Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Gherkin über Dinge, die die Welt (und sie) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Vom Randphänomen zum Fertiggulasch

Tattooconventions sind wie Kirmes für Erwachsene. Und da der Erwachsene als solcher ein meist unerträglicher Vollpfosten ist, und die hier zusammen Gefundenen in schillernden Tönen Pigmente unter der Haut tragen, nenne ich sie liebevoll 50 Shades of Idiots. Das Schöne ist: Man kann Tätowiererinnen aus der ganzen Welt an einem Ort treffen, sich umsehen, und spontan oder  mit vorab vereinbartem Termin ein Tattoo abholen. Die sogenannte Szene selbst trifft sich, man lernt sich kennen, tauscht sich aus, knüpft Kontakte. Ansonsten ist es vor allem laut. Es gibt viel Bling Bling und Geschrei. Es wird gestaunt, bejubelt und geglotzt. Man tritt, mit großen Erwartungen an einen aufregenden Tag, ein in die heiligen Hallen (meist in Form eines stickigen, neonbeleuchteten Betonklumpen) – und findet sich wieder in einem messehallegroßen Spiegelkabinett. Ein Jahrmarkt, selbstverständlich mit der ein oder anderen Gruselshow.

Traurig, aber meist wahr: Um das Herz für die Sache an sich, dem Tätowieren, hier schlagen zu hören, muss bei dem lauten Getöse ganz genau hinhören. An manchen Stellen wird es vor lauter Postern, T-Shirts und Bandanas mit Sponsorenlogo und  popstarähnlicher Selbstdarstellung gar nicht mehr zu hören sein. Das grelle Scheinwerferlicht,  umherirrender Kameras jagt nach Stars und exotischen Bildern, ein klassischer Fall von Industrie frisst Randphänomen. Von Omas Eintopf zum Fertiggulasch an der Kirmesbude.

Nicht überall. Aber vielerorts.

Vegane handgeschnitzte Plugs aus Dinkel

Im Prinzip ist der Aufbau Tattooconvention irgendwie gleich, manchmal ist das Essen besser, manchmal schlechter. Das Kernstück jeder Tattooconvention bilden bis zu mehreren hundert Stände, an denen Tättoowierinnen und Tätowierer ihre Arbeiten ausliegen haben und vor Ort arbeiten. Das klingt erstmal spannend. Bis man feststellt, dass im Prinzip gar nichts aufregend daran ist, jemandem beim Tätowieren zuzuschauen, zumindest nicht länger als ein paar Minuten. Das führt dazu, dass sich die Besuchermasse ähnlich jeder anderen Messe oder einem sehr vollen Flohmarkt, stetig durch die Gassen walzt. Ab einem gewissen Punkt ist es nur noch mit hartem körperlichem Einsatz möglich, sich bis zu einem der Tische zu drängeln, das ausliegende Portfolio durchzublättern (das 93. heute) und dann auf ein paar Beine zu starren, über die sich jemand mit dem Rücken zu mir über beugt und vermutlich tätowiert. Davon sehe ich nämlich nichts. Auf der anderen Seite sitzen die Tätowiererinnen und die zu Tätowierenden in kleinen, eingeteilten Parzellen. Ein bisschen wie Tiere im Zoo.

Da eine Halle voller Menschen und das Rattern von Tattoomaschinen noch nicht genug Hintergrundrauschen erzeugen, gehört es scheinbar zum guten Ton, ein auditiv möglichst intensives Rahmenprogramm anzubieten. Elvis-Imitatoren, Hardcore-Geschrei, Trommelgruppe. Hauptsache, es bleibt im Ohr. Für die nächsten sieben Tage. Zwischen den Ständen der Tätowiererinnen liegen überall taktisch günstig platzierte Shoppingparadiese. In Form von jeder Menge Schmuck, Klamotten und Nippes wird die menschliche Konsumfreude vor allem bei denen angeregt, die gar nicht da sind, um sich tätowieren zu lassen.

Für jeden, wirklich jeden ist was dabei. Neonpinke,  mit  fluoreszierendem Strass besetzte Tunnel „Made in Saudi Arabia“ oder vegane handgeschnitzte Plugs aus Dinkel. Alles da. Oldschool Rockershirts mit Büffeln und Pottwalen drauf, zu übergroßen Jogginghosen mit aufgedruckten Waffen und Leuchtstreifen? Kein Problem.Kriegst du. Upgecyclete Hemden aus Vintage Unterhosen und eine Beratung durch Experten bezüglich des  eigenen Tattootyps. Kannst du haben.

Es ist deine Entscheidung. Hauptsache, du kaufst was. Das macht glücklich.

Runen, das ist doch so eine Fantasieschrift mit der die Hexen und so…

Überall buhlt man darum, gesehen zu werden. Was in der Masse zunehmend schwerer wird. Es werden alle Register gezogen, um  ein wenig Aufmerksamkeit zu erhaschen und blendet darüber hinweg, wie gleich und uniform im Grunde alle sind. Für jeden von uns gibt es bereits eine Schublade, die schon halb offen steht und in der unzählige Lemminge jeden Neuzugang als Angriff auf ihre Einzigartigkeit auffassen.

Soviele Klischees und Schubladen auf so engem Raum, das schreit nach  ein paar anmaßenden amateuresken Sozialstudien.

Da wären die #childrenofinstagram, meist in ihrem #allblackeverything Look. Ein bisschen Neon und 90-Trash geht auch klar, Hauptsache anders, aber gleichzeitig #fashionable. Mit betont gelangweiltem Gesichtsausdruck tragen sie ihre selbstverständlich rein schwarzen #blackwork Tattoos spazieren. Das ist sowas wie Fitnessveganismus und Vollbarthype in einem, jeder muss es haben. The Shit halt. Man gibt sich betont lässig und ist eigentlich auch nur hier „weil Freunde hier arbeiten“. Letzte Woche beim Popup Konzert am Hermannplatz war eh alles cooler, da gabs immerhin Postmetal, Trap oder Noise zu hören.

Beinhaltet das #ootd eine Hose, muss diese entweder eine #skinnyjeans oder eine #momjeans sein. Bei ersteren sind aufgeschnittene Knie, bei zweiteren hochgekrempelte Hosenbeine obligatorisch. Klarer Vorteil ist hier der Unisex-Look, wenn schon gleich aussehen, dann wenigstens konsequent. Das kann ich nur befürworten.

Ein bisschen #witchvibe gibts mit einem Tanktop mit Runen-Print einer großen Textilkette deines Vertrauens. Runen, das ist doch so eine Fantasieschrift mit der die Hexen und so…äh wie, achja, irgendwie war da das.

Ebenso zahlreich vertreten: die Chichi-Gangster und Gangsterletten. Ihr wisst schon, die die denken, dass „Thug Life“ etwas gefährlich-glamouröses ist,  bei dem man Jogginghose tragen kann. Häufig ausgestattet mit surreal aufgepumpten Körpern in den schönsten Tönen, die ein Solarium so hervor zu bringen vermag. Rasierklingen unter die Achseln gehängt und dann immer schön von links nach rechts wackeln. Die Fingernägel seiner Gefährtin sind so lang wie die Absätze der High Hegels, mit denen sie sich über den Betonboden der Halle quält. Selbst bei frostigsten Bedingungen ist man sich nicht zu schade, im Feinrippunterhemd und rückenfreiem Minikleid als sexy tätowiertes Paar für ein Selfie zu posieren. Man muss ja auch zeigen, was man hat. Hier vor Ort und auf Facebook. Sie müssen wahnsinnig frieren und irrsinnige Schmerzen haben oder aber hier gedeiht eine neue Art Übermensch.

 

Ist Tattoomodeln mittlerweile ein etablierter Berufszweig?

Hier und dort muss auf jeder guten Messe ein Tattoomodel  hinter einem Messestand stehen. Und was bewirbt sie oder er? Ihr habt es erraten, sich selbst. Es wird mit Besuchern posiert und es werden jede Menge Autogramme, Kalender und Poster verkauft, das volle Marketingprogramm. Meistens zumindest. Manchmal werden auch Hilfsorgansiationen für Tiere in Not oder Kampagnen gegen Mobbing unter Jugendlichen beworben. Da hab ich nix zu meckern.

Es gibt mittlerweile so viele verschiedene mehr oder weniger flächig, beziehungsweise ästhetisch ansehnlich tätowierte Models, ich habe den Überblick verloren. Wodurch ich beim Vorbeilaufen jedesmal daran erinnert werde,  wie alt und uncool ich geworden bin.

Ich verstehe die junge Welt der hippen jungen Leute und ihre Social Media Hypes nicht mehr.

Wissenschaftlich betrachtet, wäre das der Moment, in dem das Subjekt aus dem Sozialisiationsprozess einer neuen Medienkultur aussteigt. Das trifft es ziemlich gut. Da bin ich raus.

Findet ihr euch in dem nächsten Absatz, den ich sinngemäß „anstrebende Tattoomodels“ betiteln würde, wieder, aber missverstanden, bitte korrigiert mich. Sollte ich in freudscher Manier mit meinem psychoanalytischen Gehabe irgendwelche Untiefen eures Es fehlinterpretiert haben, sprecht mit mir. Es interessiert mich. Wirklich.

Denn ansonsten gilt das gleiche wie oben. Eine Rentnerin begreift die Welt nicht mehr.

Hinzu stellt sich mir die Frage: Ist Tattoomodeln mittlerweile ein etablierter Berufszweig, von dem man leben kann? Oder geht es dabei wirklich nur darum, noch krasser als die anderen zu sein?

Rentiert es sich für einen 20 Jahre jungen Menschen, das vom Studienkredit abgezwackte Geld in ein Gesichtstattoo zu stecken? Wenn beide Unterarme noch frei sind. Bis auf die Hände (Handinnenfläche natürlich auch. Eben, weil sie krass sind.) Und der gesamte Oberkörper. Bis auf den Hals. Und bald eben auch das Gesicht. Da pack ich meine Demenztabletten und meinen Blasenkatheter ein und winke zum Abschied nochmal müde. Jetzt habe ich wirklich alles gesehen.

Irgendwer muss den Job ja machen

Die Security besteht aus einem Trupp großer, breiter und vermutlich genmanipulierten Hühnen,

Immer ausgestattet mit einem stählernen Blick, der mich geradezu zwangsartig dazu bringt, sie bei jedem Passieren anzulächeln. Und dann sieht man plötzlich, wie es kurz zuckt im Gesicht. In den Augen rauscht der Impuls, zurückzulächeln, blitzschnell vorbei, wird von einem großen bösen weißen Hai gefressen und streicht den bereits zur Bewegung ansetzenden Gesichtsmuskeln jeden Wind aus den Segeln. Denn da, wo die herkommen, lacht man keine Fremden an. Man munkelt darüber, ab welchem Bekanntheitsgrad bewegte Gesichtsmimik im positiven Spektrum überhaupt erlaubt ist. Und jetzt bin ich ruhig. Denn wenn die dich nicht mögen, kannst du deine Blase auf dem Parkplatz entleeren. Oder einfach nicht mehr reinkommen. Dafür sind sie ja immerhin da. Irgendwer muss den Job ja machen.

Die Damen auf den Toiletten hingegen sind immer super. Vermutlich müssen die auch nicht mehr Koks, Kotze und Sperma überheblicher Gäste wegwischen als nach jeder Reise- oder Technikmesse und sind entsprechend locker und unaufgeregt. Die waren mir auf der Bread&Butter schon immer die liebsten.

 

Am Ende bleibt nur zu sagen: Wer mir selbst mal auf einer Tattooconvention begegnet, darf mir gerne sagen, in welche Schublade der 50 Shades of Idiots ich eigentlich gehöre. Denn wer sich selbst für etwas besseres hält, ist der größte Idiot.

Gherkin

Für das Artikelbild ist die wundervolle und wunderschöne Juju verantwortlich. Sie und Gherkin sind das dritte Kolumnenteam in der SLEAZE-Redaktion. Wir freuen uns!

Originally posted 2016-05-12 18:27:15.