Terroranschläge, der Zustrom geflüchteter Menschen, und allgemeine Kriminalität zeichnen für manche Bewohner Deutschlands ein bedrohliches Gesamtbild, auch wenn einige dieser Dinge nicht wirklich unmittelbar zusammenhängen.

Dem Staat traut man nicht mehr zu, uns alle zu beschützen. Nicht nur die Anschläge in Paris vom 13. November, sondern auch die vieldiskutierten Vorfälle der Silvesternacht in Köln hatten ihren Anteil daran. Die Nachrichten kennen fast nur noch ein Thema und die Sozialen Netzwerke sind voller Schreckensmeldungen und Erfahrungsberichte besorgter Bürger mit „dem Fremden“.

Ein Interview im Waffenladen: Waffenscheine und Alternativen

Die Verunsicherung in der Bevölkerung steigt zusehends und man hört immer wieder vom „bewaffneten Bürger“.

Eine Umfrage unter den 1000 Mitgliedsbetrieben des Verbandes Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler hat ergeben, dass sich der Verkauf sogenannter „Abwehrmittel“ 2015 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt habe, so Pressesprecher Ingo Meinhard.

Auch Pavel Sverdlov profitiert von der neuen Angst in Deutschland – als Inhaber des Waffenladens Soldier of Fortune an der Frankfurter Allee in Berlin. Ich habe ihn besucht, doch er sieht es nicht direkt als Bewaffnung und kritisiert die Wortwahl in meiner E-Mail-Anfrage:
Sich bewaffnen bedeutet für mich Angriff und Aggression. Die Leute, die zu uns kommen, sind aber definitiv nicht aggressiv, sondern eher verängstigt und wollen sich wehren. Ich würde das anders formulieren: Deutschland wehrt sich.“
Da hat er auch durchaus recht, denn ich bezweifle auch, dass der 65-Jährige mit seiner Enkelin das Pfefferspray kauft, weil er eine Gewalttat plant.

Doch impliziert diese Formulierung wiederum, dass es einen Grund zur Wehrsetzung gibt. Das ist genau der Knackpunkt, der die Meinungen im Land spaltet und sich eben unter anderem darin äußert, dass sich Pavel Sverdlovs Umsatz in kurzer Zeit verdreifachte.

In die Branche kam er mehr oder weniger zufällig als Quereinsteiger, obwohl gewisse Voraussetzungen gegeben waren. Der gebürtige Russe kam als studierter Schiffsbauingenier aus Sankt Petersburg nach Deutschland. Pavel arbeitete jahrelang im Umfeld von Kriegsschiffen, wordurch er zwangsläufig mit Waffentechnik in Kontakt kam. Dadurch war der Schritt zum Waffenhandel nicht allzu abwegig.


Ein Blick ins Geschäft

Seit er den Laden führt, kam es zu keinem vergleichbaren Anstieg der Nachfrage, wie das im Moment der Fall ist. In der Regel kämen im Herbst und Winter, wenn es draußen dunkel ist, mehr Menschen als sonst und auch vor Silvester werde mehr Signalmunition, etwa für Leuchtpistolen, gekauft.

Frauen rennen dem „Männergeschäft“ die Türen ein

Aber nicht nur die Nachfrage, sondern auch der Kundentyp habe sich verändert. „Unsere Zielgruppe sind in der Regel junge Männer, beziehungsweise generell Männer, im Alter zwischen 18 und 50 Jahren. In Anführungsstrichen ist es ein Männergeschäft – Frauen kamen bisher nur sehr selten. Seit der Silvesternacht kommen ununterbrochen Frauen und verhältnismäßig viele ältere Menschen, die sagen, dass sie sich unsicher fühlen. Und von den Männern möchten viele gerne etwas handliches, kleines für ihre Tochter, oder die Frau. Das ist ziemlich eindeutig.“, sagt Sverdlov.

Ich frage ihn, ob die Kunden oft dazusagen, weshalb sie hier einkaufen, was wohl sehr unterschiedlich sei. Außerdem sei der Laden keine Sozialstation, in dem die Leute ihre Seele öffnen.
Aber seit Ende August 2015 habe sich das Verhalten der Kunden spürbar verändert, was sich mittlerweile vollends bemerkbar macht.

Als die Nachfrage bereits größer wurde, hätten sich die Kunden immer noch zurückhaltend verhalten und sich nicht viel geäußert, wohingegen jetzt klare Aussagen über den Zweck des Einkaufs gemacht werden. Und dieser sei die Angst vor Flüchtlingen und – wie Sverdlov die Kunden zitiert – vor „unzähligen Massen an Zugewanderten aus muslimischen Ländern“, weil der Staat angeblich nicht in der Lage ist die Sache unter Kontrolle zu halten.
Einfacher gestrickte Menschen seien da weniger zimperlich, als andere.

„Die Akademiker halten sich da deutlich zurück, aber wenn Arbeiter oder weniger gebildete Leute kommen, reden die schon mehr so nach dem Volksmund“

Waffe ist nicht gleich Waffe

Ich möchte auch wissen, ob Pavel schon einmal etwas nicht verkauft und den Kunden wieder weggeschickt habe. Das sei bislang noch nie passiert, aber es gebe gewisse Richtlinien, an die er sich zu halten habe und wenn jemand beispielsweise betrunken auftauche, gebe man ihm natürlich keine Waffe in die Hand. Allerdings habe er auch wirklich noch nie erlebt, dass jemand offen sagte, dass er die soeben gekaufte Gaspistole dazu brauche, um Asylbewerber oder andere Menschen anzugreifen.

Darüber hinaus sei auch zwischen Waffen, wie Gas- und Signalpistolen, und Verteidigungsmitteln, wie dem Pfefferspray, zu unterscheiden.
Schaden kann man prinzipiell mit den meisten herkömmlichen und augenscheinlich harmlosen Gegenständen verursachen, aber das Gesetz unterscheidet da schon zwischen „Angriff“ und „Verteidigung“.

Ist Pfefferspray denn überhaupt ein effektives Mittel zur Selbstverteidigung, oder gibt es noch andere und bessere Möglichkeiten?
„Der Spielraum, den der Gesetzgeber dem normalen Bürger zum Selbstschutz lässt, ist relativ klein. Gaspistolen oder Teleskopschlagstöcke kann man zwar kaufen, aber man darf sie ohne kleinen Waffenschein nicht in der Öffentlichkeit führen. Man unterscheidet nämlich auch nochmal bei den Verteidigungsmitteln. Während diese nur für den Schutz des Eigentums auf privatem Grund legal sind, kann man Pfefferspray oder Elektroschocker frei führen. Da aber nur in Deutschland zertifizierte Elektroschocker verkauft werden dürfen und es nur sehr wenige Hersteller hier gibt, sind sie immer ausverkauft. Man bekommt sie fast nicht, weshalb das Pfeffergel oder -spray am sinnvollsten zum Selbstschutz ist.“, so der Fachmann.

Worüber sich viele womöglich auch nicht im Klaren seien, ist die hohe Gefahr der Notwehrüberschreitung mit Waffeneinsatz. Das bedeutet, dass man sich selbst trotz Notwehrsituation strafbar machen kann, wenn man beispielsweise einen verbotenen Gegenstand zum Schutz nimmt. Bei unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben sollte darüber auch nicht nachgedacht werden.

„Zwölf Geschworene sind immer noch besser als acht Sargträger“, sagt ein bekannter Kampfsport-Trainer, dennoch sollte man sich im Vorfeld ein paar Gedanken machen, um hinterher nicht versuchen zu müssen, dem Richter das mit der Verhältnismäßigkeit zu erklären.
Daher erhält jeder Kunde eine Rechtsbelehrung und Hinweise darüber, was man darf und was nicht. Dazu ist Pavel als Verkäufer verpflichtet.

Wahrung der öffentlichen Sicherheit lieber den Profis überlassen

Trotzdem wurden in jüngerer Vergangenheit auch vermehrt kleine Waffenscheine ausgestellt und es gibt ohne Frage auch die Bürger, die ein aggressiveres Verhalten an den Tag legen, als der Durchschnittskunde im Waffenladen. Wie erklärt man sich sonst brennende Flüchtlingsheime und Handgranaten in Vorgärten?

Im Übrigen sei jedem besorgten Bürger, der seine Sicherheit in Gefahr sieht, und Ambitionen hegt, sich einer Bürgerwehr anzuschließen gesagt, dass das als Privatperson nicht so einfach ist mit dem „Staatsschutz“. Nur weil man eine Warnweste anhat, bedeutet das nämlich nicht automatisch, dass man Leute auf der Straße kontrollieren oder gar „festnehmen“ darf. Das so genannte Jedermann-Festnahmerecht existiert zwar, ist aber an einige Bedingungen geknüpft, die erfüllt sein müssen, um nicht als Nötigung, Freiheitsberaubung, Belästigung oder Körperverletzung zu enden. Die Anzeigen erhält dann der selbsternannte Gesetzeshüter.

Lieber informieren und besser auf Bürgerwehren verzichten, statt unbescholtene Bürger mit einem fehlgeleiteten Gerechtigkeitssinn zu drangsalieren. Oder womöglich mehr Unheil anzurichten, als diejenigen, vor denen ihr irgendjemanden zu beschützen versucht.

Originally posted 2016-02-19 17:39:23.