Medicine Hat liegt in der kanadischen Provinz Alberta und ist allein des Namens wegen schon erwähnenswert. Seine Bewohner nennen die Stadt „The Hat“. Ich frage mich, wie man dessen Bewohner wohl nennt: Die Hattians, Hatters, Mediciners… ?

Das ist aber noch nicht das Ende der kuriosen Geschichten über Medicine Hat, denn die Stadt beschloss 2009 Obdachlosigkeit einfach abzuschaffen. Mittlerweile wurde das Ziel (fast) erreicht und diese Nachricht ruft ebensoviel Begeisterung hervor wie sie Fragen aufwirft.

Der Plan Obdachlosigkeit zu beenden, scheint auf den ersten Blick, wie das Sterbeverbot im britischen Parlament…

…Nett gemeint, doch schwer umsetzbar.

Gibt es Sanktionen für das Verlieren seiner Behausung oder werden alle Obdachlosen aufgesammelt und ähnlich wie die Kinder der Armen in Jonathan Swifts A Modest Proposal „verwertet“? Oder einfach im örtlichen Gefängnis untergebracht? Somit wären sie von der Straße, hätten ein Dach über dem Kopf und würden die Statistik aufbessern. Dadurch würden dem Staat aber hohe Ausgaben verursacht. Das wäre also auch nicht ganz im Sinne der Gemeinde, denn Obdachlosigkeit kostet die Stadt bis zu 100.000$ im Jahr – und das pro Person.

Weil Obdachlosenheime mitsamt Personal, Krankenhausaufenthalte, Polizeieinsätze und das Justizsystem Ressourcen verschlingen.
Nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Arbeitskraft geht daran verloren. Verloren ist vielleicht der falsche Begriff, denn immerhin wird Menschen in Notsituationen geholfen. Im Anschluss an die kurze Hilfe werden sie aber wieder dahin zurück geschickt wo sie hergekommen sind: Auf die Straße.

Die oft zitierte daoistische Weisheit vom Fische verteilen und Angeln beibringen kommt dabei in den Sinn, denn dadurch wird weder das grundlegende Problem beseitigt, noch irgendwem langfristig geholfen.

homeless

Die Kanadier haben sich letzendlich dazu entschlossen, dass es wohl doch besser sei Angelstunden zu geben, anstatt nur Fische zu verteilen.

Deshalb wird mit Hilfe eines Fünfjahresplans versucht jedem Einwohner von Medicine Hat, der sich obdachlos meldet, innerhalb von 10 Tagen eine Unterkunft zu verschaffen. Keine Notunterkunft oder eine Kirchenmission, sondern wieder eine eigene Bleibe.

Seit Beginn des Projekts im April 2009 haben 858 Obdachlose (bis März 2015) durch die Medicine Hat Community Housing Society ein neues Zuhause gefunden.

Die Quote spricht für einen Erfolg. Mittlerweile verbringt kein Einwohner längere Zeit auf der Straße. Das ist eine erstaunliche Leistung für eine Stadt mit etwas mehr als 60.000 Einwohnern.

Der Hauptbeweggrund hinter dieser Maßnahme ist allerdings nicht ein huminitärer Sinneswandel oder ein ungetrübter Gerechtigkeitssinn, sondern wie so oft das Geld und kommunale Einsparungsmöglichkeiten.

Der damalige Ratsherr und mittlerweile Bürgermeister und (finanzpolitisch) konservative Ted Clugston hatte 2009, als der Plan auf den Tisch kam, noch eine andere Meinung zu dem Vorhaben:

„I even said some dumb things like, ‚Why should they have granite countertops when I don’t,'“ he says. „However, I’ve come around to realize that this makes financial sense.“

Wer aber hätte gedacht, dass das mal zu einer solch positiven Entwicklung führt. Das ist sogar weit vom ‚das Richtige aus den Falschen Gründe tun‘ entfernt, denn was die Stadt und der Staat einsparen, kann an anderer – und hoffentlich erneut der richtigen – Stelle ausgegeben werden.

Originally posted 2015-06-10 15:17:25.