Die Zeiten sind vorbei, da 3D-Drucker als Sensation galten. Die Begeisterung über die vielfältigen Möglichkeiten der Geräte ist dennoch ungebrochen. Gedruckt wird, was nicht druckbar scheint – zuweilen mit umstrittenem Ergebnis.

Umstritten wird sicher auch das neueste Druckerzeugnis sein, das seit diesem Schuljahr an Frankreichs staatlichen Schulen zum Sexualkunde-Lehrmaterial zählt: eine Klitoris aus dem 3D-Drucker. Das von der sozio-medizinischen Forscherin Odile Fillod zusammen mit Mélissa Richard von Fab Lab entwickelte, anatomisch exakte Model, soll an Frankreichs Schulen über Aufbau und Funktion der Klitoris aufklären und so zum Verständnis der weiblichen Anatomie beitragen. Zum (lehrplangerechten) Einsatz kommen soll der Klitoris-Druck im Sexualkundeunterricht.

Anatomie nicht Magie

Die Idee, ein solches Modell für Lehrzwecke anfertigen zu lassen, kam Odile Fillod, als sie im Rahmen ihrer Arbeit an einer Reihe antisexististischer Aufklärungsvideos bemerkte, dass nur die wenigsten Schulbücher Bilder und ein umfassendes Verständnis der Klitoris vermitteln.

Foto: Marie Docher

Foto: Marie Docher

Wie Fillod gegenüber dem Guardian erklärte, hofft sie, mit dem neuen Lehrmaterial dazu beitragen zu können, dass an Frankreichs Schulen ein besseres und akkurates Bild der weiblichen Sexualorgane und der Sexualität vermittelt wird. Und zwar nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei den Schülerinnen.

Denn für Frauen ist das Verständnis des eigenen Körpers nicht weniger wichtig. Zu wissen, dass auch weibliche Erregung nicht mit Magie sondern mit Anatomie zu erklären und fehlende Lust trotz „Bemüht-Seins“ nicht anormal ist, könne Fillods Meinung nach helfen, die häufig mit Sexualität in Verbindung stehende Scham zu beseitigen.

Hilfreich sei das Model und hierdurch hoffentlich vermitteltes Verständnis auch im Hinblick auf Gender Equality im Sexualkundeunterricht, deren gegenwärtiger Stand vielfach von der UN kritisiert wurde. Und zwar nicht nur in Frankreich, sondern weltweit. Insbesondere missbilligt die UN, dass der Fokus meist ausschließlich auf dem Vergnügen der Männer liegt, während die weibliche Sexualität oft völlig ignoriert wird.

Diese Einschätzung bestätigt auch ein im Juni veröffentlichter Report einer französischen Regierungsorganisation mit Schwerpunkt Gender Equality, die bemängelt, dass der aktuelle Lehrplan Jungs über Sexualität im Kontext des Vergnügens aufklärt, während der Fokus bei Mädchen in Sachen sexueller Aufklärung auf Liebe gelegt wird.

Zurückzukommen auf die 3D-Klitoris: Diese ist also nicht nur Ausdruck des Bedarfs nach mehr Körperverständnis, sondern auch nach Gender Equality. Insofern ist das Modell eines, das hoffentlich nicht nur in Frankreich Schule macht. Das werden sicher nicht alle so sehen. Interessierte mit Zugang zu einem 3D-Drucker können sich hier ganz schad- und kostenlos an den entsprechenden Druckdaten bedienen.

Originally posted 2016-10-06 11:01:22.