Der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagte einst: „Jeder Mensch hat seine eigene Weltanschauung, aber nicht jede ist weltbewegend.“

Wir haben auch eine und präsentieren sie euch in unserer zyklisch erscheinenden Kolumne. Ganz schön vermessen, könnte man an dieser Stelle zu Recht anmerken. Aber so sind wir. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Damit hinter dem unpersönlichen „wir“ ein konkreter Name steht und ihr es so direkt einen Ansprechpartner für Pöbeleien habt, schreibt Fred über Dinge, die die Welt (und ihn) bewegen und nimmt Stellung zu Meinungen, die polarisieren.

Wenn man in einer Großstadt lebt, hat man das Gefühl, dass mindestens die Hälfte der Bevölkerung dem Fleischkonsum abgeschworen hat. Auch auf dem Land macht sich dieser Trend immer weiter breit.

Warum Vegetarier nerven

Dabei ist Vegetarismus schon lange kein Trend mehr, sondern vielmehr eine Philosophie. Gesunde und nachhaltige Ernährung ist keine persönliche Entscheidung mehr, sondern Lebensentwurf. Ernährungsthemen sind nicht nur in den öffentlichen Medien, semi-öffentlichen Sozialen Netzwerken, sondern auch privaten Gesprächen immanent.

Je nachdem, in welchen Kreisen man sich bewegt, kann das dazu führen, dass es peinlich wird zuzugeben, dass man Fleisch beim Discounter kauft. An wie vielen Stellen solch eine Aussage angreifbar ist, vermag man sich gar nicht vorstellen. Oft fühlen sich Vegetarier nicht nur leicht moralisch überlegen, sondern mitunter auch etwas elitär gegenüber dem Normalverbraucher. Was nicht allein am Vegetarismus liegt, sondern der gesamten Lebenseinstellung, die daraus häufig resultiert. Darum soll es hierbei aber gar nicht gehen und darüber hat auch bereits Theresa Bäuerlein einen äußerst klugen Artikel geschrieben.

Bei vielen Fleischessern und auch einigen Vegetariern selbst ruft besagter Umgang mit dem Thema eine regelrechte Abneigung gegen Diskussionen über Ernährungsformen oder industriellen Fleischkonsum hervor. Vom Internet will ich eigentlich gar nicht erst anfangen, weil sich in den dortigen Kommentarspalten Abgründe auftun – das ist schon jenseits von gut und böse. Stützt nebenbei bemerkt aber wiederum die Religionstheorie, da mit ähnlicher Inbrunst kommentiert wird.
Daraus kann man nun schließen, dass dieses Thema bei vielen Leuten ein gewisses Diskussionsbedürfnis weckt und die Standpunkte sehr vehement verteidigt werden. Im Gegenzug fühlen sich viele schnell vom Thema genervt und förmlich verfolgt und belästigt. Manchmal auch nur, weil sie hinter jeder Ecke vegetarische Propaganda vermuten und deshalb aktiv auf Reizwortsuche gehen.

Warum nerven die Vegetarier so? Weil sie Recht haben.

Massentierhaltung schadet nicht nur den Tieren, sondern auch der Umwelt. Die Wirtschaft hilft mit Subventionen nach und schädigt damit den Wettbewerb. Wenn nicht immer hier, dann in afrikanischen Staaten, die mit unseren Geflügelabfällen überschüttet werden und lokale Betriebe vom Markt drängen.
Antibiotika, die oft aufgrund dieser Massentierhaltung verabreicht werden müssen, schaden auch uns Konsumenten. Der Anbau von Futtermitteln frisst nicht nur Regenwälder hektarweise, sondern könnte auch zum Anbau menschlicher Futtermittel genutzt werden. Wobei der ökologische Schaden deutlich mehr ins Gewicht fällt. Nahrungsmittel haben wir eigentlich schon genug. Aber Hungersnöte zeichnen sich eben dadurch aus, dass eine gewisse Anzahl Menschen nicht an Nahrung kommt und nicht dadurch, dass es generell zu wenig verfügbare Nahrung gebe.

Das lässt sich zwar alles auch andersherum argumentieren, und tausende Arbeitsplätze in diesem Industriezweig möchte ich auch gar nicht kleinreden. Man kann dennoch relativ sicher sagen, dass geringerer Fleischkonsum erhebliche positive Effekte auf mehreren Ebenen hervorrufen würde.

Nebenbei bemerkt kann die Mehrheit der Menschen auch wirklich problemlos ohne Fleisch gesund leben. Es herrscht in den meisten Fällen also keine biologische Notwendigkeit, wie oftmals von Kritikern des Vegetarismus angemerkt wird. Es geht dabei um etwas anderes: Genuss und die Freiheit, sich diesen Genuss zu nehmen. Ohne vorher irgendeinen Moralapostel um Erlaubnis fragen zu müssen – bestenfalls auch ohne eigenes schlechtes Gewissen

Veggie Day vs. Schweinefleischpflicht

Die Erinnerung daran, dass es im Grunde genommen richtig wäre, auf Fleisch zu verzichten – und vor allem das Eingeständnis dieser Tatsache – stößt vielen Leuten daher sauer auf.
Auch so mancher Fleischkonsument weiß es, ganz tief drinnen, eigentlich auch besser. Er müsste sowieso mehr auf seinen Cholesterienspiegel achten und das ganze rote Fleisch soll ja besonders schlecht fürs Herz sein. Aber das jetzt zuzugeben, weil so eine nervende Rotzgöre ohne Lebenserfahrung meint, sich hier moralisch aufplustern zu müssen – Da gehts ums Prinzip!

Grillen beispielsweise erfordert nicht viel mehr als Feuer, Fleisch und Zeit. Trotzdem machen viele eine riesen Sache daraus und fügen Folklore und ziemlich viel Unsinn hinzu. Das ist wirklich keine Wissenschaft, aber die Grillmeister in ihrem Schrebergarten haben nun mal Spaß daran. Das kann man doch niemandem einfach so wegnehmen.

bbq

Der Vorschlag zum Vegetariertag der Grünen wurde niedergeschmettert, bevor Renate Künast „Grünkernbratling“ hätte sagen können. Ich will den Vorschlag hier nicht verteidigen, doch ist die Reaktion symptomatisch. Die fiel bei den Vegetarien damals anders aus, als kürzlich gegenüber der CDU, die, aus etwas anderen Gründen zwar, mit einer Schweinefleischverordnung ankam.
Das kann man sowohl aus ökologischer Sicht, als auch ernährungsseitig kritisieren. So richtig blieb das aber aus, weil Fleischessen noch größtenteils als „normal“ gilt und der Verzicht darauf als Abweichung dieser Norm erachtet wird.

Bei den Grünen hat man die Augen verdreht und genervt gestöhnt: „Diese Ökos wieder mit ihren Vorschlägen und der Wohlfühl-Symbolpolitik.“ Bei der CDU hat das jetzt irgendwas mit Asyldebatte, Integration und traditionellen Werten zu tun. Genervt sind auch einige, aber aus anderen Gründen.

Was hat Feminismus damit zu tun?

Man könnte mir jetzt sehr einfach einen Strick daraus drehen, wenn ich sage, dass das wie mit dem Feminismus sei. Vom Feminismus sind nämlich auch viele genervt.

Ich behaupte es trotzdem und versuche, es postwendend zu begründen. Das ist das Tolle an Behauptungen: Wenn man Begründungen und nachvollziehbare Argumente hinterherschiebt, wird daraus eine logisch fundierte Aussage. Ansonsten bleibt eine Behauptung in zwischenmenschlicher Kommunikation eine relativ schlechte Tauschware.

Wenn sich die öffentliche Debatte um Dinge wie Frauenrechte oder patriarchalische Strukturen dreht, wird nicht nur unter den Debattenteilnehmern, sondern vor allem in großen Teilen der Bevölkerung ebenfalls genervt aufgestöhnt. Beispielsweise wurde die großartige wissenschaftliche Leistung, eine Sonde auf einem durchs All rauschenden Kometen zu landen, von der fragwürdigen Kleidungswahl des zuständigen Wissenschaftlers überschattet – um Mode ging es dabei beileibe nicht. Diskutiert wurde über die abwertende Frauendarstellung auf einem Shirt und die Signale, die dieses aussendet.

Und auch wenn Soziologen bei Themen wie der Flüchtlingsdebatte auf Gleichberechtigung hinweisen, wird wieder mit den Augen gerollt. Luxusprobleme seien das, die mit der Realität nicht allzu viel gemein hätten. Immerhin müssten dringliche Probleme und Fragen von weitaus größerer Bedeutung gelöst werden. Erst dann könne man sich auch um solches kümmern.

rolleyes

Man merkt doch jetzt schon, dass wir nach hunderten Jahren „Tradition“ Probleme bekommen, wenn wir versuchen davon abzurücken. Der Sexismus ist so verflochten in unsere Denk- und Lebensweisen, dass es sich für viele so anfühlt, als würde ihnen etwas genommen werden. Auch wenn ich nicht der gesamten männlichen Bevölkerung vorwerfen möchte, offen und aus Genussgründen sexistisch zu sein, ist für viele die Ausübung von Macht in hierarchischen Verhältnissen, die man selbst geschaffen hat, durchaus angenehm. Das einfach so abzugeben, ist vielleicht etwas unangenehmer.

Wie groß eine Gesellschaft sei, könne man anhand ihres Umgangs mit Tieren feststellen, lautet ein Zitat Gandhis. Ich finde, man kann das auch daran feststellen, wie mit Menschen umgegangen wird. Frauen sind nämlich auch welche, was ab und an und vor allem gerade in Feminismusdebatten gerne vergessen wird. Da sprechen einige alte Männer ganz offiziell über Frauen und ihre Rechte und keine einzige Frau sitzt mit auf der Bühne. Man redet über sie als abstrakten Gegenstand, der zwar Teil der Diskussion ist, aber weit von der Augenhöhe entfernt. Das stellt man dann noch als Fortschritt im Kampf gegen Geschlechterungleichheit dar.

Sich anders verhalten zu müssen und Dinge, die für viele Jahre oder gar Jahrzehnte als ganz „normale“ Handlungsweisen galten, nun hinterfragen zu müssen und womöglich zu Zugeständnissen gezwungen zu werden, fühlt sich wie ein Einschnitt in die persönliche Freiheit ein. Eine Bedrohung der eigenen Moral.

Ganz egal, ob bei T-Shirts oder dem allgemeinen Sprachgebrauch; wenn ich mich das nächste mal vom Feminismus genervt fühle, sollte ich mir vielleicht erst einmal die Frage stellen, ob ich mich nicht doch ein wenig bedroht fühle. Und was es tatsächlich geben könnte, das in Gefahr ist, genommen zu werden.

Originally posted 2016-03-10 13:29:24.