„Das Musikgeschäft ist eine grausame und hirnlose Geldkloake, ein langer Korridor aus Plastik, in dem Diebe und Zuhälter tun und lassen, was sie wollen, und gute Menschen vor die Hunde gehen. Im Übrigen hat es auch eine negative Seite.“

So zog Hunter S. Thompson früher (und vermutlich auch zu Recht) über die Musikbranche und die Windhunde, die sie bevölkerten, her.

Wurden damals auch wirklich noch Unsummen für Nichtigkeiten versenkt – ob für ausschweifende Partys mit Drogenexzessen oder, um im Reagenzglas gezüchtete Künstler aufzubauen und bestmöglich auszuschlachten.
Aber diese Zeiten sind längst vorbei, auch wenn die Grundaussage weiterhin zutrifft. Mittlerweile wurde der Gürtel enger geschnallt. Die fetten Jahre sind vorbei und nachdem bereits eines der größten vier Major-Labels von einem anderen geschluckt wurde, müssen die verbleibenden drei sehr knapp kalkulieren und haben es auch nicht mehr so leicht.
Nicht nur der Musikmarkt selbst, sondern auch die Art, wie wir Musik konsumieren hat sich in den letzten Jahren stark verändert und eine Plattenfirma muss sich mittlerweile in der digitalen Welt behaupten können.

Das Album als klassische Darreichungsform ist auf dem Rückzug, Musikdownloads haben nicht nur einen kometenhaften Aufstieg hinter sich, sondern wurden bereits fast schon wieder durch das Streaming abgelöst. Künstler und Bands gehen bereits seit einiger Zeit andere Wege, um Kontakt zu Fans und Publikum herzustellen. Man ist – mal wieder dank des Internets – immer weniger auf klassische Vertriebsstrukturen und eine große PR-Abteilung angewiesen. Das Tonträgerunternehmen als Bindeglied zwischen Produzent und Konsument, das das Produkt vermarktet und unters Volk bringt, verliert zunehmend an Bedeutung.

Indie-Labels hatten es schon immer schwerer in der Musikbranche und sind natürlich ebenso von diesen Veränderungen betroffen. Als Underdogs hatten sie zwar oft auch einen Vorteil gegenüber unbeweglicheren und auf Massentauglichkeit angewiesene Großunternehmen … doch gekämpft werden musste trotzdem.

Wenn es bereits bestehende Labels und selbst die Größten in der Branche nicht ganz einfach haben, fragt man sich, ob es sinnvoll ist, in diesen Zeiten ein neues Label zu gründen.
Zumal der Weg in die Selbstständigkeit nie ein Leichter ist, wird er durch die strauchelnde Industrie noch erschwert.
Oder kann man gar mit einem frischen Konzept den Markt umkrempeln und die angestaubten Strukturen durchrütteln?

Wir haben drei Musiker und Labelgründer gefragt, wie sie auf die Idee kamen eine eigene Plattenfirma zu gründen, welche Hürden genommen werden mussten und ob das tatsächlich eine so gute Idee war.

Ein eigenes Musiklabel gründen? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Unsere Plattenbosse eint die Liebe zur Musik und ein starker DIY-Gedanke, doch gibt es auch reichlich Unterschiede. Angefangen bei der musikalischen Ausrichtung:

crazysane_logo

Chris stammt aus Berlin und gründete erst Anfang 2016 CRAZYSANE Records. Auch wenn er sich nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt hat, werden es aber „wesentlich mehr rockige, noisige Sachen als überproduzierte R&B-Nummern sein“.

Tristan aus Frankfurt am Main gründete 2014 gemeinsam mit dem Wiener Damon das Label Katalog Recordings, da sie „einen Bedarf an einer Plattform für progressive, experimentelle, aber trotzdem zugängliche junge Musik“ sahen. Bei ihnen geht es sehr elektronisch zu.

katalog_recordings

Ausschlaggebend für den Schritt ein eigenes Unternehmen zu gründen, statt auf die etablierten Strukturen zurückzugreifen, waren bei beiden der Drang die eigenen Ideen kreativ umsetzen zu wollen. Während Chris mit CRAZYSANE vor allem auf „kleine Auflagen mit besonderem Charakter“ abzielte, dachten Tristan und Damon noch einen Schritt weiter. Sie wollen Heimat sein, für all jene, die sich abseits des Mainstream bewegen und mit Katalog einen Gegenpol zur Anpassung an Trends bieten. Warp Records diente dabei als Vorbild.

Doch man kann noch so edle Ziele und große Visionen haben; ohne Eigeninitiative bleiben die Pläne rein theoretisch.
Die Anmeldung eines Labelcodes ist aber erst der Anfang und die richtige Arbeit geht danach erst los. Denn auch wenn das Label dann offiziell auf dem Papier existiert, muss drumherum noch ganz viel passieren.
Es gebe zwar die Möglichkeit gegen ein kleines Entgelt über gängige Portale zu veröffentlichen, doch dann könne man sich im Grunde auch die ganze Mühe sparen, so Tristan und Damon.
Man muss also auf die Suche nach einem ordentlichen Vertrieb gehen, der bestenfalls ähnliche Ideale vertritt. Denn so wichtig beispielsweise Bandcamp als Medium zur digitalen Präsenz auch sei, biete so ein Label dennoch viele Vorteile.

Dabei ist es auch recht egal, ob es sich wie bei Tristan und Damon um elektronisch, oder härtere Rockmusik, wie in Chris‘ Fall dreht.
Während die Einen zwar mehr auf den digitalen Markt abzielen und versuchen müssen ihre Zielgruppe zu definieren und vor allem dann noch zu erreichen, muss sich der Andere um die Frage kümmern, wo man am besten sein Vinyl pressen lässt und wie kalkuliert werden muss, damit der Preis auch annehmbar bleibt, die Ausgaben die Einnahmen aber nicht um ein Vielfaches übersteigen.
Der Trend gehe nach Chris‘ Einschätzung nämlich dahin, dass die Leute eher ungern ihr Geld für ausschließlich digitale und nicht greifbare Musik ausgeben würden. Daher ziele er auf die kleine Nische der echten Vinyl-Liebhaber ab, die lieber eine echte Platte mit schickem Artwork in Händen halte.

eigenes label gründen

Die limitierte 7″ von Chris‘ eigener Band Heads gemeinsam mit Closet Disco Queen aus der Schweiz

Doch unabhängig von digitaler oder physischer Musik, sowie einer unterschiedlichen Zielgruppe sind sich alle einig, dass eine Labelstruktur gegenüber einem selbst verwalteten Bandcamp-Account, um bei diesem Beispiel zu bleiben, Vorzüge hat. Die Jungs von Katalog Recordings fassen das gut zusammen:
„Natürlich kann jeder seine eigene grafische und emotionale Identität selbst gestalten, aber ich habe den Eindruck, dass zu viele junge Künstler*innen alle Aufgaben selbst übernehmen wollen und frage mich da einfach – wieso?
Wollt ihr nicht lieber 24/7 geile Songs schreiben? Und steht ihr so sehr auf schlechte Logos und die neunzigtausendste Verwendung eines langweiligen Free Fonts?
Klar gibt’s Kollektive, in die jede und jeder was einbringen und dann erfolgreich auf allen Ebenen gestalten. Aber das ist dann ja nichts andres als ein Independent Label – das wir auch sind.“

Somit biete ein Label vor allem für die eigenen Projekte eine Plattform, auf der man frei agieren könne. Zusätzlich aber auch eine gute Basis für Bands, die den Kopf für die Musik frei haben möchten und jemanden im Hintergrund haben, der sich beispielsweise um GEMA-Anmeldungen und alles weitere kümmere.

Worin sie sich auch alle einig sind, ist die Tatsache, dass man zwar durchaus einiges an Arbeit auf sich zukommen sehe, der Aufwand, den man aber letztendlich betreibe, diese Vorstellung nochmal übersteige.
Vor allem der Sprung von der Gründung des Labels bis zu den ersten Veröffentlichungen sei sehr beschwerlich. Zum Beispiel erst einmal Künstler und Bands zu finden, die zum einen gut genug seien und zum anderen noch keine andere Plattenfirma um sich hätten, sei nämlich schwieriger als gedacht.

Bei Katalog Recordings machen sich all diese Schwierigkeiten, nach etwas mehr als zwei Jahren nun bemerkbar. Schuld seien laut Tristan auch die Illusionen, denen man sich trotz allem Realismus hingegeben habe: „Ich dachte Anfangs, dass wir durch unseren spitzen Ansatz eine Zielgruppe erreichen können, die bei anderen Labels nur als Beiwerk fungiert. Mittlerweile habe ich erkannt warum, das so ist. Diese Zielgruppe ist verdammt klein und nicht gerade kaufkräftig.“
Mittlerweile sind sie daher mit ihren T-Shirts und anderem Merch fast erfolgreicher, als mit der veröffentlichten Musik.

Wenn schon die Indie-Labels immer damit zu kämpfen hatten und auch die großen Major-Labels ab und an damit Probleme bekommen, sieht es für eine Neugründung auf den ersten Blick sehr aussichtslos aus.

Ist es also wirklich eine gute Idee sich solch einen Arbeitsaufwand und das immense Risiko ans Bein zu binden?

Chris steht mit CRAZYSANE erst am Anfang, kann aber bereits mit großer Gewissheit sagen, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis zueinander stünden und es einer ganzen Menge Recherche und unzähliger E-Mail bedarf, um überhaupt erst ein Grundgerüst aufzubauen. Doch ginge es bloß um ein profitables Ergebnis, hätte er sich um eine Karriere bei der Sparkasse bemüht und nicht dieses Unterfangen gewagt. Viel besser noch, als erwartet, sei nämlich das Gefühl gewesen, das erste Release des eigenen Labels in Händen zu halten. Das entschädige für sehr vieles.

Tristan und Damon geht es da sehr ähnlich, weshalb sie gute Ideen für Zeitverschwendung und Entwicklungshemmer halten: „ Gute Ideen sind: Ausbildungen zur Bankkauffrau, mehr Sport machen als denken, weniger jammen und aus steuerlichen Gründen heiraten.
Unser Leben dreht sich um schlechte Ideen und was wir während ihrer Realisierung über uns, die Gesellschaft und die Zusammenarbeit mit Menschen lernen.“

Man kann also all jenen, die sich eine sichere Zukunft und ein solides berufliches Fundament wünschen nur dringend davon abraten, ein Musiklabel zu gründen. Wie bei jeder Existenzgründung und beim Versuch sich selbstständig zu machen, gibt es äußerst viel zu tun und ein nicht zu unterschätzendes Risiko.
In der Musikbranche kommen noch ein paar weitere Faktoren hinzu und man muss sich letztendlich auf harte Arbeit und eine sehr ungewisse Zukunft einstellen. Zumindest, wenn das Label als einziges Standbein gedacht ist.

Mir erzählte mal ein Labelchef mit über 20 jähriger Berufserfahrung: „Ich habe eigentlich keine Ahnung, was ich tue. Die meisten anderen übrigens auch nicht. Es kommt darauf an, die richtige Band zum richtigen Zeitpunkt zu haben, doch das allein reicht auch nicht aus, denn die muss auch noch bei den richtigen Leuten ankommen und gehört werden.
Wenn das alles zusammenkommt, braucht man nur noch etwas Glück.“

Das fasst es im Grunde ganz gut zusammen. Deshalb darf man sich auch von größeren Hürden nicht abschrecken lassen.

Vielen Dank an Chris, Tristan und Damon für ihre Antworten und Einblicke in die Arbeit mit einem eigenen Label. Die ausführlicheren Einzel-Interviews gibt es demnächst auch bei uns zu lesen.

Originally posted 2016-05-30 17:37:44.