Die Nachfrage in Berlin ist enorm und weitere Zusatzvorführung mussten angesetzt werden, da das Publikum offensichtlich nicht genug vom gemeinschaftlichen Pornos gucken im Open-Air-Ambiente bekam.

Wir reden von den XConfessions, dem preisgekrönten partizipatorischen Erotikprojekt von der vielleicht berühmtesten Filmemacherin unter den feministischen Erotikfilmproduzenten: Erika Lust. Lust (Hallqvist) gilt als eine der Pionierinnen der feministischen Pornographie und das Projekt ist Abstand ihr bisher inklusivstes Vorhaben, denn auf der Seite XConfessions teilen Menschen ihre sexuellen Erlebnisse und Fantasien, aus denen die Regisseurin jeden Monat zwei auswählt, um die Geständnisse in explizite Kurzfilme zu verwandeln.

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Bevor sie Menschen beim Höhepunkt filmte, studierte Lust Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Menschenrecht und Feminismus. Nach ihrem Abschluss siedelte sie dann 2000 nach Barcelona über und gründete dort 2004 die Produktionsfirma ‚Lust Films‘, mit der sie sich auf das Genre feministischer Erotikfilme spezialisierte. Ihr ursprünglicher Plan war es allerdings, sich nach dem Studium in einer NGO für die Rechte der Frauen einzusetzen. Wir haben uns mit Erika Lust getroffen um zu erfahren, weshalb sie trotz beeindruckender akademischer Karriere in der Erotikbranche gelandet ist.

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Wir haben mehrmals gelesen, dass du für deine Produktionen den Ausdruck „Erotikfilm“ lieber magst als „Porno“. Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen Porno- und Erotikfilmen?

Es hängt natürlich immer etwas davon ab, was diese Wörter für den bedeuten, der sie benutzt.

Wenn wir von ‚Porno‘ reden, dann halten die meisten Menschen das für was schmutziges, unanständiges. Es entstehen sofort Bilder im Kopf von Frauen mit dicken Titten, die sich mit muskulösen Typen durch die wildesten Stellungen vögeln und dabei die typischen Sexgeräusche machen. Wenn man von ‚Erotikproduktionen‘ spricht, dann erwartet man neben spritzenden Körperflüssigkeiten aber noch ein bisschen Inhalt – also wenigstens noch eine kleine ‚background story‘. Ich glaube, ich denke, dass man bei ‚Erotikfilm‘ vielleicht auch noch einen Anspruch daran hat, wie alles umgesetzt wird. Aber mein Lieblingsausdruck ist tatsächlich ‚Erwachsenenkino“ denn das es ja, was ich mache. Ich produziere Kinofilme und habe an meine Produktionen einen künstlerisch- ästhetischen Anspruch!

Was genau macht denn einen guten ‚erwachsenen Film‘ aus?

Du kannst ruhig Porno sagen, am Ende ist es ja das, was es ist. Für mich haben gute pornografische Produktionen viel mit Leidenschaft zu tun und natürlich mit Lust. Deshalb habe ich dieses Wort auch als Pseudonym gewählt. In einem guten Porno kommen Menschen zusammen und nehmen und geben Befriedigung. Das ist genau der Punkt, der sich von den meisten Massenproduktionen wesentlich unterscheidet – das geben und nehmen von Befriedigung. Heutzutage findet man online viele Produktionen in den es nur darum geht Frauen zu ficken – als eine Art Bestrafung. Es geht eher darum, dass Frauen benutzt werden um den Mann zu befriedigen. Auf youporn findet man sehr selten Clips die darum gehen, dass zwei Personen gemeinsam Spaß und eine gute Zeit haben. Doch genau darum sollte es, meiner Meinung nach, beim Sex gehen.

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Nun kannst du ja eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen und wolltest ursprünglich für Frauenrechte kämpfen. Was wurde aus diesen Plänen?

Es ist lustig, dass du das ansprichst, denn eigentlich glaube ich noch immer, dass ich für die Rechte der Frauen kämpfe – eben auf eine andere Weise als ursprünglich geplant. Es gab’diesen Punkt in meinem Leben als ich als junge Studentin noch am herausfinden war, wer ich bin – sexuell gesehen. Natürlich habe ich Pornos gesehen und die haben mich auch angemacht, obwohl mir nicht gefallen hat, was ich dort sah. Ich konnte Pornos nicht mit einem guten Gefühl sehen, sondern es war eher merkwürdig und verwirrend. Die Massage dieser Produktionen war hochgradig chauvinistisch und obwohl es mich irgendwie anmachte, hat mir trotzdem nicht gefallen was ich da zusehen bekam. Als ich diese Ambivalenz bemerkte, habe ich begonnen viel über Pornos zu recherchieren und habe mich intensiv mit Sexualverhalten, Maskulinität, Feminität und Geschlechterrollen beschäftigt. Ich habe das Potential des Pornos erkannt, weil die Produktionen auch ein Diskurs sein könnten, denn Sex an sich macht Spaß, ist vielseitig und leidenschaftlich. Dass er das aber in den meisten Pornofilmen nicht ist, ist weil er nur von einer Gruppe gemacht wird: weißen, heterosexuellen Männern mittleren Alters. Selbst bis heute bleibt in den meisten Produktionen nicht viel Raum für Diversität. Es geht immer nur um Titten und Ärsche und all die Dinge, die weiße, heterosexuelle Männer mittleren Alters eben scharf finden. Dennoch ist auch diese Szene im Wandel, das bemerke ich zum Beispiel ganz deutlich, wenn ich auf den Independent- Filmveranstaltungen bin. Die Nachfrage nach Alternativen steigt stetig und das wirkt sich langfristig auch auf den Markt aus.

Weshalb sind Leute eigentlich so scharf darauf Pornos zu gucken statt selbst Sex zu haben?

Naja, die meisten Menschen machen ja vermutlich beides. Der Mensch an sich ist ein sehr sexuelles Wesen. Menschen beim Sex zu beobachten hat zudem etwas voyeuristisches, was uns zusätzlich antörnt. Ich denke Menschen haben ein großes Bedürfnis Sex zu entdecken und darüber zu reden. Manche Menschen haben auch das Gefühl mit ihren sexuellen Bedürfnissen alleine zu sein oder das ihre sexuellen Vorlieben irgendwie merkwürdig sind. Gemeinsam als Paar Pornos zu gucken kann dann auch einen Dialog anstoßen. Wenn man sich zum Beispiel einen Film anguckt, in dem Rollenspiel und SM thematisiert wird, dann kann man ganz unverfänglich fragen: “Hey, wie findest du sowas eigentlich?“. Vielleicht ist der Partner ja interessiert, doch man hätte unter anderen Umständen niemals über diese Sehnsüchte gesprochen. Das ist übrigens auch eins der schönsten Komplimente, die man mir zu meiner Arbeit machen kann: Du produzierst Filme, die ich mir auch mit meinem Partner angucken würde.

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Für die XConfessions schicken dir Menschen ihre sexuellen Fantasien. Was sind so die häufigsten Sexträume von Menschen?

Also der Dreier liegt bei den erotischen Fantasien ganz weit vorne. Den Wunsch nach einem Dreier hegt scheinbar jeder heimlich. Die Konstellationen und Umstände sind natürlich verschieden, wobei zwei Frauen und ein Mann doch die beliebteste Vorstellung ist. Sehr populär sind auch SM-Vorstellungen. Das spielen mit Dominanz und Unterwürfigkeit. Hier fällt mir auf, dass es vor allem Männer sind, die Lust hätten, auch mal dominiert zu werden. In diesem Kontext gibt es auch junge Frauen, die sich selbst als Feministin verstehen, aber sehr gerne dominiert werden möchten. Hier wird mir gelegentlich die Frage gestellt: Kann man als Feministin unterwürfig sein. Ja! Nur weil du Feministin bist, musst du nicht die Domina spielen. Deine sexuellen Vorlieben haben nichts mit deiner politischen Einstellung zu tun.

Und im Prinzip ist es genau das, was ich mit meiner Arbeit zeigen möchte, dass auch Frauen sexuelle Bedürfnisse haben. Erlaubt ist, was beiden gefällt. Sex ist etwas ganz Natürliches und gesundes, bei dem Männer und Frauen „zusammenarbeiten“ und gemeinsam Spaß haben – ‚miteinander‘ und nicht auf Kosten des anderen.

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Jessi

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