsApp-Gruppen zu verschicken.

magritte suicide

Wie war das doch gleich mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit? Am Ende stehe ich da und stelle fest, bei all dem Sozialmanagement habe ich den Punkt verpasst, als die lebenserleichternden technischen Innovationen anfingen meine Zeit zu fressen. Da hilft nur eines, Kopf in den Sand und Mittelfinger hoch.

Hide Camouflagefuck you birthday cake

Wer hier aber apokalyptischen Technikpessimismus wittert, nimmt mich zu ernst. Bereits Platon warf der Schrift vor, sie würde unser menschliches Gedächtnis zerstören. In der Blütezeit des Schauerromans, ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, brach eine regelrechte Hysterie aus, als man befürchtete, das Lesen der Bücher verderbe die Moral und das Wesen der meist jungen, weiblichen Leserschaft. Die Ironie des Ganzen liegt auf der Hand.  Es ist eben nicht ganz so eindeutig mit dem Schaden und Nutzen von Medien. Da hilft es auch nicht Walther Benjamin über das Knie zu brechen, platt zu fahren und einen vom Verlust der Aura in der Kunst zu faseln.

Dafür sehe ich von meinem Standpunkt aus zu schlecht. So wie Platon. Ein bisschen. Und es liegt mir fern, darüber zu urteilen wie wegweisend, schlecht oder überhaupt relevant Game of Thrones, Sprachnachrichten und Snapchatfilter in Zukunft sein werden.

Bis dahin streicheln wir noch ein wenig unser Smartphone, verschicken ein Scheiße-Emoji an alle unsere WhatsApp-Gruppen und entspannen bei einem meditativen GIF.

mett streichen GIFS

Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2017-04-18 20:16:04.