Die Pubertät ist eine Einbahnstraße durch die Hölle

Hormone, Selbstfindung und Gruppenzwang sind nur drei der unzähligen Endgegner, mit denen man in dieser irren Phase epische Schlachten auszutragen hat. Ein Versuch aus dem emotionalen und sozialen Dilemma einen Ausweg zu finden, ist häufig das Brechen von Regeln und gesellschaftlichen Tabus. Das kann ganz idiotische Formen annehmen, wie Wodka Eyeballing oder After Sex Selfies. Rebellen ohne Grund. Und ohne Botschaft.

Teenager eben.

In anderen Fällen liegen der pubertären Rebellion aber durchaus intelligente und relevante Absichten zugrunde, die man einem Hormon verwirrten und grünschnäbeligen Teenager erstmal gar nicht zutraut.

 

Mit dreckigen Haaren gegen das Establishment

Von einem solchen Fall handelt die 1996 entstandene Amateurdokumentation “Dirty Girls” von Michael Lucid. Porträtiert wird eine Gruppe 13-jähriger Mädchen, die von ihren Mitschülern als “Dirty Girls” verhöhnt werden. Ungewaschen, dreckig und eklig seien die Mädchen. Mit hässlichen Klamotten aus der Mülltonne. “FILTHY! FIIIILTHY!!!”, kreischt eine gut frisierte Mitschülerin in die Kamera. Fieses Gelächter und Geläster auf dem Schulhof sind zeitlos, das wird in dem kurzen Film ziemlich schnell deutlich. In den 90ern war der Schulhof die große Arena der Gemeinheiten. Ein gnadenloser Schauplatz voller Machtkämpfe um Popularität und Zugehörigkeit. Die “Dirty Girls” bieten in diesem Cliquenkampf eine große Angriffsfläche. Mit Klamotten die nach Altkleider aussehen, ungekämmten Haaren, gänzlich ungeschminkt oder mit groteskem Make-up, bieten sie ideale Vorraussetzungen für jeden, dessen Ego die Abwertung anderer braucht, um in der Popularitäts-Rangliste nach oben zu steigen. Aber die “Dirty Girls” spielen nicht mit.

 

Sauer statt dreckig

Ja, sie sind gerne anders, tragen Klamotten, die sich nicht nach Trends richten, bleiben lieber unfrisiert, aber ungewaschen sind sie nicht, antworten die Mädchen. Eigentlich würden einfach nur darauf scheißen, was andere über sie denken, und ob sie jemandem gefallen.

Was zunächst wie ein mutiger aber irgendwie willkürlicher Rebellionsreflex wirkt, entpuppt sich nach wenigen Minuten als sehr durchdachte Reaktion auf gesellschaftliche Normen, und Schönheitsideale. “I have a right to be mad” heißt eine Zeile aus dem selbst gemachten Magazin von zwei Mitgliedern der sogenannten “Dirty Girls”. In dem Heft wird in der Tradition der Riot Grrrls ordentlich Bambule gemacht. Das Werk der selbsternannten “Sour Grrrls” löst bei den meisten Mitschülern ein lautes “Ewww” aus und erntet Gelächter und Verachtung. Die Reaktion ist nicht verwunderlich,  morbide Zeichnungen, die offene Thematisierung sexueller Gewalt und kämpferische Parolen gegen das Patriarchat, überfordern schon den Verstand vieler  Erwachsener. Was will man da von Highschool-Schülern erwarten?

 

 

Mit 13 schon ein Boss

Vor so viel Eierstöcken in der Hose, Fett in den Haaren und Lippenstiftresten auf den Zähnen kann man sich eigentlich nur verneigen. Mit 13 so konsequent ein Fick darauf zu geben, was die Welt von einem ‘richtigen’ Mädchen erwartet, können wohl die wenigsten von sich behaupten. Und als totale Außenseiterinnen den Mund gegen Schönheitswahn und gesellschaftliche Zwänge aufzumachen und dabei zu riskieren, dafür ausgelacht und gehänselt zu werden, zeugt von Bossqualitäten. Dafür verleihen wir symbolisch die Ehrenvagina und fragen uns, wie es den rebellischen Mädchen von 1996 nach dem Film ergangen ist. Ob aus den Dirty Girls heute Nasty Women geworden sind?

Wissen wir nicht, aber wir haben da eine Ahnung. In Videos des „Dirty Girls Follow-Up“ von 2013 kann sich jeder gerne selbst ein Bild davon machen.