Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Selbstverständlich ist die Überschrift verallgemeinernd, sehr zugespitzt und so als Aussage genaugenommen auch falsch. In Zeiten des Clickbait darf man aber mit der Überschrift durchaus mal polarisieren und dick auftragen.

SLEAZE ihm seine Kolumne: Warum man die Großwildjagd nicht verteufeln muss

Die meisten Medaillen sind auch auf der Kehrseite Gold. Es sind aber trotzdem zwei verschiedene Seiten und die gleiche Beschaffenheit macht nur die Unterscheidung etwas schwieriger. Man muss also genauer hinschauen.

Es gibt selbstverständlich einfache Antworten, auch auf komplexe Fragen, doch oft ist auch eine komplexe Antwort noch nicht ausreichend, um das vollständige Bild zu zeichnen.
Es ist nämlich vieles nicht nur schwarz oder weiß, sondern meist ist das ganze Grau dazwischen entscheidend.
Auch wenn man annimmt ein Thema sei hinreichend bekannt, geht es immer noch tiefer und man kann die meisten Behauptungen, Fakten und was allgemein als Wahrheit betrachtet wird so weit aufdröseln, dass man durchaus anfangen könnte zu zweifeln, was man denn überhaupt noch glauben kann.

Es ist nicht so, dass man jedes kleinste Detail in Frage stellen muss, oder sich direkt in die Untiefen der Metaphysik stürzt.
Aber es gibt auch weiterhin oftmals einige Unklarheiten und deutlich mehr Nuancen der „Wahrheit“, als eine Einzige und Allgemeingültige.

Ein gutes Beispiel ist der italienische Seefahrer und Entdecker, dem man nachsagt im Auftrag der portugiesischen Krone Amerika entdeckt zu haben. Das lernt man bereits in der Grundschule. Auf dem weiterführenden Bildungsweg kommen zu dieser simplen Geschichte noch einige tiefer gehende Informationen hinzu, doch ist das auch noch lange nicht die ganze Geschichte. Im Allgemeinen bleibt: Columbus entdeckte 1492 Amerika. Fertig aus.

Erinnert ihr euch an die Aufregung, die gerade im Internet und vor allem in den (man ahnt es schon) Sozialen Netzwerken ausbrach, als ein Großwildjäger einen beliebten Löwen erlegte? Mit Sicherheit tut ihr das und wahrscheinlich kommt beim Gedanken daran direkt wieder die Empörung hoch.
Cecil war ein schönes Tier, ein prächtiger Löwe mit stellenweise schwarzer Mähne, was ihm einen hohen Wiedererkennungswert und die Zuneigung der Nationalparkbesucher wie -bewohner einbrachte.

cecil löwe simbabwe

Cecil im Nationalpark – Bild: Bryan Orford

Er starb durch die Hand eines Zahnarztes aus Minnesota. Besser gesagt durch den Pfeil seiner Armbrust und unter höchst fragwürdigen Umständen.
Der Löwe, der ein GPS-Halsband trug und in einem geschützten Reservat in Simbabwe lebte, wurde von lokalen Helfern des Zahnarztes mit einer Blutspur aus dem Nationalpark gelockt und dort durch einen Pfeil verwundet. Erst einige Stunden später konnten ihn die Jäger ausfindig machen und schließlich mit einem Gewehr töten.

Dass die Sache nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich höchst unschön war, steht gar nicht zur Debatte. Die Morddrohungen gegenüber dem Tierarzt und der ungezügelte Hass, der ihn
traf, waren das in Teilen jedoch auch.
Das sind in der Regel die Anfeindungen, mit denen sich Jäger konfrontiert sehen und vor allem wenn es um Großwild geht, sind Tierschützer und jene, die sich dafür halten gnadenlos.

Ist das wirklich so einfach und die Jagd immer schlecht?

Bedingt durch die hohe mediale Aufmerksamkeit und äußerst negative Berichterstattung kamen in den Folgemonaten nach Cecils Tod deutlich weniger Jäger (legale natürlich) nach Simbabwe, aus Angst vor ähnlichen Reaktionen. Dies führte zu einer Überpopulation der dort lebenden Löwen und wird als „Cecil-Effekt“ bezeichnet.
Hier wird die Sache dann auch schon interessant und die Medaille bekommt noch eine weitere Seite hinzu. Besser gesagt wird nun auch die – schon immer bereits vorhandene – Dritte und sehr schmale Seite genauer betrachtet.
Das sind sie, die Abstufungen der „Wahrheit“, die Nuancen und ganzen Grautöne.

Die Natur ist eine komplexe Angelegenheit und die Biosphäre mit ihren unzähligen Ökosystemen äußerst fragil und empfindlich für äußere Einflüsse und Veränderungen. Wir Menschen haben uns im Laufe der Jahrhunderte sehr tölpelhaft und tollpatschig in der Natur breit gemacht. Dabei ging einiges zu Bruch und vieles hat sich verändert.
Deshalb sind wir mittlerweile an einem Punkt, an dem Stellenweise wiederum nur noch durch menschliches Eingreifen noch schlimmeres verhindert werden kann.
Es kann daher aus den verschiedensten Gründen dazu kommen, dass bestimmte Tiere zum Abschuss freigegeben werden. Klingt erstmal hart, doch manchmal führt einfach nichts um eine gezielte Tötung herum.

Wenn beispielsweise einzelne aggressive Tiere das Fortbestehen der gesamten Gruppe oder nahegelegener Siedlungen bedrohen, eine Umsiedlung nicht möglich ist oder schlicht und ergreifend Krankheiten vorliegen, die nicht heilbar aber ansteckend sind.
Wie gesagt, die Gründe sind zahlreich und die Entscheidung kommt von Veterinärmedizinern und Tierschützern der Nationalparks.

Dann passiert folgendes:
Es gibt eine öffentliche Ausschreibung und passionierte Großwildjäger auf der ganzen Welt bewerben sich. Der Höchstbietende bekommt den Zuschlag und darf das Tier erlegen. Klingt auch hart, allerdings muss man im Hinterkopf behalten, dass das Tier so oder so getötet werden muss. Das würde ansonsten eben ein Tierarzt machen.
Der Tierarzt zahlt jedoch keine großen Summen, sondern wird dafür noch bezahlt, weil es schließlich sein Job ist.

Wenn ein amerikanischer Zahnarzt aber auf Safari geht und den Zuschlag für die Jagd bekommen hat, hat er dafür mehrere zehntausend bis über hunderttausend Dollar auf den Tisch gelegt. Dieses Geld kommt unmittelbar dem Tierschutz zu Gute.

Die regulären Einnahmen aus Jagdlizenzen – die kleine und nicht geschützte Tiere betreffen – werden nämlich gehandhabt wie reguläre Steuern und fließen zuallererst in Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen. Auch nicht verkehrt, doch wird der Tierschutz in vielen afrikanischen Ländern auch bis heute nicht ausreichend praktiziert.
Löwen, Elefanten und andere bedrohte Tierarten galten lange Zeit als Schädlinge, die Felder zerstören, Dörfer verwüsten und in erster Linie einfach nur lästig sind.
Das Geld der Jäger leistet also einen nicht zu unterschätzenden Beitrag, zu der Arbeit von Tierschutzorganisationen und all denen, die die einzigartige Natur und ihre Bewohner zu schützen versucht. Dennoch werden Großwildjäger in der öffentlichen Wahrnehmung als Unmenschen dargestellt und meist voller Inbrunst verachtet.

Jagen nur um der Trophäen Willen und illegales Wildern ist scheiße, das müssen wir nicht diskutieren.
Aber da finanziert auch der verhasste Jäger durch das Erlegen einiger Wildtiere also deren Schutz. Wie stehe ich dazu und was mache ich nun mit meinem ganzen Hass?

Originally posted 2016-05-26 17:38:21.