Beim Projekt #BIKEYGEES lernen geflüchtete Frauen das Fahrradfahren. Warum da mehr dahinter steckt, als der reine Mobilitätsgewinn, erfahrt ihr gleich. Und auch, was die Zweiräder zur Annäherung verschiedenster Kulturen in politisch, wie gesellschaftlich schwierigen Zeiten beitragen könnten. Integration nicht nur auf zwei Rädern, sondern in zwei Richtungen.

Wer das zu verantworten hat, erzählt euch Annette Krüger, eine der Initiatorinnen, am besten selbst. Sie war nämlich so nett, uns ein paar Fragen zu beantworten.

#BIKEYGEES: Eine gemeinsame Fahrt Richtung Solidarität, Empowerment und Umweltschutz

Wir haben Annette gebeten, sich und die Bikeygees kurz vorzustellen und das Projekt näher zu erklären.

Wer seid ihr und was macht ihr?

Wir nennen uns #BIKEYGEES und bieten kostenlosen Radunterricht für (geflüchtete) Frauen und Mädchen an. Im September 2015 habe ich einen Bericht aus einer anderen Stadt über Facebook gesehen und mich gefragt, ob es sowas auch in Berlin gibt. Das war dann der Startschuss für mich und wir begannen in unterschiedlicher Besetzung.

Jetzt sind Dr. Anne Seebach und ich die ehrenamtlichen Initiatorinnen von #BIKEYGEES. Anne und ich haben in der Notunterkunft Moabit angefangen. Wir haben uns irgendwann getroffen und die Fusion beschlossen, da wir es für wichtig halten, dass Kräfte gebündelt werden und nicht alle separat vor sich hin werkeln. Der Plan ging direkt auf, es war geradezu ein Katalysator!

Seitdem ist unsere Aktion enorm gewachsen.

Warum gerade Fahrradfahren?

Ich liebe Radfahren und davon abgesehen ist es überraschend vielschichtig.

Es geht ganz praktisch darum, von A nach B zu kommen – und öffentliche Verkehrsmittel sind teuer. Außerdem war uns jenseits des interkulturellen Aspektes von Beginn an wichtig, die Möglichkeit des Radelns als nachhaltigen Ansatz zur Gewährleistung von Mobilität und Unabhängigkeit zu betrachten. Es soll Perspektiven und Hoffnung derer bestärken, die durch den Verlust ihrer Heimat auch Handlungsräume verloren haben. Daher betrachten sich #BIKEYGEES als ganzheitlichen Ansatz, der Aspekte wie Empowerment, CO2-neutrale Mobilität, Bewegung an der frischen Luft, Lebensfreude und gemeinsame Erfolgserlebnisse vereint. Sprache lernen mit Bewegung und Freude verbunden. Abbauen von Berührungsängsten auf allen Seiten. Es macht einfach verdammt viel Spaß. Für alle Beteiligten.

Ein bemerkenswerter Nebeneffekt der Trainings ist, dass viele der Frauen sich über das Fahrradfahren hinaus vernetzen und gemeinsame Unternehmungen angehen. So hat sich unter anderem ein syrisch US-amerikanisches Sprachtandem gebildet und eine Deutschlehrerin gibt den Teilnehmerinnen Deutschunterricht.

Aber auch gemeinsames Kochen, Chor-und Theaterbesuche sind an der Tagesordnung. Eine Frauenorganisation, die Bildungs- und Karriereberatung für „Frauen mit Migrationshintergrund“ anbietet, hat bereits regen Zulauf durch unser Netzwerk erfahren. Was mich besonders freut, die Frauen identifizieren sich mit dem Projekt. So hat zum Beispiel eine syrische Teilnehmerin, die Illustratorin ist, ein Logo für uns entworfen. Das ist großartig.

Viele helfen uns beim Übersetzen in ihre Muttersprache, damit wir mit Newcomerinnen kommunizieren können. So werden die Grenzen zwischen Helferinnen und Unterstützung-Suchenden aufgelöst. Genau das ist unser Ziel: Nicht entweder nur aktiv oder passiv sein und sich wieder handlungsfähig fühlen.

Syrian Women Learn to Ride Bikes for the First Time

Keep pedaling!In Germany, Syrian asylum-seekers learn to ride bikes for the first time.

Gepostet von AJ+ am Dienstag, 22. Dezember 2015

Kann man bei euch mitmachen oder euch anderweitig unterstützen?

Unverzichtbar bei all der Organisationsarbeit die wir leisten, ist das private Engagement: Neben dem Kernteam von uns beiden freiwilligen Co-Founderinnen gibt es einen Pool von etwa 100 Helfern und Helferinnen. Außerdem gibt es Partnerschaften mit lokalen Fahrradläden und -werkstätten, die für Sonderrabatte und kostenfreie Reparaturen sorgen. Wir haben beispielsweise auch Kontakte zu dem Profi-Frauen-Fahrradteam Velonistas, I Bike Berlin und Rückenwind e.V.

Natürlich brauchen wir aber auch Spenden und schon ein einfaches Like auf unserer Facebookseite  ist schon sehr hilfreich für uns.

Ebenso ist ganz konkretes Engagement gefragt: Schieben, durchführen, weitersagen, mitlachen. Dafür kann mit mir direkt (annette@bikeygees.org) oder über Facebook Kontakt aufgenommen werden. Außerdem brauchen wir gut erhaltene Räder, besonders Klappräder wegen der flexiblen Größe oder BMX-Räder, da sie weniger anfällig für Defekte sind.

Wir freuen uns, dass sich das Projekt überregional weiterverbreitet, denn wir bekommen häufig Anfragen aus anderen Stadtteilen und sogar Städten, die wir gar nicht alle bedienen können. Aber es gibt Leute, die sich auch dort engagieren und sozusagen Ableger etablieren wollen. Der Plan ist, eine Art „Bedienungsanleitung“ zu erstellen und weitere Notunterkünfte mit Rädern, Equipment und Freiwilligen auszustatten.

Was sind für dich persönlich die wichtigsten Erfolge des Projekts?

Jede einzelne Frau, die den #BIKEYGESS ihr Vertrauen schenkt und sich auf das Wagnis einlässt, sich auf zwei dünne Reifen zu begeben, ist ein Erfolgserlebnis für alle Beteiligten.

Wenn dabei auch noch viel gelacht wird und am Ende auch nur eine von ihnen sogar Fahrrad fahren kann, hat sich das Engagement bereits ausgezahlt. Ich bin stolz, dass unsere Facebook-Gruppe bereits auf über 1050 Likes gewachsen ist und unsere Crowdfunding-Kampagne auf Betterplace.org so erfolgreich war. Wir bekommen viele positive Zuschriften und Presseanfragen aus allen Winkeln der Erde, was bereits in diesem frühen Stadium zu umfangreicher medialer Präsenz führte: UNHCR Facebook Seite, Deutsche Welle, RBB, ARD-Tagesschau und vielen mehr.

Mich freut natürlich auch ganz besonders, dass circa 70 Prozent der Frauen bei und mit uns schon das Radfahren gelernt haben und dass zehn Frauen mit eigenen Fahrrädern und passender Sicherheitsausrüstung ausgestattet werden konnten.

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Originally posted 2016-03-08 14:24:12.