Seit Monaten dominiert ein Thema die Medien. Abkürzungen, Akronyme und Institutionen, deren Aufschlüsselung oder Existenz vorher vergleichsweise Wenige interessierte, sind plötzlich in aller Munde. Bamf, LAGeSo, umF, Frontex, AfD, Pegida – es ist klar, wovon die Rede ist.

Viel wichtiger jedoch als das Wissen, was all das ausgesprochen bedeutet, ist das, was damit in Zusammenhang steht: Flucht. Es als Synonym für menschliche Katastrophe wegzudiskutieren verbietet sich. Niemand muss sie selbst erlebt haben, um sagen zu können, dass Flucht nichts, aber auch absolut gar nichts Erstrebenswertes ist. Gleichwohl ist sie meist der einzige Ausweg in der Hoffnung auf ein besseres, auf ein sicher(er)es Leben.

Klimax der Schutzbedürftigkeit LSBTI-Flüchtlingsheim

Genau darauf hoffen auch jene, die wegen ihres LSBTI-Hintergrundes (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle) ihrem Herkunftsland entfliehen. Noch immer haben 76 Staaten der Welt ein homophobes Strafrecht – in sieben dieser Staaten LSBTI von der Todesstrafe bedroht. Aber auch in Staaten, die kein homophobes Strafrecht haben, werden LSBTI* diskriminiert und müssen einzig aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung um Leib und Leben fürchten.

Wegen der generellen Bedrohungslage hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen für LSBTI-Flüchtlinge eine „besondere Schutzbedürftigkeit“ festgestellt, welche von der Bundesregierung bejaht wurde. Weil jene Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität in besonderem Maße Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt sind – ebenso wie mehrdimensionalen Diskriminierungsstrukturen in verschiedenen Lebensbereichen der Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften.

LSBTI-Flüchtlingsheim

via hirschfeld-eddy-stiftung.de

Umso schlimmer, wenn hunderte und tausende Kilometer entfernt der Heimat, das Martyrium nicht endet und die Hoffnung auf ein besseres Leben erneut der Hoffnung auf ein Überleben weicht. Wenn die Diskriminierungen, die Anfeindungen und Übergriffe weitergehen und der Hass nicht aufhört – ausgerechnet dort, wo man meint, wenigstens vorübergehend ZuFlucht und Schutz gefunden zu haben: in den Erstaufnahmeeinrichtungen.

Ohne eine Wertigkeit vorzunehmen, hat es eine andere Dimension, wenn der Hass und die Diskriminierung von jenen ausgeht, die selbst mit einem Flüchtlingstrauma und -stigma belastet sind. Wenn in den Erstaufnahmeinrichtungen nicht nur Geflüchtete, sondern auch Diskriminierungen Asyl finden und dazu führen, dass auch dort die Schutzbedürftigkeit von LSBTI der traurigen Steigerung „besondere Schutzbedürftigkeit“ bedarf.

Bleiberecht für alle – auch manch Geflüchtete sind anderer Meinung

Die bloße Differenzierung hilft natürlich herzlich wenig. Allein zwischen August und Dezember 2015 wurden dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg 95 Gewaltvorfälle an homosexuellen und transgeschlechtlichen Flüchtlingen gemeldet. Wie der LSVD-Vorstand mitteilt, hätten sich diese überwiegend in den Flüchtlingsunterkünften selbst ereignet. Dort, wo LSBTI plötzlich auf engstem Raum mit jenen zusammenleben müssen, vor deren homo- und transfeindlicher Kultur sie geflohen sind.  Aus Angst vor Diskriminierung, sei es durch andere Geflüchtete, durch homo- oder transphobe Sicherheitsleute oder durch entsprechend feindlich eingestellte Dolmetschende, verschweigen die meisten LSBTI ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität. Ein weiterer Grund für das Verschweigen ist die geringe Kenntnis oder der fehlende Zugang zu entsprechenden Einrichtungen, die Hilfe sein oder vermitteln können.

Allem Anfang wohnt ein Zauber und Verbesserungsbedarf inne

Die Forderung verschiLSBTI-Flüchtlingsheimedener Initiativen und Verbände nach einer speziellen Unterkunft für jene besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge fand in Berlin nicht nur Gehör – sondern endlich auch entsprechende Räumlichkeiten. War im Dezember 2014 noch von einer einzigen Wohnung die Rede, ist daraus ein Heim mit 29 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen geworden. Seit Ende Februar bietet die von der Schwulenberatung Berlin betriebene queere Unterkunft Treptow damit circa 120 LSBTI-Flüchtlingen Platz. Bei geschätzt 3500 – 4000 Flüchtlingen mit LSBTI-Hintergrund, die laut Schätzung der Schwulenberatung allein im Vorjahr nach Berlin kamen, ist das zwar erst ein Anfang – aber immerhin ist es eben genau das: Ein Anfang. Und wie jedem wohnt diesem Anfang nicht nur ein Zauber inne – sondern auch ein Verbesserungsbedarf.

Sei es in Form von Geld-, Sach- oder Zeitspenden, die den dort Lebenden helfen, sich etwas sicherer und auch etwas wohler, integrierter zu fühlen und irgendwann vielleicht weitere solcher Unterkünfte eröffnen zu können. Erstmal aber gilt es, sich dem Hier und Jetzt zu widmen. Über den aktuellen Bedarf kann man sich jederzeit hier oder da informieren und entsprechend unterstützen.

Der Weisheit letzter Schluss ist solch eine Form der Unterbringung natürlich nicht – wohl aber eine gute Übergangslösung auf dem Weg zur eigenen WG oder Wohnung. Speziell in Berlin und noch spezieller vermutlich für Geflüchtete wird dieser Weg sicher kein leichter sein. Besser als der, den sie hinter sich haben, wird er hoffentlich trotzdem.

Originally posted 2016-03-22 13:00:12.