Es gibt da diesen Song: „Too much blood“ von den Rolling Stones. Darin heißt es unter anderem: „A friend of mine was this Japanese. He had a girlfriend in Paris. He tried to date her in six months and eventually she said yes. You know he took her to his apartment, cut off her head. Put the rest of her body in the refrigerator, ate her piece by piece.”

Soweit so krank. Grausame Steigerung allerdings erfahren die Worte durch deren Authentizität – von “a friend of mine” (hoffentlich) mal abgesehen. Denn diesen Japaner gab es wirklich. Besser gesagt: dieses Mädchen („girlfriend“) gab es wirklich – den Japaner gibt es noch immer. Issei Sagawa heißt er und ist ein kannibalischer Frauenmörder. Im Alter von 32 Jahren tötete er während seines Studiums in Paris eine 25-jährige Kommilitonin, verspeiste Teile ihres Körpers und verging sich an dem verstümmelten Leichnam. Beim Versuch, den Großteil der Leiche, die er auf zwei Koffer verteilt hatte, zu beseitigen, wurde er von Zeugen beobachtet und zwei Tage später festgenommen. 1981 war das. Inzwischen ist Issei Sagawa ein freier Mann kannibalischer Frauenmörder. „Inzwischen“ bedeutet in diesem Fall seit 1985.

[Anm.d.Red.: An dieser Stelle könnten jetzt unfassbar widerliche Bilder gepostet werden – werden sie aber nicht. Aus Gründen der Pietät und des Ekels. Wer es nicht glaubt oder Bilder braucht, möge sich bitte auf www.internet.de selbst informieren. Vielen Dank.]

Nachdem durch aktive Täuschung französischer Gutachter zwar Sagawas Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt verneint wurde, nicht aber seine andauernde Gefährlichkeit, wurde 1983 seine psychiatrische Unterbringung angeordnet. Wegen angeblich besserer Therapiemöglichkeiten wurde er kurz später nach Japan abgeschoben,wo dortige Psychiater– anders als ihre getäuschten französischen Kollegen – die Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt bejahten. Weil hierdurch die rechtliche Voraussetzung der psychiatrischen Unterbringung weggefallen eine erneute Anklage jedoch nicht möglich war, musste Sagawa nach 15 Monaten aus dem Tokioter psychiatrischen Matsuzawa-Krankenhaus in die Freiheit entlassen werden – obwohl seine Gefährlichkeit weiter als gegeben angesehen wurde. Sowohl von Seiten der Gutachter als auch von Sagawa selbst, der seine kannibalistische Neigung als weiterhin unbehandelt beschreibt und sich immer wieder öffentlich seiner Tat rühmte. Seit 30 Jahren bestreitet er mit diesem grausamen Verbrechen seinen Lebensunterhalt, in dem er sich für Interviews bezahlen lässt, in erotischen Filmen auftritt, regelmäßig für eine japanische Zeitschrift schreibt und kurzzeitig sogar als Restaurantkritiker ungeheu angeheuert wurde. 1983 erschien sein erstes Buch, in dem er die Tat nicht nur erneut beschreibt sondern zudem auch noch illustriert.

Man möchte ihm den Stift entziehen – und das Alphabet! Ihm die Kommunikation verbieten! Ihm und allen, die diesem Subjekt ein Denkmal setzen. Ihm Möglichkeit und Podium geben, seinen kranken Dreck abzusondern. Von Hirnforschern, Profilern und ähnlich Motivierten abgesehen, die derlei Informationen präventiv nutzen.

Was bei Micael Dahlén, schwedischem Wirtschaftsprofessor und Autor von „Monster: Rendezvous mit fünf Mördern“, in dem auch der japanische Kannibale zu Wort kommt, ernsthaft anzuzweifeln ist. Zwar gilt Dahléns Respekt, der mit dem Buch der Faszination des Bösen auf den Grund gehen wollte, „jenen, die allzuleicht in Vergessenheit geraten. Denen, die in der Berichterstattung und in Märchen immer zu Statisten degradiert werden, während das Monster stets die Hauptrolle spielt.“ Doch spätestens, als er buchbeschließend „in tiefster Demut“ auch den Monstern dankt, die ihn an den im Buch vorrenee_harteveltgestellten Geschichten teilhaben ließen, ihnen „für ihre Offenheit und Gastfreundschaft“ dankt und dafür, dass sie ihn „in ihr Leben gelassen haben“, muss sich Dahlén den Vorwurf abstoßender Ikonisierung gefallen lassen. Und den Vorwurf, selbst jene vergessen zu haben, denen bucheingangs noch sein Respekt galt.

Also im Fall Sagawas dessen Opfer: der 25jährigen Renée Hartevelt und ihren Angehörigen.

Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt. Renée Hartevelt …

 

Originally posted 2014-05-19 18:11:58.