Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

SLEAZE ihm seine Kolumne: Vom Ende der Ironie

Die große Hoffnung des deutschsprachigen Rock macht leider wenig Hoffnung. Durch ehrliche und handgemachte Musik und tatsächlich auch gutes Songwriting haben sie sich einen Vorab-Hype erspielt, der nach Veröffentlichung ihres ersten Albums urplötzlich verpuffte. Jetzt sind sie aber schonmal da – und weil das alles auch gar nicht wirklich schlecht ist, bleiben sie einfach noch ein wenig.
Die Rede ist von AnnenMayKantereit und ihrer Konsens-Musik. Keine Ecken, keine Kanten, nichts.

Es liegt mir eigentlich nichts ferner, als den Burschen ihre Existenzberechtigung auf dem Musikmarkt oder generell als Musiker abzusprechen. Ihren Erfolg verdanken sie nämlich vorrangig ihrem musikalischen Können. Darum geht es schließlich vorrangig beim Musizieren – und nicht um ein politisches Bewusstsein oder gezwungene Tiefgründigkeit. Das ging im Laufe der Musikgeschichte offensichtlich schon mehr als einmal gehörig schief. Rapper mit einem durch den Geschichtsunterricht gekränkten Nationalbewusstsein oder Rockbands aus den Alpen sind nur zwei Beispiele von vielen.

Es fehlt nicht an Charisma, sondern an einer Grundhaltung

Trotzdem kommt man angesichts der Leichtfüßigkeit AnnenMayKantereits nicht umher, einige Fragen zu stellen: Brauchen wir vielleicht einfach mal wieder mehr von diesen Bands, die nichts zu sagen haben? Die keine Position beziehen? Mehr AnnenMayKantereits und Isolation Berlins, mehr Wandas und Bilderbuchs?
Sie sagen und tun Dinge, über die sich 20-Jährige noch vor ein paar Jahren lustig gemacht hätten. Das ist das Privileg der Jugend und auch ihre Pflicht.
Besagte Bands sind in diesem Alter, ihre Themen sind allerdings andere. Es stimmt, sie sind zu nichts verpflichtet und man vergleicht immerhin den Einen mit Falco und den Anderen mit Rio Reiser. Aber der Verlgeich hält nur so lange, wie es um Bühnenpräsenz, Stimme oder vielleicht die Hutgröße geht. Es fehlt auch nicht unbedingt an Charisma, sondern an einer Grundhaltung.

Max Goldt, ein kluger Mann und Formulierungskünstler schrieb noch im September des Jahres 2000 dazu:

„Und wer weiß – vielleicht ist der Jungmännerzynismus ein notwendiger Abschnitt in der Entwicklung von Menschen, die, verunsichert von der eigenen, womöglich überdurchschnittlichen Intelligenz, befürchten, von einem bequemen Leben in politisch friedlicher Zeit zur Biografielosigkeit verdammt zu sein.“

Die Befürchtung ist geblieben, doch ist ihr Ausdruck mittlerweile ein anderer, als die antipodische Verbissenheit gegenüber Überbleibseln vergangener Jahrzehnte. Laut zitiertem Autor vermehrte sich diese Einstellung, gerade bei jungen Männern, in den 80ern deutlich und „von allen Dingen musste möglichst kalt und scharf geredet werden gegen alles, was nach Fürsorge und Nachsicht, nach Toleranz zu rufen schien.“

Aber dieses Fehlen einer genre- und grenzenüberschreitenden Grundhaltung ist auch anders als im Biedermeier oder bei der Nachkriegs-Volksmusik. Zwar herrscht auch heile Welt, aber innerlich kehrt man die Scherben auf. Ganz heile ist sie nämlich nicht und es wird eifrig gelitten. Unter der Gesellschaft, der Liebe, dem Alleinsein und dem Zusammensein. Existieren und daran zugrunde gehen ist Beschäftigung genug.
Na, so schlimm ist es nun aber auch wieder nicht. Es ist durchaus erfrischend, wenn mal ganz unironisch über ein Thema gesprochen wird. Diese Form des Ausdrucks ist nämlich zu einem Schutzschild verkommen, hinter das man alles schiebt, was verletzlich oder angreifbar machen könnte.

Zur Not hat man’s immer ironisch gemeint

Wir haben uns so in der Ironie verzettelt, dass sich schlechte Bands, Filme und Reality-Shows unfassbarer Beliebtheit erfreuen, weil das zwar niemand wirklich schaut, aber trotzdem alle bestens über neueste Entwicklungen informiert sind. Abstruse Mode-Relikte der 80er bis 90er und der Schnauzbart sind wieder „In“ – aber weder aus ästhetischen noch praktischen Gründen.
All das ist in diesem post-ironischen Zeitalter schon fester Bestandteil unserer Kultur geworden. Als Ausdruck der vollständigen Kapitulation vor gesellschaftlichem Druck fristen wir unser Dasein im ironischen Fegefeuer.
Soviel dazu, zurück zum Thema.

Denn unpolitisch ist sie zu allem Überfluss auch noch, die Jugend. Selbst im Hip Hop auffallend oft – und das führt dann doch zu weit. War der Rap doch jahrzentelang Ausdruck wütender und unzufriedener junger Menschen, die Missstände aufzeigten und anprangerten. Oft sehr überzogen, manchmal inhaltlich falsch, aber immer aus echter Überzeugung heraus. Heute ist das Genre ein Tummelplatz gelangweilter Kids reicher Eltern. Partys im Codein-Rausch und Statussymbole wie aus dem Statussymbol-Katalog. Wenn sie schon bei diesen Dingen so einfallslos sind, ist das alles aber auch kein Wunder.
Ja, schon klar: die Kunstfreiheit. Man muss auch nicht andauernd überall Gesellschaftskritik reinpressen, aber ich meine, „so ganz allgemein“.
Und so ganz allgemein will der Jugendliche heutzuage nicht mehr so viel von all dem Scheiß wissen.

Originally posted 2016-05-06 18:39:17.